Interview Fundamentalismus
Fundamentalismus: der Gegenentwurf zur Moderne
Fundamentalistische Strömungen sind weltweit auf dem Vormarsch. Sie geben einfache Antworten auf komplexe Fragen, sie geben Orientierung in einer immer pluralistisch werdenden Welt und beschränken sich schon lange nicht mehr nur auf den religiösen Bereich. Doch zugleich ist "Fundamentalismus" auch ein Modebegriff, der in der öffentlichen Diskussion fast unterschiedslos auf konservative religiöse Gruppen, Terroristen, Sekten ökologische Utopisten oder Tierschützer angewendet wird. Das macht die Auseinandersetzung mit dem Phänomen schwierig.
Zum Thementag "Krisenzeit - Nährboden für Fundamentalisten" (28.09.) ein Interview mit Prof. Wolfgang Benz, Historiker und ehemaliger Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, über Fundamentalismus im 21. Jahrhundert.

- Prof. Wolfgang Benz
WDR 5: Ihre These ist, dass Fundamentalismus gerade im 21. Jahrhundert eine große Verbreitung findet. Warum?
Wolfgang Benz: In einer individualisierten und pluralisierten Welt, die sich gleichzeitig von einem gewachsenen Wertekanon verabschiedet hat, in der jeder alles darf, entsteht ein Bedürfnis nach – um es wörtlich zu benennen – Fundamentierung: Nach Verwurzelung, Orientierung und Eindeutigkeit. Fundamentalistische Ideen sind offenbar attraktiv, für den einen mehr, für den anderen weniger, und sie geben dem Einzelnen das Gefühl, auserwählt zu sein. Das ist meiner Meinung nach der Grund, dass Fundamentalismus auf ganz verschiedenen Ebenen so eine Verbreitung findet.
WDR 5: Also ist in einem riesigen Angebot an Möglichkeiten, Freiheit und Werten der Einzelne orientierungslos und dem gibt der Fundamentalist einfache Antworten auf komplexe Fragen?
Wolfgang Benz: Fundamentalisten geben einfache Antworten, sie halten sich nicht mit der Vielfalt von Ursachen und komplexen Probleme auf, sondern sie vermitteln quasi-religiöse Gewissheit über das, was wahr, gut und richtig ist. Fundamentalisten sagen: "Wir betrachten die Welt aus dieser einen Perspektive und wenn Du das glaubst und befolgst wird alles gut." Das ist attraktiv, denn es gibt ein Bedürfnis nach Welterklärung: Man fühlt sich unsicher in einer immer komplizierter werdenden Welt und einfache Erklärungen, die ohne "wenn" und "aber" auskommen, sondern eindeutige Ge- und Verboten liefern, geben manchen Menschen einen Halt.
Und es gibt natürlich auch ein Bedürfnis danach, das Vakuum zu füllen, das früher ganz selbstverständlich die Religionen ausgefüllt haben, die einen bestimmten Regelkanon vorgegeben haben. In der Liberalisierung und Auflösung dieses Gefüges üben jene, die so etwas bieten, eine geradezu magische Anziehungskraft auf Menschen aus, die Halt und Regeln, Festigkeit und Geborgenheit suchen, die sie früher bei den Kirchen gefunden hätten.
WDR 5: Was sind das für Menschen, die besonders zugänglich für fundamentalistische Ideen sind – oder ist es im Prinzip jeder?
Wolfgang Benz: Ich glaube nicht, dass man das charakterisieren kann: Wir sind alle zugängig für so etwas: Das hängt von Lebensumständen, von Erfahrungen, von Glücks- oder Unglücksgefühlen ab. Jeder ist im Grunde anfällig für fundamentalistische Angebote und scheinbar einfache Problemlösungen. Je besser oder differenzierter er gebildet ist, desto weniger vermutlich. Aber ich will das nicht das nicht verallgemeinern.
