Trends im Buchhandel

Bücherregale; Rechte: dapd
Zur Frankfurter Buchmesse 2011

"Bei Duftkerzen und Vasen hört es für mich auf"

Erlebnis-Shopping und Einzelberatung - der umworbene Buchkunde


Das Bücherkaufhaus am besten Platz der Stadt: neben den Bestsellertürmen stapeln sich Schreibwaren und Spielzeug. Nur ein Versuch der großen Ketten, Umsatzeinbrüche abzufedern. Zum Auftakt der Buchmesse in Frankfurt ein Gespräch über Trends im Handel und die besondere deutsche Buchkultur.

Seit über 20 Jahren ist Reinhold Joppich Vertriebsleiter des Kölner Verlages Kiepenheuer & Witsch. Er kennt die Anforderungen kritischer Kunden und beobachtet den Markt genau.


WDR 5: Beim Stöbern in riesigen Buchläden ist man selten allein. Doch der Großbuchhandel hat mit Gewinnrückgängen zu kämpfen, Filialen an prominenten Plätzen werden schließen. Warum?


Porträtbild Reinhold Joppich; Rechte: Kiwi-Verlag
Reinhold Joppich

Reinhold Joppich: Vor zehn Jahren fing dieser Kampf der Giganten an, da tobte ein massiver Konkurrenzkampf vor allem in den Großstädten. Jetzt zeigt sich das Dilemma der großen Ketten, weil sie enorme Kosten durch Mieten haben, wenig in Ausbildung und Personal investiert haben und der Kunde das Konzept so nicht mehr annimmt. Der Kunde fühlt sich dort verloren. Damit meine ich nicht diejenigen, die mal eben einen Bestseller kaufen wollen. Wir haben Umfragen dazu gemacht und es gibt demnach noch sehr viele, die wirklich schauen, sich informieren und beraten werden wollen.

WDR 5: Die großen Buchläden setzen auf Erlebnis-Shopping: Da werden zum Beispiel kleine Konzerte oder italienische Abende mit Catering veranstaltet. Die Warenwelt erinnert an das Tchibo-Konzept, es gibt bei weitem nicht nur Bücher. Der Umsatz mit diesen "Non-Books" liegt  bereits bei etwa 30 Prozent. Ein gutes Konzept?

Joppich: Gerade die großen Läden haben Umsatzeinbrüche durch das Internet, vor allem im Ratgeber-Bereich. Wenn ein neuer Duden herauskam und früher 5.000 bestellt wurden, sind es heute gerade einmal 500. Daher ist es klug, buch-affine Produkte wie Hörbücher, DVDs oder Spiele anzubieten, um so Umsatzeinbußen auszugleichen. Aber bei Duftkerzen und Vasen hört es für mich auf. Das findet der Kunde alles im Kaufhaus, da fühlt er sich nicht mehr ernst genommen. Ich sehe das als große Gefahr. 


Frau räumt Bücherregale auf Buchmesse ein; Rechte: dpa
Wie sieht die Zukunft des Buchmarktes aus?

WDR 5: Ist das jetzt die Chance für die kleinen Buchläden?

Joppich: Auf jeden Fall. Sie müssen in Beratung investieren, individuell bleiben, eine gute Sortimentsauswahl haben. Das ist zwar aufwändig, aber nur so kann der kleine Buchladen überleben. Die Kundenbindung ist das Wichtigste. Wir sehen ja auch, dass es hier Umsatzzuwächse gibt. Der Kunde kehrt wieder zu den Kleinen zurück. Da hat er den persönlichen Kontakt und auch wenn er ein Buch nicht sofort bekommt, hat er es immerhin am nächsten Tag.


WDR 5: Das Online-Warenhaus Amazon hat zuletzt erklärt, dass es inzwischen weltweit mehr elektronische als gedruckte Bücher verkauft. In Deutschland liegt der Marktanteil allerdings noch unter einem Prozent. Wie sehen Sie die Zukunft des E-Books?

Joppich: Die Medien machen einen unglaublichen Hype daraus. Ja, in Amerika haben E-Books enorme Zuwächse, aber der amerikanische Buchmarkt ist überhaupt nicht mit dem deutschen zu vergleichen. Dort gibt es keinen Flächenhandel und keine Preisbindung. Unser Verlag ist seit eineinhalb Jahren im Geschäft mit E-Books, der Gesamtzuwachs liegt bei 0,5 Prozent. Für uns ist das ein winziger Markt. Ich bin überzeugt, dass die E-Books in den nächsten Jahren auch in Deutschland eine größere Rolle spielen werden, aber nicht in dem Ausmaße - 20 bis 30 Prozent - wie es andere voraussagen. Wir haben einfach eine andere Buchkultur. 


Stand: 12.10.11





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