Bachelor

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WDR 5 Thementag: Stresstest Studium

Bachelor: Karriere auf der Schmalspur?

Bleibt eine höhere umfassende Bildung auf der Strecke?

Von Jessica Sturmberg

Lange galten deutsche Studenten als zu alt und zu theoretisch ausgebildet. Unternehmen klagten, dass sie die nicht mehr ganz so jungen Akademiker erst noch umfassend weiterbilden müssten, bis sie richtig im Betrieb eingesetzt werden könnten. Mit der Einfüh- rung des Bachelor in allen Fachbereichen ist die Ausbildungszeit deutlich verkürzt, die Lehre stark verschult worden. Aber bringt das auch etwas? Profitieren die Studenten oder die Unternehmen davon - oder keiner?


Noch gibt es in der Wirtschaft nicht viel Erfahrung mit Bachelor-Abschlüssen. Die ersten Jahrgänge strömen jetzt auf den Arbeitsmarkt und sowohl Absolventen als auch Arbeitgeber müssen sich erst noch richtig darauf einstellen. Noch ist in vielen Unternehmen unklar: Welche Fähigkeiten bringen diese neuen Akademiker mit?


"Bachelor ist Vordiplom mit kleinem Schüppchen drauf"

Peter Hannen; Rechte: Kienbaum
Personalberater Peter Hannen

"Der Markt ist auf diese Frage überhaupt noch nicht vorbereitet, weil er nicht in der Lage ist, aus dem Stand heraus zu definieren, was den Bachelor vom Master unterscheidet, was den Master vom Diplom unterscheidet. Die Erwartungen, die an den Diplom-Absolventen geknüpft waren, haben sich im Laufe der Jahrzehnte entwickelt und waren mehr oder weniger Allgemeingut des Hintergrundwissens und genau dies fehlt eben zum Thema Bachelor beziehungsweise Master", sagt Peter Hannen, einer der Geschäftsleiter beim Personalberatungsunternehmen Kienbaum.

Die Vorstellung, die bisher viele haben: "Bachelor ist Vordiplom mit einem kleinen Schüppchen mehr obendrauf." Und genau das ist der wunde Punkt. Für jemanden, der eine höhere Karriere anstrebt, Entscheidungsträger in mittleren bis größeren Unternehmen werden möchte, reicht der Bachelor-Abschluss grund- sätzlich nicht. Peter Hannen empfiehlt deshalb bei entsprechender Perspektive in jedem Fall zusätzlich noch den Master zu machen, "weil man ein deutliches Mehr an relevanten Inhalten und Techniken ver- mittelt bekommt im Rahmen des Masterstudiengangs."


Unternehmen erwarten High Potentials

Dazu gehört sich selbst zu strukturieren, Ziele selbst zu definieren, quer zu denken und Ideen zu haben. Was Unternehmen von den so genannten High Potentials erwarten, sind Persönlichkeiten, die sich in jeder Situation zurecht finden. Die in der Lage sind in kurzer Zeit notwendige Informationen zu besorgen und Schritte einzuleiten. Wissen, was zu delegieren ist, und was unbedingt selbst erledigt werden muss. So viel Eigenständigkeit kann beim Bachelor mit einer Regelstudiendauer von drei Jahren kaum entwickelt werden. Der Bachelor-Student ist vornehmlich mit Punktesammeln beschäftigt, so genannten Credit Points.


Tafel mit der Aufschrift Diplom gleich Bacherlor plus x; Rechte: Jessica Sturmberg
"Ein Ziel vor Augen"

"Man läuft schon den Credit Points hinterher, also ich habe immer versucht meine 30 Points pro Semester zu bekommen, richtig über den Tellerrand schauen konnte ich da nicht. Ne, einfach keine Zeit. Ich musste wirklich immer alles machen für meine Punkte, musste meine Anwesenheit erfüllen, musste meine aktive Teilnahme nachweisen, all so was. Und da blieb nicht mehr viel übrig", erzählt Marius Bomholt. Er ist 24 und hat einen Bachelor of Arts in Kommunikationswissenschaften und Romanistik. Er hatte sich das irgendwie alles anders vorgestellt und daraufhin entschieden, noch ein zweites Studium zu beginnen. Kunstgeschichte und Skandinavistik. Einen Master will er auf jeden Fall auch machen. Denn nur Bachelor-Abschluss ist ihm zu wenig.

