Salafisten
WDR 5 Thementag: Krisenzeit – Nährboden für Fundamentalisten
Der Kampf gegen gewaltbereite Salafisten
Wie die Sicherheitsbehörden versuchen, die Gewalt zu stoppen
Von Jochen Hilgers
Es ist für die Polizei ein eher neues Phänomen extremistischer Gewalt, das sich in kurzer Zeit zu einer echten Bedrohung entwickelt hat: Gewaltbereite Salafisten halten die Ermittler vor allem in Nordrhein-Westfalen in Atem. Bonn und Solingen gelten dabei als Hochburgen.
Salafisten treten für eine besonders strenge Auslegung des Islam ein. Sie wollen, so Religionswissenschaftler, zurück in die Zeit des vermeintlich "reinen Islam" des 7. und 8. Jahrhunderts. 4.000 bis 5.000 Anhänger dieser Glaubensrichtung leben nach Informationen des Verfassungsschutzes in Deutschland. Fünf Prozent, also rund 200, sind so genannte "Dschihadisten" und gelten als gewaltbereit. Sie lehnen Demokratie und Pluralismus ab.
In NRW ist die Zahl der Salafisten nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes in den vergangenen Monaten stark angestiegen. Der Verfassungsschutz geht davon aus, dass es bis zum Jahresende rund 1.000 Anhänger des Salafismus in Nordrhein-Westfalen geben wird. Der Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2011 war noch von 500 ausgegangen.
Gewaltsame Demo im Mai – Großrazzia im Juni

- Demonstration in Bonn
Zwei Ereignisse haben die Salafisten Szene massiv in den Fokus der Öffentlichkeit gebracht. Die gewalttätig verlaufene Demonstration von Salafisten Anfang Mai (05.05.2012) in Bonn, und anderthalb Monate später eine bundesweite Razzia gegen salafistische Vereine mit dem Verbot des Moscheevereins "Milatu Ibrahim" in Solingen. Beide Ereignisse haben offensichtlich Spuren hinterlassen.
Großrazzia: Salafisten-Verein verboten [WDR.de, 14.06.2012]
Pro NRW provoziert Salafisten [WDR.de, 06.05.2012]
Das Dunkelfeld aufhellen
Am 14.06.2012 hatte Bundesinnenminister Hans- Peter Friedrich eine bundesweite Razzia gegen Salafisten angeordnet. Am selben Tag ließ er den Moscheeverein "Milatu Ibrahim" verbieten und leitete Verbotsverfahren gegen die vorwiegend im Internet tätige Gruppe "Die wahre Religion" und das radikal-muslimische Frankfurter Netzwerk "Dawa FFM" ein. Dies habe einerseits zu einer starken Verunsicherung in der Szene geführt, so Innenminister Friedrich im WDR 5 Interview. "Damit ist bereits ein wichtiges Ziel erreicht und es ist klar geworden, dass dieser Staat sich nicht alles gefallen lässt." Zum anderen habe die Auswertung des in ganz Deutschland beschlagnahmten Beweismaterials dazu geführt, dass die Behörden nun genauer wüssten, mit wem sie es überhaupt zu tun hätten. "Wir können durch das beschlagnahmte Material eine Fülle von Zusammenhängen aufdecken", bilanziert Friedrich im Gespräch mit WDR 5. Das Dunkelfeld aufhellen, nennen das die Ermittler. Jetzt könne man Personen auch viel konkreter bestimmten Gruppen zuordnen, Verbindungen untereinander seien nun viel klarer.
Erste Ermittlungserfolge nach den Razzien
Diese neuen Erkenntnisse führten vermutlich Mitte September in Bonn zu einer spektakulären Festnahme. Der 20-jährige Deutsch- Afghane, den ein Spezialeinsatzkommando festnahm, als er gerade von seinem Anwalt kam, soll der deutsche Statthalter der "Islamischen Bewegung Usbekistan", IBU sein. Die IBU steht seit langem im Verdacht, Kämpfer für den "heiligen Krieg" anzuwerben. Im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet sollen IBU- Kämpfer, darunter mehrere Deutsche, Terroranschläge verübt haben.
Salafisten- Demo hat Aktivisten erst bekannt gemacht
Mit der gewalttätig verlaufenen Demonstration am 5. Mai in Bonn hat sich die Salafisten- Szene anscheinend selbst einen Bärendienst erwiesen. Nach Attacken auf Polizisten, von denen zwei schwer und 26 weitere leicht verletzt wurden, nahm die Polizei zunächst mehr als 100 Demonstranten vorläufig fest. Die Aktivisten der Szene sind damit namentlich bekannt geworden, unabhängig davon wie die Strafverfahren ausgehen werden. Nach Beobachtungen von Staatsschützern sind diese Salafisten deutlich vorsichtiger geworden und treten nicht mehr so offensiv auf.
Wo sind die Köpfe der Bewegung?

- Islamprediger Pierre Vogel
Den Sommer über registrierten Staatsschützer eine relative Ruhe in der Szene. Offenbar hing dies damit zusammen, dass sich einige der führenden Köpfe der Bewegung mehrere Monate in Ägypten aufgehalten haben, um sich dort an entsprechenden Koranschulen "fortzubilden". So reiste zum Beispiel der deutsche Konvertit Pierre Vogel, der als Prediger den Namen Abu Hamza trägt, nach eigenen Angaben nur für einen Tag zu einer Demonstration aus Kairo nach Köln an.
Auch Salafisten aus NRW setzen sich nach Ägypten ab [WDR.de, 15.08.2012]
Entwicklung unklar
Fachleute sind sich momentan nicht sicher, welche möglichen Gefahren in Zukunft von den gewaltbereiten Salafisten ausgehen werden. In der Rückschau betrachtet hatten die brutalen Übergriffe der Demonstranten am 5. Mai in Bonn die Sicherheitskräfte überrascht. Bei späteren Demonstrationen überstieg die Zahl der eingesetzten Polizisten die Zahl der Demonstranten um ein Vielfaches. Derzeit verhält sich die Szene weiterhin ruhig. Wie lange, weiß niemand.
Weitere Links
Salafisten - "Ernsthafte und unmittelbare Gefahr" [Morgenecho]
Fachtagung: Wie erkennt man "bekehrte" Jugendliche? [WDR.de]
Interview: "Verbot löst Probleme nicht" [WDR.de]
Bedrohung durch Salafisten [Westpol]
Salafisten unter Druck [Cosmo TV]
Zahl der Salafisten in NRW deutlich gestiegen [WDR.de]
Stand: 25.09.2012




