James Bond - Geboren in Wattenscheid
Mein Name ist James Bond – geboren in Wattenscheid
007 verbrachte seine Kindheit im Ruhrgebiet
Von Sabine Schmitt
Ein ganzes Agentenleben lang steht er im Dienst der britischen Königin. Dabei wurde er gar nicht im britischen Königreich geboren, sondern im Ruhrgebiet. Ein Ortsbesuch zur Vergangenheit des berühmtesten aller Geheimagenten.

- Die Haltestelle der Alten Freiheit heute
Das Ruhrgebiet im Herbst 1920. Überall dampfen die Hochöfen der Stahl- und Walzwerke, angefeuert durch Koks aus dem Revier. Der Bergbau ist der wichtigste Arbeitgeber. Um den Brennstoff und den Stahl transportieren zu können, ist die Region durch Eisenbahnstrecken gut erschlossen. Auch Wattenscheid hat einen Bahnhof. Dort steht an einem trüben Novembertag Monique Bond, geborene Delacroix und Schweizerin, mit gepackten Taschen.
Monique Bond ist hochschwanger, für die Geburt will sie nach England reisen. In Wattenscheid lebt sie nur, weil ihr Mann, der schottische Ingenieur und Brigadegeneral Andrew Bond, dort einen Auftrag hat. Er arbeitet im Namen des britischen Geheimdienstes daran, den Krupp-Konzern zu zerschlagen. Seine Frau fühlt sich in Wattenscheid nicht zu Hause. Doch ausgerechnet jetzt streiken die Eisenbahner. Monique Bond sitzt fest. Deshalb passiert es am 11. November 1920 im alten Stadtkern, den die Wattenscheider die Alte Freiheit nennen. Das Kind kommt zur Welt, und sein Name ist Bond. James Bond.
Wer ist der berühmteste Wattenscheider?

- Stadtarchivar Andreas Halwer
007 – ein Kind des Ruhrpotts. So beschreibt es John Pearson in seiner 1973 erschienenen fiktiven Biografie des Spionagehelden. Wenn Stadtarchivar Andreas Halwer das auf seinen Führungen durch Wattenscheid erzählt, lachen immer erst mal alle. "Auf die Frage nach dem berühmtesten Wattenscheider kommt meistens Textilunternehmer Klaus Steilmann", sagt Halwer. Dass auch James Bond Wattenscheider sein soll, wirke auf viele zunächst absurd.
James hat die ersten fünf Jahre im Pott verbracht
Bond-Schöpfer Ian Fleming verrät in seinen Romanen nur wenig über den Lebenslauf seiner Hauptfigur. Diese Lücke hat John Pearson, der Freund und Assistent des 1964 gestorbenen 007-Erfinders, mit seiner Biografie geschlossen. Er lässt den berühmtesten aller Geheimagenten auf mehr als 300 Seiten plaudern – über Frauen, den Job, die Jugend und die Kindheit, von der der Agent die ersten fünf Jahre im Pott verbracht haben soll.

- James Bond: The Authorized Biography
Seine Familie lebte damals in einem Haus mit großem Grundstück, zusammen mit Haushältern, Kindermädchen, Hunden und Pferden - heißt es in Pearsons Werk. James sprach besser Deutsch als Englisch, wobei fraglich ist, inwieweit er den Dialekt des Ruhrgebiets adaptierte. Er forderte schon damals gerne andere heraus und prügelte sich oft. Die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mutmaßt, dass er dabei auch folgende Worte benutzt haben könnte: "Wollz wat auffe Fresse?"
Kein Held für Lokalpatrioten
Um die Geburt geht es in Kapitel zwei der Biografie. "I suppose you have to know. The truth is hat I’m a native of the Ruhr. I was born in a town called Wattenscheid – that’s near Essen." („Ich denke, Du solltest es wissen. Die Wahrheit ist, dass ich aus dem Ruhrgebiet bin. Ich wurde in einer Stadt namens Wattenscheid geboren – das liegt bei Essen.") Wenn man diese und weitere Aussprüche Bonds liest, dann wirken sie wie von jemandem, der wenig begeistert ist über dieses Kapitel seiner Lebensgeschichte. Sogar von einem Schaden fürs Image durch den Geburtsort ist da die Rede. Vielleicht ist Letzteres der Grund dafür, dass Bond den Wattenscheidern – von denen der Stadtarchivar sagt, sie seien heimatverbundener als andere Menschen – so fern ist.
In der Geburtsstadt des Superagenten gibt es keine Bond-Straße und keinen Bond-Platz. Auch ein 007-Museum sucht man vergebens. Man identifiziert sich hier mit anderen Dingen. "Man ist stolz darauf, zu einer Gemeinschaft zu gehören", sagt der Stadtarchivar. "Es gibt ein ausgeprägtes Wir-Gefühl."
Ein echter Wattenscheider ist auch im Herzen einer

- Grzegorasczuk (m.) und seine Kumpels
Zum Beispiel Peter Grzegorasczuk. Er lehnt mit seinen Kumpels an einer Hauswand und guckt die Oststraße herunter, die Einkaufsstraße von Wattenscheid. Manchmal reden die Männer, manchmal schweigen sie sich auch einfach nur an. Grzegorasczuk ist das Gegenteil von James Bond. Er wurde nicht hier geboren, ist aber im Herzen Wattenscheider. Stattdessen kam er in Paderborn zur Welt, aber nur weil seine Mutter während des Bombenkrieges 1944 die Stadt verließ.

- Wattenscheid zählt heute zu Bochum
Wer wie Grzegorasczuk still den Blick durch die Gegend schweifen lässt und leer stehende Ladenlokale sieht, hat aber auch das Gefühl, dass es in Wattenscheid vielleicht bessere Zeiten gegeben hat. So manch einer weint zum Beispiel den Jahren hinterher, in denen Wattenscheid selbstständig war. Das war vor 1975. Danach wurde Wattenscheid im Zuge der nordrhein-westfälischen Gebietsreform eingemeindet. Seitdem sind die heute etwa 80.000 Wattenscheider Bürger der Stadt Bochum.
"Es ist ein Ortsname, den kein Engländer aussprechen kann"
Auch Peter Mikos (55) ist seitdem auf dem Papier Bochumer. Davon, dass auch Bond aus Wattenscheid sein soll, hat er in der lokalen Tageszeitung gelesen und dazu auch die passende Erklärung des Stadtarchivars. "Die Figur Bond entstand im Zweiten Weltkrieg. Was wäre da passender, als seine Wiege in Deutschland und im für Engländer exotischen Ruhrgebiet aufzustellen?" Wattenscheid hat laut Halwer einen besonderen Reiz. "Es ist ein Ortsname, den kein Engländer aussprechen kann." Abgesehen davon, findet Mikos, passe Bond eigentlich weniger nach Wattenscheid.

- Der Unternehmer Peter Mikos
"Wenn man die Entwicklung von James Bond sieht und dann die von Wattenscheid…", sagt der Unternehmer Mikos und spielt darauf an, dass der Agent seit 50 Jahren ein Weltstar ist und die Stadt so vor sich hin dümpelt. "Ich musste sehen, wie Wattenscheid immer ein bisschen mehr in sich verfällt. Es gibt immer weniger Geschäfte, Ladenlokale stehen leer, Gebäude vergammeln. Man hofft immer, dass irgendwann mal ein Aufschwung kommt oder einer, der sagt: Wir nehmen das jetzt mal in die Hand. Leute wie Steilmann sind nicht mehr hier – vielleicht wird es langsam Zeit, dass ein James Bond kommt und hier ein bisschen aufräumt."
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