Kreationismus

Stein auf grauem Grund, Schriftzug: Meinungsfreiheit; Rechte: WDR

WDR 5 Thementag: Krisenzeit – Nährboden für Fundamentalisten



Darwin? Nein, danke!

Wie der Kreationismus Schule und Wissenschaft bedroht

Von Armin Himmelrath

Die Erde ist erst ein paar tausend Jahre alt, der Grand Canyon durch die Sintflut entstanden, Noahs Arche gab es tatsächlich – wer die Bibel wörtlich nimmt, kommt zu solchen Schlussfolgerungen. Genau das tun Kreationisten. Die Anhänger dieser fundamentalis-
tisch-christlichen Glaubensrichtung versuchen immer wieder, wissenschaftliche Lehrpläne an Schulen und Hochschulen zu unterlaufen.


Glaube an den allmächtigen Schöpfer

Schild mit der Aufschrift "The Lord created..." in einem US-Museum
Kreationismus im Museum

Die Bibel wörtlich nehmen – kann man das wirklich? Die Heilige Schrift als Lehrbuch, der man Wort für Wort glauben kann? "Na klar", sagt Stefan Drüeke vom Bibelmuseum Wuppertal. Als Redner tourt er durch Deutschland, seine Vorträge tragen Titel wie "Ist die Bibel wissenschaftlich haltbar?" oder "Ist der Schöpfungsbericht noch aktuell?". "Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es sich bei diesen Schöpfungstagen wirklich ganz klar um 24-Stunden-Tage handelt", sagt Drüeke. Er ist ein guter Redner. Rhetorisch geschickt scheint er nachzuweisen, dass die Mehrheit der Wissenschaftler absolut falsch liegt, wenn sie von Darwins Evolutionstheorie überzeugt ist.

Eine Lotusblüte, ein DNA-Strang, ein Senfkorn: Der Kreationist verweist gerne auf komplexe Naturphänomene – um anschließend zu fragen, wie so etwas Kompliziertes durch Zufall entstanden sein könnte. "Nein", argumentiert Drüeke: Evolution, also die Entwicklung der Arten, könne nicht dahinter stehen. Da müsse ein allmächtiger Schöpfer am Werk gewesen sein, "da erkennt man die Handschrift Gottes".


Zwischen gängiger Lehrmeinung und Überzeugung trennen

Diese feste Glaubensüberzeugung abseits der wissenschaftlichen Lehrmeinung wäre an sich kein Problem, wäre Drüeke nicht auch Chemie- und Physiklehrer an einer Wuppertaler Gesamtschule – und damit an den staatlichen Lehrplan gebunden. Im naturwissenschaft-
lichen Unterricht, erklärte der Kreationist unlängst gegenüber dem WDR, könne er klar zwischen der gängigen Lehrmeinung und seiner Überzeugung trennen, da könne er sogar die Evolutionstheorie vermitteln: "Jeder Geschichtslehrer unterrichtet schließlich auch Dinge aus dem Dritten Reich und vertritt sie nicht unbedingt", so Drüeke. "Und so kann man sicherlich auch Evolutionslehre unterrichten, ohne dass man jeden einzelnen Schritt hundertprozentig vertritt."

Angriff auf Darwin: Kreationismus in Deutschland [Morgenecho]


Zunehmender Einfluss von Kreationisten

Fachleute wie der Filmemacher Frank Papenbroock warnen vor einer Unterwanderung des Bildungs- und Wissenschaftssystems durch Kreationisten. In zwei langen Dokumentarfilmen hat sich Papenbroock mit dem Einfluss der christlichen Fundamentalisten auf das Bildungssystem befasst und ist dabei schon vor Jahren mehrfach auf kreationistische Schulbücher gestoßen – in öffentlichen und privaten Schulen gleichermaßen. "Die Schulbücher werden günstig auf den Markt gebracht, also deutlich unter dem Preis, den sie eigentlich kosten müssten bei der aufwändigen Aufmachung", so Papenbroock. "Und sie werden zum Teil verschenkt und durch Organisationen weiter verteilt."

So landeten die fundamentalistischen Bände in etlichen Bibliotheken und würden nicht nur von Schülern, sondern gelegentlich auch von Lehrern für ganz normale Unterrichtswerke gehalten. Irgendwann, so die Hoffnung der Urheber, sickere die dahinter stehende bibelfromme Überzeugung schon in die Köpfe der Schülerinnen und Schüler.


Unwissenschaftliche Ideen entfalten ihre Wirkung

Charles Darwin; Rechte: picture alliance/dpa
Charles Darwin

Wenn dann der Lehrer noch mehr oder weniger deutliche Skepsis gegenüber der Evolutionstheorie erkennen lässt, hat das natürlich Folgen, wie ein Schüler beschreibt. "Der Lehrer hat gesagt, dass er an die Schöpfungstheorie glaubt, und dadurch wurden wir in unserer Meinungsbildung schon beeinflusst und haben uns dazu bewogen gefühlt, an die Schöpfungstheorie zu glauben. Denn was der Lehrer denkt, das wird schon richtig sein - denn schließlich ist er ein Lehrer."

Das verstößt zwar gegen die Richtlinien für das Fach Biologie und ist, nach heutigen Erkenntnissen, absolut unwissenschaftlich – doch wie soll die Schulaufsicht solche Verstöße nachweisen? Hinzu kommt: Nach einer Untersuchung der Technischen Universität Dortmund glauben sogar zehn bis 15 Prozent aller Biologie-Studenten an die Schöpfung und lehnen Darwins Erkenntnisse ab. "Kreationistisches Denken ist antiwissenschaftliches Denken, es ist Pseudowissenschaft", so der Dortmunder Biologie-Professor Dittmar Graf. "Aufgabe der Universität ist es natürlich, Wissenschaft zu vermitteln", sagt er. Deshalb müsse sich jede Hochschule, die Lehrer und Naturwissenschaftler ausbilde, intensiv mit dem Thema Kreationismus auseinandersetzen.




Stand: 27.09.2012




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