Hesse und die Jugend von heute

Bild: Hermann Hesse; Rechte: dpa
Der Glasperlenspieler - WDR 5 Thementag

Leider vorbei – Warum Schüler nicht mehr Hesse lesen


Der Volksmund sagt: "Richtig tot ist man erst, wenn keiner mehr an einen denkt." Dieses Schicksal hat den großen Schriftsteller Hermann Hesse ganz unübersehbar noch nicht ereilt: Zum 50. Todestag (9.08.12) sind Buchläden mit seinem Konterfei dekoriert, Neuauflagen und Biographien werden gern gekauft und verschenkt – aber die Käufer sind in der Regel genau dieselben Leute, die auch früher schon Hesse gelesen haben, Menschen also, die heute 60 oder 70 Jahre alt sind. Wenn keine jugendlichen Leser nachwachsen, dürfte es schon bald finster aussehen mit dem Nachruhm.

Ein Beitrag von Carolin Courts


Schüler eines Gymnasiums in Schwerin, Rechte: dpa
Kein Hesse-Buch, nirgends

Es hat sich viel getan am Abtei-Gymnasium Brauweiler. 1998 wurde mein Jahrgang hier mit dem Reifezeugnis entlassen. Hermann Hesses Gedicht "Stufen" begleitete uns – wie so viele andere Abiturienten damals. Wichtigstes Zitat: "Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!" Seitdem sind 14 Jahre vergangen. Das Interesse der jüngeren Leser an Hesses Texten habe diese Spanne nicht überlebt, sagt Studiendirektor Robert Schmidt, mein ehemaliger Deutschlehrer: "Die Generation derjenigen, die heute als Deutschlehrer in den Schulen unterrichten, ist nicht die Generation der Hesseleser. Und das ist, glaube ich, mit ein Grund, warum Hesse in der Schule nicht mehr stattfindet."


Viele Kollegen von Robert Schmidt sind zwischen 30 und 50. Und auch diejenigen, die die Lehrpläne zusammenstellten, gehörten nicht mehr zu den Jahrgängen, die in ihrer Jugend in typischerweise Hesse gelesen hätten, berichtet er. Schmidt selbst wird nach den Sommerferien sein letztes Dienstjahr antreten. Er hat es heute mit Schülern zu tun, die den Literatur-Nobelpreisträger Hermann Hesse noch nicht einmal mehr dem Namen nach kennen.


Individualismus ist nicht mehr zeitgemäß

Für den Lehrer keine Überraschung in einer Zeit, die immer weniger Wert auf Individualismus lege: "Es spielt ja das Thema der permanenten Vernetzung eine Rolle. Man gibt ja heute Individualität auf, siehe Facebook, und Hesse ist im Grunde genommen die genau andere Richtung."

Robert Schmidt hat als Jugendlicher mit Begeisterung den "Steppenwolf" gelesen. Angestiftet von seinem eigenen Deutschlehrer, der den zu jener Zeit noch beargwöhnten Stoff kühnen Mutes auf den Lehrplan gesetzt hatte. Die Klasse sei sofort entflammt gewesen: Im geistig-gesellschaftlichen Umfeld der 68er sei der "Freiheitskämpfer Hermann Hesse" den jugendlichen Lesern gerade recht gekommen.


Einer für Rebellen und Hippies

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist der Schriftsteller nicht nur als Idol einsamer Rebellen in Anspruch genommen worden. Auch die Hippies haben sich von ihm inspiriert gefühlt. Anette Klöffel-Börner, Bibliothekarin am Abtei-Gymnasium, hat sich in ihrer Schulzeit ebenfalls stark für Hesse interessiert: "Das war ja ein Suchender. Ich habe das mit 17 Jahren gelesen, da sucht man selbst." "Siddharta" hat ihr zu jener Zeit sehr gut gefallen, und "Demian" fast noch besser, "weil das auch die dunklen Seiten mehr hervorgehoben hat", sagt sie.


Schüler in einer Buchhandlung; Rechte: dpa
Harry Potter gegen Hermann Hesse?

Heute muss Annette Klöffel-Börner zuschauen, wie sämtliche Hesse-Bücher in ihrer Schulbibliothek verstauben. Trotzdem hat sie gerade erst die neueste Biographie bestellt. Aus Trotz und persönlicher Überzeugung. Sie will den Schülern eine Entdeckung ermöglichen – weil von selbst ja keiner darauf käme, die Werke des in Baden-Württemberg geborenen Autors zu lesen und weil ihnen auch niemand sonst die Texte explizit empfehle.

"Schüler, lest mehr Hesse!"

Ein ehrenwerter Ansatz, findet Deutschlehrer Robert Schmidt. Auch wenn er bezweifelt, dass die Initiative etwas verändern wird. Zu viel stehe dem Appell: "Schüler, lest mehr Hesse!" im Weg: Neben allen anderen Faktoren auch ganz entscheidend die Bürokratie – in Form von gestanzten Prüfungsthemen: Seit das Zentral-Abitur eingeführt worden sei, werde im Deutsch-Unterricht "fast krankhaft" auf den Begriff "Epochen-Umbruch" geachtet, sagt Schmidt: "Ein Begriff, den es in keiner Literatur-Geschichte gibt. Und Hesse ist kein Autor eines Epochen-Umbruchs."

Ein 15-jähriger Schüler hat dem Gespräch in der Bibliothek interessiert gelauscht. Einer spontanen Hoffnung folgend frage ich ihn nach seiner Meinung zu Hermann Hesse. Aber der junge Mann hat noch nie von dem Schriftsteller gehört. Leise seufzend nehmen es ein Deutschlehrer, eine Bibliothekarin und eine Radio-Autorin zur Kenntnis.


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Hermann Hesse - Schülergraus oder immer noch aktuell? [Morgenecho]



Stand: 09.08.2012




Zwei Celli im Anschnitt; Rechte: dpa

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