Bologna-Prozess
"Ich fühle mich wie ein Versuchskaninchen"
Der Bologna-Prozess und seine Folgen für die deutschen Unis
Von Armin Himmelrath
Volle Lehrpläne und volle Hörsäle, schlechte Betreuung und ein schwieriger Alltag: Der Frustpegel der Studentinnen und Studenten in Deutschland ist ziemlich hoch. Mehr als 2,2 Millionen Nachwuchsakademiker gibt es mittlerweile in Deutschland, ein neuer Rekord – und das, obwohl die Universitäten und Fachhochschulen derzeit eine Reform-Großbaustelle sind.
Wenn Sarah, angehende Lehrerin aus Wuppertal, mit ihren Eltern über ihr Studium sprechen will, prallen zwei Uni-Welten aufeinander: Das alte System der Staatsexamens-Studiengänge, in dem ihr Vater und ihre Mutter noch studiert haben, und die neue Bachelor-Master-Struktur mit Modulen und Credit-Points. "Vom Studieren nach Bologna haben die beiden einfach keine Ahnung", sagt die 20jährige: "Für meine Eltern ist es ein echter Kulturbruch, dass vom ersten Semester an jede Note schon für das Examen zählt." Sie selber, sagt Sarah, fühle sich "wie ein Versuchskaninchen, an dem mal ausprobiert wird, wie der Bologna-Prozess vielleicht funktionieren könnte."
Sieben Klausuren innerhalb von fünf Tagen

- An einem Tag drei Prüfungen
Denn so viel Veränderung wie in den letzten Jahren haben die deutschen Hochschulen in ihrer Geschichte wohl noch nie erlebt. Die Abschaffung der Abschlüsse Magister und Diplom und ihr Ersatz durch Bachelor und Master ist nur der sichtbarste Aspekt des Umbaus. Hinzu kommt die Aufteilung des Lehrstoffs auf zusammenhängende Module, die stärkere Verschulung des Studiums samt Orientierung an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts sowie die ständige Überprüfung der Studienleistung.
"Viele Professoren haben offensichtlich Schwierigkeiten, alte Zöpfe abzuschneiden", sagt Sarah: "Die lassen zu jedem Seminar eine eigene Klausur schreiben." Bei der 20-Jährigen führte das zu einer absurd anmutenden Konstellation: Innerhalb von fünf aufeinanderfolgenden Tagen musste die Lehramtsstudentin sieben Klausuren schreiben – an einem Tag drei mal vier Stunden zu jeweils einem ganz anderen Thema. Kein Wunder, dass Kritiker angesichts solcher Zustände von "Bulimie-Lernen" sprechen."Man frisst sich den Lernstoff rein, kotzt ihn im richtigen Moment aus und stopft dann die nächsten Informationen rein"“, sagt Sarah zynisch.
"Die Ziele der Reform sind richtig"
Eigentlich sollten solche Zustände durch externe Gutachter ausgeschlossen werden. In so genannten Akkreditierungsverfahren wird dafür jeder Studiengang alle fünf Jahre auf seine Studierbarkeit hin überprüft – doch der Umstellungsprozess auf die neuen Strukturen dauert auch deshalb so lange, weil die Hochschulen dafür von Bund und Ländern kaum zusätzliche Mittel erhalten haben. "Ich finde es wichtig, dass die Studierenden uns helfen, die konkreten Probleme zu identifizieren", sagt deshalb Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK): "Wir wissen, dass es einige Problempunkte gibt, und die müssen wir ausräumen, damit die Bologna-Reform tatsächlich ein Erfolg wird." Die Ziele der Reform nämlich seien nach wie vor richtig: vergleichbare Studienwege in ganz Europa und eine größere Mobilität der Studierenden.
Auch vor dem Bologna-Prozess war nicht alles in Butter

- Der Frustpegel ist hoch
Zusätzlich zu den reformbedingten Schwierigkeiten müssen die Hochschulen aktuell auch noch die ungebremste Nachfrage nach Studienplätzen schultern. "Wir freuen uns über jeden, der sich für ein Studium entscheidet", sagt HRK-Chefin Margret Wintermantel, "aber wir brauchen von der Politik auch die Mittel, um alle Studenten qualitativ gut unterrichten zu können." Bund und Länder haben für die kommenden Jahre zwar den Ausbau der Studienplätze vereinbart, eng bleibt es in den Hörsälen aber trotzdem – auch wegen der doppelten Abiturjahrgänge in einigen Bundesländern , in NRW ist es im Jahr 2013 so weit, und wegen des Wegfalls der Wehrpflicht. Universitäts-Insider warnen davor, die dadurch entstehenden Probleme jetzt alle dem Bologna-Prozess zuzuschreiben – denn auch vor der Reform war an Unis und Fachhochschulen längst nicht alles in Butter.
Stand: 09.11.11
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