Doktor-Titel in Euro
"Promoviert - der muss mehr können als andere"
Was bringt der Doktor-Titel in Euro und Cent?
Der Doktortitel macht sich oft im Portmonee bemerkbar. Jährlich sind das je nach Branche ein paar tausend Euro, wie das Personalberatungsunternehmen Kienbaum ermittelt hat. Den höchsten Promotionsbonus zahlen Unternehmen der forschenden Industrie, die ganz direkt vom erworbenen Fachwissen profitieren. Aber auch der Titel als solcher beschert dem Graduierten ein höheres Einkommen. Selbst wenn er inhaltlich keinen Einfluss auf die Tätigkeit im Unternehmen hat.
Ein Interview mit Christian Näser, Mitglied der Geschäftsleitung von Kienbaum, über den Wert des Doktortitels

- Christian Näser
WDR 5: Wie zahlt sich ein Doktortitel generell aus?
Christian Näser: Die Einstiegsgehälter liegen bei Promovierten im Schnitt 9.000 Euro höher gegenüber nicht promovierten Akademikern. Je nachdem ob Fachhochschul- oder Universitätsabschluss schwankt das zwischen 5.000 und 12.000 Euro. Das ist das rein Monetäre. Aber er zahlt sich auch aus in einer Karriere. Wenn man mal die Zahlen in der gewerblichen Wirtschaft betrachtet, zeigt sich: Wir haben auf Führungskräfteebene etwa 10 Prozent Promovierte und auf Geschäftsführungs-/ Vorstandsebene 20 Prozent Promovierte. Wenn man jetzt in die Großkonzerne geht, DAX, MDAX, dann ist das noch deutlich höher, da ist ja kaum einer nicht promoviert. Auf der Ebene ist nicht mehr die Frage monetär mehr oder weniger. Da verdient dann ein Nicht-Promovierter nicht weniger. Aber es zeigt: Um dahin zu kommen, scheint die Promotion doch relativ wichtig zu sein.
WDR 5: Ist das inhaltlich immer so gerechtfertigt?
Näser: Wenn jemand Vorstandsvorsitzender oder Finanzvorstand ist, weiß der natürlich als Promovierter auch nicht mehr als der Kollege, der das nicht ist. Die sind ja auch wegen ihrer fachlichen Kompetenz da und nicht weil sie promoviert sind. Aber am Anfang, da wird es sich wahrscheinlich schon entscheiden, dass die Promovierten fachlich schon in ihrem Spezialthema tiefer drin sind auch höher schon einsteigen. Das ist ja nicht der identische Job, den ein Hochschulabsolvent kriegt, sondern das ist schon so ein, zwei Schritte in der Karriereleiter höher. Und diesen Vorsprung geben die dann augenscheinlich nicht mehr ab.
WDR
5: Wenn eine Doktorarbeit für ein Unternehmen inhaltlich nicht so relevant ist, worin wird dann der Wert einer Doktorarbeit für das Unternehmen gesehen? Einfach die Tatsache als solche, dass der Betreffende eine solche Arbeit vorgelegt hat?
Näser: Das ist schon ein starker Anreiz für die Firmen, Promovierte zu nehmen, denn da steckt eine Menge Schweiß und Motivation dahinter, um das überhaupt auf die Beine zu bringen. Normalerweise jedenfalls. Und von daher ist das schon ein Wert an sich. Natürlich gibt es auch solche, die dann wirklich in einem Fachgebiet promoviert haben, das für die Firmen interessant ist.
Wenn eine Firma einen solchen Promovierten einstellt und der hat genau in dem Gebiet promoviert, was die Firma erforscht, dann ist das ein Pfund und den Firmen auch mehr Geld wert. Das ist in den Naturwissenschaften eher der Fall als in Wirtschaftswissenschaften, Jura oder Sozialwissenschaften. Da geht es eher darum zu zeigen: Ich habe mich mit einem Thema beschäftigen können und ich habe mich auch durchgewuselt und ich habe es zu einem guten Abschluss gebracht.
WDR 5: Wie zahlt sich die Promotion je nach Branche aus?
Näser: Die Beratungsbranche, die Wirtschaftsprüfer, die großen Rechtsanwaltskanzleien und auch die Finanzbranche zahlen mehr. Das gilt nicht nur für Promovierte, sondern auch für normale Absolventen. Ingenieure liegen mit in der Spitzengruppe. In der Chemie, der Pharmazeutischen Industrie, also die Branchen, die wirklich viel selbst forschen, zahlen dann auch noch wieder mehr als ein normales Industrieunternehmen, das sich einen promovierten Kaufmann einkauft. Da ist das Thema der Arbeit in aller Regel für das Unternehmen nicht wirklich so interessant, sondern da ist es dann wirklich der Titel.

- Was zählt ist der Titel - und manchmal auch der Inhalt
WDR 5: Und der zahlt sich dann auch für die Unternehmen aus?
