Interview Hesse-Biograf
Die inszenierte Verzweiflung
Hermann Hesse: Zwischen Guru und Denker
Hermann Hesse war sein Leben lang ein Suchender, ein Zerrissener, ein Leidender, der auch seine Mitmenschen mit seinen Launen terrorisierte. Doch was macht diesen Mythos und diese Faszination aus? Weltweit wird heute kein deutscher Autor des 20. Jahrhunderts mehr gelesen als er. Und warum entdeckte ausgerechnet die Hippie-Bewegung Hesse für sich?
Ein Interview mit Heimo Schwilk, Autor der Hesse-Biografie: "Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers".

- Heimo Schwilk
WDR 5: Was war Hermann Hesse für ein Mensch?
Heimo Schwilk: Hesse war ein sehr komplizierter Mensch, sowohl im Umgang mit sich als auch mit anderen. Er wuchs in einem intellektuellen, pietistischen Elternhaus auf. Seine Eltern waren Missionare und in diesem Milieu wurde er sozialisiert und hat schon früh die erste Spannungen mit seiner Familie erlebt. Seine Mutter schreibt damals, dass Hermann ein sehr begabtes aber auch zugleich schwieriges, aufbrausendes und jähzorniges Kind war. Und dass er sich damals schon gerne Autoritäten widersetzte. Aber er konnte auch sehr liebevoll sein.
Diese innere Zerrissenheit ist ihm immer geblieben und sie hat sich später auch auf seinen Umgang mit sich selbst und seinen Mitmenschen übertragen. Darunter hat er sehr gelitten, aber sie hat ihn auch produktiv gemacht und dafür hat er 1946 den Nobelpreis bekommen.
WDR 5: Schon als Jugendlicher war Hesse depressiv, mit 15 begeht er einen Selbstmordversuch: Was lief so grundsätzlich schief, dass er als junger Mensch schon so verzweifelt war?
Schwilk: Es war oft eine inszenierte Verzweiflung. Seine Mutter und seine Erzieher haben das bisweilen auch durchschaut: Sie haben gespürt, dass es vielmehr Selbstmord-Inszenierungen waren. Es kam nie zum echten Selbstmordversuch, er hat es lediglich angekündigt. Auch in seinem späteren Leben hat er damit seine Frau und seine Freunde unter Druck gesetzt, indem er mit Selbstmord gedroht hat.
Als Jugendlicher setzte er die Drohung ein, um gegen den Wunsch seiner Eltern, dass er Pfarrer wird, zu protestieren. Im Alter von zwölf Jahren hatte er bereits angekündigt: "Ich werde Dichter oder nichts!" Er wollte kein Abitur machen, sondern gleich loslegen mit dem Schreiben. Die Briefe, die er damals seinem Vater schrieb, waren von ungeheurer Verzweiflung und Aggressivität. Der Vater begegnete dem zwar mit großer Empathie, aber es war vielleicht ein Fehler, dass er die Begabung seines Sohnes nicht erkannte und ihn immer wieder darauf hinwies, dass das Schreiben eine brotlose Kunst sei.
WDR 5: Schwierig, aufbrausend, jähzornig, ein Mann, der Freunde und Familie mit Selbstmordandrohungen unter Druck setzt. Das klingt nicht wie jemand, den man gerne zum Freund hätte.
Schwilk: Das sehe ich auch so, aber seine Freunde haben das nicht unbedingt so negativ empfunden. Er war Weggefährte von bedeutenden Männern wie Thomas Mann, Stefan Zweig oder Kuno Amiet. In diesem Netzwerk hat er sich ganz selbstverständlich bewegt, dort war er als ein sehr umgänglicher, bereichernder Mensch bekannt.
Am schlimmsten haben es die Frauen abbekommen, mit denen er verheiratet war. Die hat er in die Verzweiflung getrieben: Einerseits war er sehr bindungsbedürftig, vielleicht weil seine Eltern ihn als Vierjährigen in ein Heim gegeben hatten, weil er so schwierig war. Dieser Verlust der Nähe hat ihn so verstört, dass er später immer wieder eine Bezugsperson brauchte. Das war dann zunächst seine erste Frau Mia Bernoulli, die elf Jahre älter als er war und seiner Mutter etwas ähnelte. Das war schwierig, die Ehe ist dann auch gescheitert. Und die zweite Ehe mit Ruth Wenger wurde im Grunde nie vollzogen, weil die beiden nicht zusammen lebten. Ruth Wenger war nicht bereit, mit so einem anarchischen Dichter auf dem Land in Montagnola zu leben und gewisse Opfer zubringen.
Unglücklich sein war der Motor für ihn