Schwierige Abgrenzung

- Ist das schon Fundamentalismus?
WDR 5
: Der Begriff "Fundamentalismus" erfreut sich in Medien und Politik großer Beliebtheit, fast unterschiedslos wird er auch auf konservative religiöse Gruppen, Terroristen, Sekten, ökologischen Utopisten oder radikale Tierschützer angewendet. Wie definieren Sie Fundamentalismus?
Wolfgang Benz: Es ist ein Zeichen der Zeit, dass man einen in Mode gekommenen Begriff ohne weitere Definition wild anwendet. Bei dem Begriff geht es immer um eine abwertende Fremdbezeichung, die den Gegner treffen soll, in dem man ihn als Fundamentalisten bezeichnet.
Eine exakte Definition ist allerdings schwierig. Bei religiösen Gruppen lässt sich das noch am leichtesten fest machen, wenn es sich um eine bestimmte Gruppe handelt, egal ob protestantisch, jüdisch oder islamisch, die fundamentale Ansichten vertritt: Also, eine Gruppe, wo nichts zur Diskussion steht, wo es keine liberale Bandbreite gibt, sondern nur eine Grundwahrheit: Ein Beispiel dafür sind die Amish People in den USA, die einfach in Religion, Sprache, Sitte und Brauch im 18. Jahrhundert stehen geblieben sind und dies verfestigt haben.
Wichtig dabei ist immer die Frage von Inklusion und Exklusion: Die einen sind drinnen und gehören zu der fundamentalistischen Gruppe und alle anderen sind draußen und Feinde oder zumindest Ausgegrenzte.
WDR 5: Also braucht der Fundamentalist immer ein Feindbild, Abweichung wird als illegitimes Verhalten gewertet?
Wolfgang Benz: Kriminalisierung muss nicht sein, aber der Außenstehende wird auf jeden Fall als Feind gesehen. Fundamentalismus verzichtet auf Kompromisse, es gibt keine Dialog- und Toleranzbereitschaft, die Regeln der parlamentarischen Gesellschaft gelten nicht. Für den Fundamentalisten gibt es nur "drinnen" und "draußen", "Feind" und "Freund", da sein Weltbild keine konkurrierenden Deutungen zulässt. Und das macht den Fundamentalismus, wenn er sich politisch artikuliert, für eine Demokratie gefährlich.
WDR 5: Aber wie grenzt man den Begriff beispielsweise von Intoleranz, Rassismus, Fanatismus, Terrorismus oder schlicht: Protest ab?
Wolfgang Benz: Eine Abgrenzung ist schwierig, man kann immer nur gewisse Definitionsmerkmale vorgeben und anwenden. Aber man wird nur relativ selten eine Gruppe eindeutig als fundamentalistisch bezeichnen können. Wenn es sich beispielsweise um eine Sekte handelt, die sich durch Tracht und Sprache nach außen abgrenzt und ihr Eigenleben kultiviert, dann kann man das ziemlich eindeutig sagen. Ansonsten sind die Übergänge, wie auch im politischen Leben, an den Rändern immer fließend: Wir können auch nicht eindeutig trennen zwischen äußerst linker Überzeugung und Linksextremismus, zwischen äußerstem Konservatismus und Rechtsextremismus. So ist das auch beim Fundamentalismus.
WDR 5: Aber ist nicht allen Fundamentalisten mindestens eine Fortschrittskritik gemein, weil sie sich als Gegenbewegung zur modernen Entwicklung verstehen?
Wolfgang Benz: Auf den ersten Blick ja. Mir fällt keine fundamentalistische Gruppierung ein, die sich nicht gegen Modernisierung, Liberalisierung oder Globalisierung abgrenzt. Alle fundamentalistischen Strömungen beziehen sich auf die gegenwärtigen Verhältnisse, die sie ablehnen und auf die sie mit der Rückkehr zu Althergebrachtem antworten. Vermutlich findet man nur in dieser Abgrenzung gegen Veränderungen der Lebenswelt eine ausreichende Anhängerschaft.