"Wenn man wirklich höhere Positionen sucht, glaube ich nicht, dass das so gut läuft. Also eine Freundin von mir hat zusammen mit mir in Bonn studiert, hat jetzt angefangen bei einer Produktionsfirma im Fernsehen, ist aber sehr schlecht bezahlt und arbeitet sehr, sehr lange und sieht nicht so die Chancen. Also ich denke Master sollte schon sein, um dann aufzusteigen im Beruf."


Bachelor-Vorteil: verkürzte Ausbildungszeit

Claudia Blödorn hätte dagegen gar kein Studium aufgenommen, gäbe es nicht den Bachelor. "Ich habe schon eine Ausbildung gemacht. Der Bachelor dauert nur drei, das Diplom fünf Jahre. Und fünf Jahre noch mal, ich bin ja schon 27, das würde dann für mich nicht in Frage kommen."

Claudia Blödorn sieht ihr BWL-Studium an der Fachhochschule als Weiterbildung. Nach ihrer Lehre als Speditionskauffrau und ein paar Jahren Berufserfahrung brauchte sie unbedingt einen neuen Impuls, sagt sie. Die kompakte Studiendauer kommt ihr aber noch aus anderem Grund entgegen. "Es ist halt finanzierbar, es ist absehbar, man hat ein Ziel vor Augen." Aber auch sie bedauert, dass der Stundenplan wenig Raum lässt und auch keine Anreize gesetzt werden, über den Tellerrand hinaus zu blicken. "Zusatzfächer geben keine Credit Points, deswegen überlegt man sich zwei Mal mache ich das oder mache ich das nicht."


"Die Entwicklung der Persönlichkeit braucht Zeit"

Diese Fokussierung auf ein eng gestecktes Ziel, bedauert Kienbaum-Geschäftsleiter Peter Hannen im neuen System. "Die Entwicklung der Persönlichkeit braucht Zeit und die jetzt ge- währte Zeitspanne reicht vielleicht nicht aus, selbst wenn man sagt, dass im internationalen oder europäischen Vergleich ja vielfach die Absolventen deutlich schneller studiert haben, deutlich früher in die industriellen Prozesse eingegliedert waren und und und. Da würde ich immer dagegen halten, warum war und ist Deutschland seit Jahr- zehnten dann so erfolgreich wie es ist, wenn dieser strukturelle, systemische Mangel über Jahrzehnte wirkte?"


Stand: 10.11.11


Stichwort: Der Bologna-Prozess

Bis zum Jahr 2010 einen einheitlichen Europäischen Hochschulraum zu schaffen – das war die Verabredung von 29 Wissenschaftsministern, die sich 1999 im italienischen Universitäts-Städtchen Bologna getroffen hatten. Das Studium sollte auf dem ganzen Kontinent vergleichbar sein (Bachelor-Master-Doktorat), die Studierenden sollten mobiler und der Zugang zur Hochschulbildung erleichtert werden. Eine Idee, die ankommt: Mittlerweile sind 47 Staaten an dem Reformprozess beteiligt, zuletzt stieß Kasachstan zum Bologna-Club hinzu. Der ehrgeizige Zeitplan allerdings war nicht zu halten: Weil etliche Länder – darunter auch Deutschland – die Reformen viel zu zögerlich umgesetzt haben, verlängerten die Minister die Reformzeit einfach um zehn Jahre. Das neue Ziel heißt jetzt also: 2020.




Stand: 09.11.11




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