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Der arabische TV-Sender al-Dschasira wurde vor 15 Jahren vom Emir von Katar gegründet. Al-Dschasira sorgte immer wieder für Aufsehen, beispielsweise durch seine Afghanistan-Berichterstattung, die Ausstrahlung von Bin Laden-Videos und aktuell durch die Rolle im arabischen Frühling. Unter Einsatz seines Lebens informierte ein freier Mitarbeiter des Senders die Weltöffentlichkeit mit Bildern und Videos von den Demonstrationen gegen Gaddafi und über den brutalen Einsatz libyscher Sicherheitskräfte. Dafür erhielt er in dieser Woche des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis.
Redaktion:
Esther Hartbrich
Anerkannter Zeitzeuge - Al-Dschasiras Rolle im arabischen Frühling
Das Manuskript des Beitrags
„Gaddafi ist tot, das ist das Ende des Krieges“, sagt der Moderator der Live-Sendung. Sofort, als die Nachricht hereinkommt, dass Gaddafi aufgegriffen worden sei, unterbricht al-Dschasira das laufende Programm. Im Bild sieht man die ganze Zeit jubelnde Menschen an wechselnden Schauplätzen, erst in Sirt, wo der finale Kampf stattfand, dann in Tripolis oder Bengasi, manchmal auch gleichzeitig in einer Bildteilung. Kämpfer recken ihre Waffen hoch, Freudenschüsse fallen, Autos hupen. Der Zuschauer ist mittendrin.
„Heute ist das Ende der Ära Gaddafi!“, ein zugeschalteter Offizier kann seine Freude kaum verbergen. Dann wird das erste Bild vom blutigen Gesicht Gaddafis gezeigt, der Leichnam liegt im Staub. „Ist das auf dem Bild wirklich Gaddafi? Können Sie das bestätigen?”, fragt der Moderator. „Jawohl!“.
Im Halbstunderhythmus wechseln nun die Studiogäste, libysche Intellektuelle oder andere arabische politische Analysten. Dazwischen wird immer wieder zu den Live-Reportern an die Orte des Geschehens geschaltet. Während Telefoninterviews geführt werden, laufen Bilder von einem erschossenen afrikanisch aussehenden Kämpfer Gaddafis in Nahaufnahme. Ob es ein Söldner ist, bleibt unklar. Erst bei der Wiederholung einige Minuten später wird das entstellte Gesicht gepixelt, auch das ist al-Dschasira.
„Wenn wir bestimmte Bilder nicht zeigen, dann gelten wir als Lügner in der Region. Und dann werden alle umschalten und sagen: Wo gibt's die Bilder, die meine Realität beschreiben?“
Aktham Suliman ist Deutschland-Korrespondent von al-Dschasira. Er ist schon fast zehn Jahre im Sender und ist ein intimer Kenner der Arbeitsweise des Branchenführers in der arabischen TV-Landschaft.
Seit dem Beginn der Demonstrationen in Tunesien zum Jahreswechsel 2010/2011 ist al-Dschasira der Sender des arabischen Frühlings.
„Sie waren immer vorne bei den Nachrichten. Und das ist natürlich ein Zeichen für alle Zuschauer: Das ist wichtig. Al-Dschasira hat zeitweise alle Programme eingestellt. Man war nur noch mal in Ägypten, mal in Jemen, mal in Syrien, mal per Live-Berichterstattung, mal per Korrespondenten-Beitrag, mal über neue Medien, Youtube und Facebook usw. Diese Kombination von journalistischen Methoden hat dazu beigetragen, dass die Revolutionen auf unserem Bildschirm teilweise 90-95 Prozent der Sendezeit eingenommen haben.“
Die Reporter vor Ort hatten zu Beginn der arabischen Volkserhebungen mit massiven Repressionen zu kämpfen, denn der Sender zeigte die staatlichen Übergriffe auf die Demonstranten live und in Farbe. Die Regime reagierten mit Repressalien: Ende Januar ließen die ägyptischen Sicherheitskräfte das al-Dschasira -Büro in Kairo schließen, eine Woche später wurde der Büroleiter festgenommen. Doch das änderte nichts. Die Live-Bilder vom Tahrir-Platz, die al-Dschasira von anderen Sendern übernahm, gingen um die Welt. Präsident Mubarak trat zurück.
Seit Wochen ist Syrien ein Schwerpunkt bei Al Jazeera, obwohl der Sender keinen Reporter mehr vor Ort hat. Eine unabhängige Berichterstattung aus dem Unterdrückungsstaat Bashar al-Assads ist nicht möglich. Doch Youtube und andere Videoportale haben die Arbeitsweise des TV-Journalismus verändert.
„Wenn wir einen Film bekommen, versuchen wir einfach festzustellen: Wann wurde das ins Netz gestellt, wie oft wurde das angeklickt, wie glaubwürdig ist der Dialekt, der da drin vorkommt z.B. Aber viel mehr kann man nicht machen bei so einem Film.“
In der Unmittelbarkeit dieser Nachrichtenströme liegt das Risiko, Opfer von Propaganda zu werden, denn kaum eine Information, die so in die Welt ausgesendet wird, kann vorher auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden. Schnelligkeit geht dabei oft auf Kosten von Genauigkeit, meint Aktham Suliman, der selbst während der Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo das Reporter-Team von al-Dschasira verstärkte.
„Oft landet man natürlich ganz falsch. Tatsache.“
Doch dem Ansehen des Senders in der arabischen Welt schadet dies nicht, im Gegenteil. Al-Dschasira gibt allen Seiten eine Stimme. Und das belohnen die Zuschauer.
Al-Dschasira Arabisch war, ist und bleibt vorerst die No. 1 in der arabischen Welt, mit einer unglaublichen Einschaltquote und unglaublichen Glaubwürdigkeit.“
“All the news, all the time. Aljazeera dot com.”








