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Bildschirme im Hintergrund, davor diverse Schriftzeichen und Schriftzug "Töne, Texte, Bilder" (Rechte: WDR / picture alliance)
Sendung vom 04.08.2012, 15:05 bis 15:35 Uhr
Bild: Mädchen am iPad; Rechte: dpa

 Vorsicht geboten

Digitale Demenz

Buchbesprechung von Kerstin Peetz

Moderation: Cordula Denninghoff

Räuber Hotzenplotz, die 50 Jahre alte und beliebte Kinderbuchfigur, erscheint als App. Sie präsentiert die Räubergeschichten für die nächste Generation digital aufgearbeitet. Was so fortschrittlich klingt, wird von manchen Fachleuten beklagt. Der Umgang mit digitalen Medien kann bei Kindern zu Entwicklungs- und Schlafstörungen, zu Depressionen, Übergewicht und Gewaltbereitschaft führen, meint beispielsweise Hirnforscher Manfred Spitzer. Der Autor belegt das mit zahlreichen Forschungsergebnissen. Er hat ein Buch darüber geschrieben, mit dem Titel "Digitale Demenz", das gerade auf den Markt gekommen ist. Kerstin Peetz stellt die wichtigsten Thesen vor.

Redaktion:

Esther Hartbrich

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Digitale Demenz - Buchbesprechung von Kerstin Peetz

Mehr zum Thema

Manfred Spitzer
Digitale Demenz: Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen
Droemer Verlag 2012
ISBN-13: 978-3426276037

Das Manuskript des Beitrags

Was wären wir ohne Navi? Für viele kaum noch vorstellbar, dass man auch allein mit Straßenkarte an den Ort seiner Wahl gelangt. Zugegeben, ein digitales Navigationsgerät führt uns meist treffsicher von A nach B. Das ist sehr komfortabel. Nur nicht für unseren Orientierungssinn, denn der bleibt buchstäblich auf der Strecke, sagt der Hirnforscher und Neurobiologe Prof. Dr. Manfred Spitzer. In seinem Buch „Digitale Demenz“ zeigt er einen Zusammenhang auf zwischen der Nutzung digitaler Medien und dem Nachlassen des Denkvermögens. Seine Begründung: Wenn uns geistige Arbeit abgenommen wird, sind die entsprechenden Gehirnareale unterfordert und verkümmern.

„Wenn Ihr Gehirn an Leistungsfähigkeit abnimmt – was es immer im Alter tut, ob es krank wird oder ob es nicht krank wird – dann kommt es umso früher zur Demenz, je weniger hoch Ihr Geist ausgebildet war. Und hier haben digitale Medien aus meiner Sicht einen großen Beitrag dazu geleistet, dass viele von einem tieferen Ausgangspunkt absteigen werden und deswegen schneller unten sind. Das heißt also, Demenz viel stärker in den Vordergrund treten wird, ja, in der nicht allzu fernen Zukunft.“

Die Weichen für die geistige Leistungsfähigkeit werden schon in den ersten Lebensjahren gestellt, in denen das Gehirn sehr viele Bildungsprozesse durchläuft – es wächst, weil es lernt. Was versäumt wurde, kann später, wenn überhaupt, nur mit großem Aufwand nachgeholt werden. Die kindliche Entwicklung sollte also gefördert werden. Wenn es nach Spitzer geht, allerdings nicht mit Teletubbies und Co.

„Man kann zeigen, dass bis zu 2 Jahren, etwa, die Kinder von digitalen Medien überhaupt nichts lernen können. Weil, die brauchen sozusagen die ganzheitliche Wahrnehmung: hören, sehen, berühren, schmecken, tasten – alles gleichzeitig. Und wenn sie das nicht haben, dann passiert einfach in den Köpfen nichts. Also, wenn sie ein anderthalbjähriges Kind vor eine Baby-Einstein-DVD setzen, können Sie’s in der Zeit auch in den Kohlenkeller tun – es lernt einfach nichts.“

Computernutzung in ganz früher Kindheit führt zu Störungen bei Sprachentwicklung, Aufmerksamkeit, Lesen und Rechtschreiben, wie Spitzer belegt.

Umso erstaunlicher, dass an Kindergärten und Grundschulen gerade mit Nachdruck Computerspiele eingeführt werden, die – wie Hirnforscher nachgewiesen haben – die gleichen Gehirnbereiche aktivieren wie harte Drogen und auch genauso süchtig machen können.

„Was brauchen wir eigentlich noch, um uns zu überlegen, dass es keine gute Idee ist, in Kindergarten und Grundschule Computerspielpädagogik zu betreiben. Das ist so, als wenn man sagt, wir hätten jetzt Bedarf nach Alkoholpädagogik, weil Alkohol auch Teil unserer Gesellschaft ist und die Kinder mal irgendwann lernen müssen, damit umzugehen.“

Durchschnittlich 7,5 Stunden pro Tag nutzen Jugendliche digitale Medien, allein in der Freizeit. Einen Großteil davon verbringen sie in Chatrooms oder sozialen Netzwerken im Internet, haben Studien ergeben. Das geht zulasten persönlicher Kontakte, die das Gehirn aber angeblich braucht, um die Fähigkeit zu sozialem Denken, Handeln und Mitfühlen zu entwickeln. Und wer zu viel Zeit im Internet verbringt.

„Der wird irgendwann mal gar nicht mehr in der wirklichen Welt unterwegs sein – solche Menschen habe ich als Psychiater schon auf der Station kennengelernt. Der wird dann nur noch als Avatar unterwegs sein, seinen eigenen Körper als lästig empfinden, 18 Stunden online sein und überhaupt nicht mehr sozial mit anderen gemeinsam irgendwas auf die Reihe bringen.“

Dass Medienpädagogen und -Technologen die Gefahren digitaler Medien anders bewerten als Gehirnforscher, liegt auf der Hand, denn letztlich leben sie davon. Aber auch Politiker und der Jugendmedienschutz, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder das Bundesministerium für Bildung und Forschung stoßen laut Spitzer ins gleiche Horn. Er kritisiert, dass dort längst bekannte wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert oder verharmlost und die digitale Mediennutzung im großen Stil propagiert wird.

Manfred Spitzer ist alles andere als ein weltabgewandter, ideologisch verbohrter Sonderling: Er hat eine eigene Fernsehsendung, arbeitet täglich am Computer und schätzt die Vorzüge digitaler Medien. Er ist im 21. Jahrhundert angekommen. Allerdings auch im 21. Jahrhundert der Neurowissenschaft, was ihn als Hirnforscher in die Lage versetzt, besser als jeder Medienfachmann beurteilen zu können, welche irreparablen Flurschäden digitale Medien anrichten können – gerade auch in den Gehirnen unserer Kinder. Und in deren Sinne tritt er ein für einen dosierten Umgang mit Smartphones, Spielkonsolen und PCs. Und das wiederum müsste in unser aller Sinne sein, denn auch morgen noch brauchen wir viele kluge, selbstbestimmte Köpfe.

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