Werberat

- Sendung vom 10.11.2012, 15:05 bis 15:35 Uhr
"Hier kommt das Frischfleisch"
40 Jahre Werberat
Von Michael Meyer
Nicht alle Werber treffen den richtigen Ton. Wenn Frauen als Frischfleisch bezeichnet werden oder Olli Dietrich die Italiener beleidigt, gehen hunderte Beschwerden beim Deutschen Werberat ein.

- Werberat rügt oft Darstellung der Frau
Der Deutsche Werbrat hätte diese 50er-Jahre-Werbung eines Puddingpulverherstellers heute sicher moniert: "Sie wissen ja, ein Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen und was soll ich kochen?" Der Appetit komme mit der Ehe, heißt es weiter, und das wichtigste Essen für den Ehemann sei der Pudding. Damals gelten Frauen grundsätzlich als Hausfrauen und wenn sie arbeiten, sind sie dem Mann untergeben. Seitdem hat sich mit der Gesellschaft auch die Werbung verändert.
Wenn Werbung diskriminierend, sexistisch oder rassistisch ist oder etwa Menschen in ihren religiösen Gefühlen beleidigt, schreitet der Deutsche Werberat ein. Am 7. November 1972 wurde er gegründet. Seine 13 Experten verstehen sich als Selbstkontrollinstrument der Branche, denn nicht immer treffen Werber den richtigen Ton.
Hauptbeschwerdegrund: Diskriminierung der Frau

- Werberat muss sich erst beweisen
In den Jahren nach der Gründung hat es der Werberat schwer, sich zu etablieren. Werbung gilt in den kapitalismuskritischen Nach-68er-Jahren als irreführend und überflüssig. Als die Konsumenten den Wert der Institution erkennen, geht die Zahl der Beschwerden nach oben. Im Schnitt bearbeitet der Rat 400 bis 500 Beschwerden im Jahr. Insgesamt waren es in der Zeit seines Bestehens fast 18.000. Doch nur rund 15 Prozent der Beschwerden werden als berechtigt eingestuft. Laut Volker Nickel, dem Sprecher des Werberats, ist der Hauptbeschwerdegrund noch immer die Diskriminierung der Frau. "Aber auch Gewaltdarstellungen, religiöse Empfindungen und Kinderschutz spielen natürlich eine Rolle."
Manchmal ziehen die betroffenen Unternehmen ihre Anzeigen zurück, bevor der Werberat sich äußert – wie einen Fernsehspot, in dem Olli Dietrich sich über die italienische Mentalität lustig macht. "Ist Europameisterschaft….die Deutsche sind total verrückt geworden, sie kaufen billig, billig, sie kaufen die Flachbildschirme … und was kaufen die Italiener? Sie kaufen die Schiedsrichter. Kleiner Scherz", heißt es im Spot für eine Ladenkette. Viele hatten sich daraufhin beschwert.
"Treten Sie doch näher"

- Frauen als "Frischfleisch"
Meistens betreffen die Beschwerden Anzeigen von kleineren oder ganz kleinen Unternehmen. Gerade sie versprechen sich von der Provokation große Aufmerksamkeit. Eine Fleischerei warb zum Beispiel einmal mit einer nackten Frau auf einer Sackkarre, unter der Überschrift: "Hier kommt das Frischfleisch". Ein Hotel bildete einen weiblichen Unterleib mit einem äußerst knappen String-Tanga ab. Darauf stand: "24 Stunden geöffnet" und "Sexy Preise". Am makabersten wirkte wohl die Werbung eines Bestattungsunternehmens, das auf einem Plakat in der U-Bahn mit dem Slogan "Treten Sie doch näher" warb. Zwischen Plakat und Bahnsteig lagen die Gleise.
Volker Nickel glaubt, dass die Grenzüberschreitungen und Tabubrüche krasser geworden sind. Die Unternehmen müssten in der Masse der Anzeigen und Medien auffallen. "Aber der überwiegende Teil der Unternehmen weiß, dass Aufsehen noch kein Ansehen ist. Der Boomerang des geschäftlichen Misserfolgs liegt immer neben einer provokativen Kampagne, wenn ich Menschen in die Seele trete."
EU reguliert zu stark: Kein Zucker, kein Tabak, kein Alkohol

- Political Correctness ohne Zigaretten
Die große Mehrheit der Werbekampagnen in Radio und Fernsehen bleiben meist unbeanstandet, gehen sie doch durch etliche Prüfinstanzen in den Werbeagenturen und Unternehmen. Heutzutage müsse Werbung durch den "Windkanal der Political Correctness", so nennt es Volker Nickel. Sorgen bereitet ihm jedoch, dass die Europäische Union immer mehr Arten von Produktwerbung verbietet: Zucker, Tabak, Alkohol, sowie gesundheitsbezogene Aussagen. "Die politische Tendenz in Brüssel geht jedenfalls dazu, mehr zu regulieren anstatt selbst kontrollieren zu lassen. Setzt sich der Trend fort, stellt das auch die Arbeit von Selbstkontrollinstitutionen in Frage, die es überall in den europäischen Ländern gibt."
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