- Hesse-Biografie
WDR 5: Hermann Hesse ließ für einen sechsmonatigen Selbstfindungstrip nach Fernost seine erste Frau Mia Bernoulli mit drei Kindern zu Hause sitzen - war er ein egoistisches Genie?
Schwilk: Natürlich war er das, wie jeder Künstler. Wenn man ein Werk schaffen will, muss man es gegen Widerstände durchsetzen. Er hat immer einen unmöglichen Spagat versucht: Einerseits Familie, Kinder und ein Gefühl der Zugehörigkeit, andererseits die Unabhängigkeit. Und beides geht natürlich schwer zusammen. Über diese Unmöglichkeit, eine Künstlerehe zu führen, hat er auch die beiden Romane "Gertrud" und "Roßhalde" geschrieben.
WDR 5: Hermann Hesse als der ewig Suchende – was hat er gesucht?
Schwilk: Er hat zunächst versucht, sich selbst zu verstehen: Dieses Böse in sich, das Destruktiv-Aggressive, das Sich-Auflehnen um jeden Preis, das hat er gespürt. Er war streng christlich erzogen und im Christentum hat das Böse keinerlei Substanz, es gilt als Abwesenheit des Guten. Hesse wollte aber nachweisen, dass das Böse wie das Gute zum Prinzip der Welt und der Schöpfung gehören. Dass aus Destruktion auch etwas Aufbauendes erwachsen kann. Und dass in jedem Menschen diese Polarität angelegt ist, wie er es zum Thema seines Romans "Demian" macht.
Das hat Hesse umgetrieben, das hat für ihn die Sinnfrage ausgemacht. Er war ein Suchender, auch über seinen Kulturkreis hinaus, im Buddhismus, im Taoismus, im Konfuzianismus. In "Siddartha" hat er beides miteinander versöhnt: Das westliche Streben nach Selbstverwirklichung mit der fernöstlichen Auffassung, sich aus der Welt zurückzuziehen.
WDR 5: Brauchte er die Unzufriedenheit und das Unglücklichsein, um Schreiben zu können?
Ja, das war ihm habituell zu eigen, er war ein Hypochonder, ein Mensch, der stark in sich hinein hörte. Neben den Gebrechen, die er hatte – er hatte eine Sehschwäche und litt ständig an Kopfschmerzen - war er ständig krank und stand stets kurz vor dem Selbstmord. Dieses "kurz-vor-dem-Selbstmord-Stehen" hat ihn dann zuverlässig am Leben erhalten, denn es handelte sich lediglich um Ankündigungen. Und wenn er es dann nicht durchgezogen hatte, war er wieder erleichtert und setzte sich neue Ziele. Diese Dauer-Hypochondrie war für ihn als Stimulanz wichtig, er brauchte das einfach zum Schreiben. Das ist das Missverständnis: Hesse wollte nicht glücklich sein, sondern unglücklich, das war der Motor für ihn.
Hesse hat nie Drogen genommen

- Hesse: Anstiftung zum Kiffen?
WDR 5: Die Hippie-Bewegung in den USA entdeckte Hesse für sich neu. Was hat er in dieser Generation ausgelöst?
Schwilk: Das war zum großen Teil ein Missverständnis. Zwar hat er in vielen Schriften den Kapitalismus und den Imperialismus kritisiert. Aber den schrankenlose Hedonismus, der der Hippie-Bewegung zu eigen war, hat er nicht propagiert. Er war Asket und überzeugt, dass die Unterdrückung von Trieben und Bedürfnissen wichtig für die Kultur und ein höheres Ziel sind.
Man hat ihn richtig verstanden, was die Versöhnung der Kulturen angeht, das Thema des "Siddharta": Die Verständigung und Öffnung nach Fernost – das ist sicher in seinem Sinne aufgenommen worden.
WDR 5: Viele sahen sich durch die Hesse-Lektüre zum Drogenkonsum ermuntert: Bei "Siddharta" zum Beispiel trinkt Harry Haller "eine herbsüße, wunderlich unbekannt und fremd schmeckende Flüssigkeit", die "unendlich belebend und beglückend wirkte". Der populäre Psychologieprofessor und Althippie Timothy Leary von der Universität Harvard riet damals sogar, vor einer LSD-Sitzung "Siddharta" und den "Steppenwolf" zu lesen. Propagierte Hesse Bewusstseinserweiterung durch Drogen?
Schwilk: Das war ein Irrweg und auch Timothy Learys' Hinweis, man müsse den "Steppenwolf" psychedelisch verstehen, ist sicherlich ein großes Missverständnis. Hesse hat nie Drogen genommen. Es passte natürlich in die Weltanschauung dieser Bewegung und dieser Zeit, aber an dem Asketen Hesse geht da vieles vorbei.
Natürlich hat sein Werk im romantischen Sinne etwas transzendentes, bewusstseinerweiterndes, wie jede Dichtung, die sich der Imagination verschreibt. Aber das ist deutscher Romantizismus.
Das Interview führte Anna Osius
Weitere Informationen
Heimo Schwilk: Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers
Piper-Verlag
432 Seiten
ISBN: 9783492053020
Preis: 22,99 Euro
Stand: 7.08.2012
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