Näser: In manchen Firmen schon, in der Beratung oder generell außenorientierte Branchen, beispielsweise Finanzdienstleistern. Wenn da auf der Visitenkarte der Titel steht, das ist das eine. Das andere ist aber wirklich auch bewiesen zu haben, sich tief in ein Thema reinzuwühlen und durchzubeißen und das auch zu einem guten Ende zu bringen. Egal jetzt ob dieses Thema speziell jetzt für eine Beratung gerade interessant ist.
WDR 5: Beim Studium wird wegen der unterschiedlichen Qualität der Lehre oft genau hingeschaut, an welcher Uni der Abschluss gemacht wurde. Wird bei der Promotion auch darauf geachtet?
Näser: Also ich glaube nicht mehr. Ich glaube auch deswegen, weil das ein bisschen verwirrend ist, diese vielen Rankings, die es inzwischen gibt und jeder Personalleiter, der dann die Einstellung vornimmt, oder Personalreferent hat ein anderes Ranking im Kopf. Wir fragen bei unseren Umfragen für das Gehalt dann auch immer, was die Hochschule für eine Rolle spielt, und ein Viertel sagt: Ja, ich gucke auch noch auf die Hochschule.
In Deutschland wird mehr auf den Titel geschaut als in den angelsächsischen Ländern
WDR 5: Macht es einen Unterschied, ob die Promotion intern, also als Angestellter an einem Lehrstuhl oder ob sie extern gemacht wird?
Näser: Wenn ich das an der Hochschule mache, habe ich schon andere Möglichkeiten zum Beispiel Versuchsreihen zu starten. Ich sag mal – aber das ist ein bisschen subjektiv – das Ernsthaftere klingt schon nach direkt am Lehrstuhl. Aber das andere ist schon eine Ochsentour. Hut ab, wer das so neben dem Job macht!
WDR 5: Oder vielleicht auch im Unternehmen...
Näser: Das ist natürlich dann so ein bisschen das Ideal, dass ich meinen Job, den ich eh mach, dann für meine Promotion nutze. Ob das wirklich in der Firma dann so einen Aha-Effekt hat: Da läuft jetzt der Herr Meyer rum und irgendwann ist das der Dr. Meyer. Ich glaube, das hat dann nicht diesen Karriereschub. Der ist dann halt promoviert und läuft ganz normal seine Bahn weiter im Unternehmen.
WDR 5: Es sei denn Herr Meyer wechselt danach?
Näser: Genau. Da ist er dann wieder der Promovierte, der genau das kann, was wir suchen.
WDR 5: Wird in Deutschland mehr auf Titel geschaut als in anderen Ländern?
Näser: Nach unseren Umfragen scheint es noch höher zu sein in Österreich und Schweiz. Da spielt das noch mehr eine Rolle als bei uns. In den angelsächsischen Ländern denke ich ist das tatsächlich nicht so, ohne jetzt exakte Zahlen dafür zu haben. Da ist das nicht so ausgeprägt wie bei uns. Aber die haben dann wie in Frankreich ihre Spezialschulen, wo alle waren. Die kommen dann alle aus dieser einen Schule und da hat auch gar kein anderer eine Chance. So schlimm ist es hier ja nicht. Eine Chance kriegt schon jeder. Aber das ist auch in den Köpfen drin, so nach dem Motto: Da ist einer promoviert, der muss mehr können als der andere.
WDR 5: Kann ein Doktortitel auch hinderlich sein, weil man für bestimmte Unternehmen zu überqualifiziert gilt?
Näser: Das kann schon passieren. Etwa ein Mittelständler, der jemanden für das Controlling sucht. Er sucht einen Kaufmann und da bewirbt sich jetzt ein Promovierter. Die erste Anmutung ist: der ist überqualifiziert, der wird nicht lange bleiben, dem wird es hier nicht gefallen. Und das Plus natürlich, das der im Hinterkopf hat, warum sollte die Firma das zahlen, wenn sie nur einen ganz normalen Absolventen brauchen, der da Controlling macht? Selbst wenn der nicht teurer ist als der andere Bewerber, kann ich mir das gut vorstellen, dass die sagen, der wird hier nicht froh, der erwartet etwas anderes und wir bieten das nicht und deswegen nehmen wir ihn nicht.
WDR 5: Im Umkehrschluss bedeutet das auch, dass mich ein Doktortitel zu einem Karrieresprung verpflichten kann?
Näser: Irgendwie schon, ja. Wenn ich einmal drin bin, sieht es alles anders aus. Ist ja auch nicht so, dass alle Promovierten dann irgendwann im Vorstand landen oder im DAX landen.
Das Interview führte Jessica Sturmberg
Thementag: Der falsche Doktor - Betrügen, blenden, abkassieren
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Stand: 22.05.2012







