Ein Netz für Fundamentalisten
WDR 5 Thementag: Krisenzeit – Nährboden für Fundamentalisten
Ein Netz für Fundamentalisten
Wie Extremismus-freundlich ist das Internet?
Von Insa Moog
Extremistische Inhalte werden immer stärker auch in sozialen Netzwerken verbreitet. Ist deshalb das Internet ein Medium, das zur Radikalisierung beiträgt? Nein, sagt Blogger Patrick Breitenbach und attestiert dem modernen Menschen gleichzeitig einen Hang zum Fundamentalismus.
Netzwerke im "Arabischen Frühling"

- Online Gleichgesinnte finden
Ohne Facebook, den Microblogging-Dienst Twitter und die Videoplattform Youtube hätte es den "Arabischen Frühling" nicht in dieser Form gegeben. Diese Auffassung ist heute, fast zwei Jahre nach Beginn der ersten Unruhen in Tunesien, in westlichen Gesellschaften konsensfähig. Das Gegenteil beweisen kann ohnehin niemand, und sicher ist, dass sich die Aufständischen in Tunesien, Ägypten, Algerien oder Libyen intensiv über die sozialen Netzwerke informierten, austauschten, organisierten.
Gerade Facebook und Twitter machen es Interessierten leicht, Diskussionen zu bestimmten Themen mitzuverfolgen, dabei einzusteigen und so Gleichgesinnte zu finden: Wer online seine Zustimmung zu Inhalten oder Positionen äußert, findet schnell Verbündete, mit denen er sich vernetzen kann. Über die Vernetzung mit Personen oder Gruppierungen abonnieren Netzwerk-Mitglieder automatisch alle Aktualisierungen, Statusmeldungen oder Inhalte, welche die virtuellen Freunde veröffentlichen. Erwünschte Meldungen werden eingeblendet und geteilt, unerwünschte können leicht aussortiert werden.
Rechtsextreme mögen Facebook
All diese spezifischen Bedingungen im Netzwerk machen Facebook, Youtube und Twitter aber nicht nur für Freiheitskämpfer, sondern auch für Extremisten interessant. Mehr noch. "Anscheinend fühlen sich Rechtsextreme in sozialen Netzwerken sicherer vor Strafverfolgung und verbreiten leichtfertiger Gesetzwidriges", bilanziert jugendschutz.net im Jahresbericht 2011. Die länderübergreifende Stelle unterstützt die Jugendministerien der Länder und die Kommission für Jugendmedienschutz als zuständige Internetaufsicht. Das Social Web spiele etwa bei Rechtsextremen eine große Rolle. "In vielen Fällen haben Beiträge bei Facebook und Youtube klassische Websites komplett abgelöst", heißt es im Bericht für 2011 weiter. Zwei Drittel der insgesamt 1.659 dokumentierten rechtsextremen Beiträge im Netz fanden die Prüfer von jugendschutz.net bei Facebook und Youtube. Auch Twitter wird bei Rechtsextremen beliebter: 141 relevante Kanäle und damit fast doppelt so viele wie noch 2010 konnte das Team ausmachen (2010: 73 Kanäle).
"Fundamentalismus bringt man mit"
"Die Präsenz im Internet ist ein zentraler Baustein der Medienpalette von Extremisten aller Phänomenbereiche", heißt es zusammenfassend im Online-Angebot des NRW-Verfassungsschutzes. Auch hier werden Web 2.0-Dienste, Blogs und Netzwerke also, die eine interaktive Einbeziehung der Internetnutzer ermöglichen, besonders hervorgehoben.
Extremistische und fundamentalistische Ausrufe lassen sich im Netz gut verbreiten. Tragen Facebook und Co. deshalb auch zur Radikalisierung von Menschen bei? "Fundamentalismus bringt man mit, er entsteht nicht im Internet", widerspricht Patrick Breitenbach. Er ist selbst Blogger, Unternehmer, Dozent und widmet sich in der Podcastreihe "SozioPod" den verschiedenen Aspekten der Netzkultur. "Kommunikation ist im Netz stark verdichtet, man wird schnell hineingezogen und macht sich aufgrund der geäußerten Meinung schnell ein Bild von einer Person", erklärt Breitenbach. Umgekehrt werde man bei einer Diskussion online auch schneller dazu genötigt, eine klare Haltung zu beziehen.
Ausgleichende Beiträge unerwünscht?

- Soziale Medien ziehen Extremisten an
Ausgleichende Beiträge oder Beiträge, die Argumente abwägen, seien oft nicht erwünscht. "Die Menschen wollen einfache Erklärungen. Eine Verhaltensweise, die wir mit der Erziehung lernen: In der komplexen Welt müssen wir kategorisieren", so Breitenbach. Ein gewisses Maß an Fundamentalismus, Breitenbach nennt das "Mikrofundamentalismus", sei bei fast jedem zu finden – "wenn es um Themen geht, die einem heilig sind". Das können gleichsam Tier- und Umweltschutz, Nichtraucherkneipen oder die Lieblingsfußballmannschaft oder eben eine extreme politische oder religiöse Haltung sein. Als Beispiel nennt Breitenbach die Debatte um das Urheberrecht im Internet, die sich kaum von zwei Extrempolen entferne. Breitenbach: "Stark vereinfacht hält die eine Seite den Mythos hoch, dass die digitale Kopie die Kunst kaputt macht. Auf der anderen Seite steht die Vorstellung, dass Kunst frei und kostenlos zugänglich sein muss."
Um die Debattenkultur in und außerhalb der Medien zu verbessern, empfiehlt Patrick Breitenbach zunächst einmal Neugier, Offenheit und eine erste Auseinandersetzung mit den verschiedenen Positionen zu einem Thema. Wer dann die eigene Meinung äußert, müsse auch mit Gegenwind umgehen können. "Kritik darf man nicht als persönlichen Angriff begreifen. Deshalb muss man erst lernen, den Abstand zwischen Person und Thematik zu wahren."
Weitere Links
Netzpropaganda der Islamisten [ARD Mediathek]
Jugendschutz im Internet - Seite von jugendschutz.net
Stand: 27.09.2012