WDR 5: Sind sie nicht dann auch ein immer ein Symptom für das Versagen eines Staates oder einer Gesellschaft?
Wolfgang Benz: Es muss nicht unbedingt ein Versagen sein, aber es ist auf jeden Fall ein Symptom für eine Unzufriedenheit in einer Gesellschaft an bestehenden Zuständen und Entwicklungen.
Eine gefühlte Bedrohung?

- Fundamentalistisch aber ungefährlich
WDR 5: Strebt Fundamentalismus immer Macht an, sei es die staatliche Macht oder der Wille, die Gesellschaft nach eigenen Vorstellungen neu zu ordnen?
Wolfgang Benz: Nein, keineswegs. Fundamentalismus kann sich zurückgezogen, in einer Art Weltflucht äußern, beispielsweise bei Sekten oder einer Gemeinschaft von Gläubigen, die mit Macht und Aktionismus überhaupt nichts zu tun haben, sondern nur für sich nach bestimmten, von ihr als richtig erklärten und festgesetzten Regeln leben will.
Fundamentalisten streben nicht notwendigerweise nach Macht. Es ist vielmehr ein Reflex von außen, dass man eine Gruppe als bedrohlich wahrnimmt, die wegen ihrer Abgrenzung als fundamentalistisch ausmacht wird, wie etwa derzeit die Salafisten. Und wenn die dann noch unerfreuliche Aktionen unternehmen oder sich gewaltbereit zeigen, dann wird das als Bestätigung gesehen. Aber es ist dem Fundamentalismus nicht wesensimmanent, dass er nach Macht strebt.
WDR 5: Aber signalisiert er Gewaltbereitschaft zur Durchsetzung seiner Vorstellungen?
Wolfgang Benz: Keineswegs. Auch das ist Folge eines Bedrohungsszenarios, das in der Mehrheitsgesellschaft entsteht. Uns als Mehrheitsgesellschaft sind Fundamentalisten wohl immer irgendwie unheimlich, weil sie seltsame Kleider tragen, weil sie seltsame Bräuche pflegen, weil sie sich von uns absondern und uns ausgrenzen. Das halten wir für bedrohlich und deshalb neigt die Mehrheitsgesellschaft dazu, Fundamentalisten grundsätzlich als bedrohlich zu empfinden.
Wenn Fundamentalisten gewalttätig werden und mit Steinen werfen, sind sie eine Gefahr, sie sind kriminell und bedrohlich, aber sie sind nicht deshalb gefährlich und kriminell, weil sie fundamentalistischen Ideen anhängen.
WDR 5: Krise als Nährboden Fundamentalismus – Wo beobachten sie aktuell, dass sich fundamentalistische Ideen als Antwort auf die wirtschaftliche Krise herausbilden?
Wolfgang Benz: Beispielsweise bei dem, was derzeit in New York bei der antikapitalistischen Occupy-Bewegung zu beobachten ist, die versucht, die Banken an ihren Geschäften zu hindern. Ich möchte nicht behaupten, dass es sich um Fundamentalisten handelt, aber als vorsichtig abwägender Wissenschaftler erkenne ich da deutlich fundamentalistische Tendenzen. Aber Fundamentalisten können auch radikale Naturschützer sein. Grundsätzlich kann man überall fundamentalistische Tendenzen feststellen.
Das Interview führte Ina Rottscheidt
Weitere Informationen
Fundamentalismus. Aktuelle Phänomene in Religion, Gesellschaft und Politik
Hrsg.: Sir-Peter-Ustinov-Institut
Braumüller-Verlag, Wien
160 Seiten
ISBN: 978-3-7003-1771-5
Preis: 21,90 Euro
WDR 5 Thementag: Krisenzeit – Nährboden für Fundamentalisten
Stand: 20.09.2012





