Lust am Selbstbetrug
Die Lust am Selbstbetrug
Warum sich der Mensch so gerne für etwas ausgibt, das er nicht ist, und warum die anderen ebenso gerne darauf hereinfallen
Ein Kurzessay von Burkhard Müller-Ullrich
Die Lüge, das wissen wir von Nietzsche, ist immer anspruchsvoller als die Wahrheit. Die Lüge ist der Wahrheit geistig überlegen, weil derjenige, der lügt, die Wahrheit kennen muss, um überhaupt lügen zu können. Umgekehrt ist das nicht so; die Wahrheit muss nicht doppelspurig fahren. Wie aber verhält es sich, wenn man sich selbst belügt? Es gibt da doch ein logisches Problem, denn wie kann ein Teil von uns etwas wissen, was ein anderer Teil gerade nicht wissen will?
Der klassische Fall einer Selbsttäuschung

- Wie in der Theaterwelt
Tatsächlich haben Neurologen festgestellt, dass unser Bewusstsein von Natur aus gespalten ist – oder vorsichtiger ausgedrückt: dass es aus verschiedenen Schichten besteht. Manche Hypnose-Phänomene lassen sich damit erklären – genauso wie die Alltagsbeobachtung, dass viele Menschen gar kein Problem damit haben, zwei einander ausschließende Dinge gleichermaßen fest zu glauben. Wenn sich nun noch herausstellt, dass die Menschen sehr wohl ahnen, welche der beiden Möglichkeiten die richtige und welche die falsche ist, sie aber diese Ahnung mit erheblichem psychischen Aufwand in sich selber niederringen, dann liegt hier der klassische Fall einer Selbsttäuschung vor.
Angst vor der Wahrheit
Die Weltliteratur ist voll von entsprechenden Beschreibungen, da die menschliche Verblendung generell ein Kraftstoff der Geschichte ist. Von Leo Tolstojs "Anna Karenina" bis zu Max Frischs "Homo Faber": total wird die Verblendung erst, wenn der Verblendete selbst daran mitwirkt. Dafür gibt es in Romanen wie im Leben durchaus gute Gründe. Der wichtigste heißt: Angst. Angst vor einer Wahrheit, die bestenfalls unangenehm und schlimmstenfalls unerträglich ist. Schon die ersten Menschen wurden eindringlich gewarnt, sich die Früchte vom Apfelbaum der Wahrheitserkenntnis einzuverleiben.
Eine medizinische Diagnose, ein Seitensprung des Partners: manchmal reicht eine Information, um ein Lebenspanorama zu zerstören. Da wünscht man sich gelegentlich, die souveräne Verfügungsgewalt über derlei Informationen zu besitzen. "Von gewissen Dingen nichts wissen zu wollen", sagt Thomas Mann in "Doktor Faustus", diese Fähigkeit sei "der Weisheit sehr nahestehend oder vielmehr ein Teil von ihr."
Fantasie ist eine gigantische Ressource
Doch solche Selbstbeherrschung ist fast nicht zu leisten. Was man stattdessen kann, ist: gegensteuern, sich andere Informationen zurechtmachen, seinen eigenen Film drehen. Die Bearbeitungskapazitäten unseres Gehirns gegenüber der Wirklichkeit sind enorm. Fantasie ist eine gigantische Ressource. So entsteht, was Schopenhauer zum Titel seines Hauptwerks machte: "die Welt als Wille und Vorstellung".
Die intellektuelle Pointe besteht indes darin, dass uns der Vorgang wohlbekannt ist. Wir sind, wenn unsere selbsterzeugten, selbstgenährten Illusionen irgendwann zusammenbrechen, nicht wirklich überrascht, sondern nur wütend auf den eigenen Schwindel. Bis dahin halten wir mit geradezu lustvoller Hartnäckigkeit an ihm fest, verteidigen ihn, betonieren ihn, armieren ihn gegen innere und äußere Stimmen des Zweifels.
Parallele zur Theaterwelt
Das Funktionsmodell dieses Prozesses findet sich im Theater. Natürlich weiß jeder Zuschauer, daß das Bühnengeschehen nicht echt, sondern nur gespielt ist. Aber sofern nicht gerade ein Stück von Brecht gegeben wird, blendet man dieses Wissen um den Illusionscharakter alsbald aus und zieht aus der gelingenden Täuschung besonderen Genuss. Dass dies tatsächlich ein Modell für die soziale Welt ist, hat der amerikanische Soziologe Erving Goffmann in seinem Buch "Wir alle spielen Theater" vor mehr als 50 Jahren proklamiert. Wir spielen Theater und wir lassen uns Theater vorspielen. Nicht immer durchschauen wir das Spiel. Oft wollen wir es nicht durchschauen, weil wir dann die Bühne selbst verlassen müssten.
Die Lust am Selbstbetrug [Scala]
Stand: 24.05.2012
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