"Ich war nervös wie noch nie"

- WDR 5 Tischgespräch
"Ich war nervös wie noch nie"
Gabriele Gillen über ihr Tischgespräch mit Helmut Schmidt
Ein exklusives Interview mit Helmut Schmidt - das war auch für eine erfahrene Journalistin wie Gabriele Gillen ein besonderer Moment. Ein "Making-Of"-Gespräch über hanseatische Disziplin und lange Pausen.

- Gabriele Gillen
Gabriele Gillen ist seit 1987 Redakteurin für Politik und Kultur beim Westdeutschen Rundfunk. Sie hat für den WDR schon viele Menschen interviewt, aber dieses Tischgespräch war von Anfang an besonders: Um das Interview mit Helmut Schmidt musste sie sich lange bemühen, denn der Altkanzler gibt nur ausgewählten Medien Interviews - und das sehr selten. Anfang September war es so weit. Gabriele Gillen traf Helmut Schmidt in seinem Büro in der Hamburger Zeit-Redaktion.
Frau Gillen, was wird Ihnen von diesem Interview am stärksten in Erinnerung bleiben?
Gabriele Gillen: Seine Disziplin. Als ich in Helmut Schmidts Büro kam, hatte ich den Eindruck, es geht ihm überhaupt nicht gut. Er stöhnte manchmal und atmete schwer. Aber kaum hatten wir die Mikrofone aufgebaut und das eigentliche Gespräch begann, war das wie weggeblasen. Diese Disziplin, seine Konzentration und Klarheit, die er dann hatte, das hat mich schon sehr beeindruckt.
Und sicherlich werden mir auch seine langen Pausen in Erinnerung bleiben. Das war zum Teil richtig witzig. Denn wenn er eine lange Pause machte, wusste ich manchmal nicht: Macht er jetzt die lange Pause, weil er mich nicht gehört hat – er hört ja nicht mehr sehr gut –, oder macht er die Pause, weil er so lange nachdenkt oder macht er sie, weil er die ganze Frage blöd findet. Es konnte also sein, dass ich in eine Pause hinein eine Frage stellte und er sagte: Ich denke noch nach. Oder aber man wartet und wartet und dann sagt er: Haben Sie keine weiteren Fragen? Es dauerte schon einige Zeit, bis ich mich da eingeschwungen hatte und abschätzen konnte, warum er jetzt die lange Pause macht.

- Strenger Interviewpartner
Waren Sie aufgeregt?
Gillen: Ich war so nervös wie noch nie. Ich hab’ mich immer gefragt: Bin ich genug vorbereitet, weiß ich genug? Ich hatte vorher von anderen Journalisten gelesen, dass Helmut Schmidt keine falsche Höflichkeit vortäuscht und durchaus schon mal sagt: 'Machen Sie erst mal ihre Hausaufgaben, bevor ich Ihnen antworte.' Und ich war auch unsicher, welche Fragen stelle ich überhaupt in dieser Zeit, in diesem Gespräch? Einem Menschen mit so einem langen reichen Leben würde ich am liebsten tagelang Fragen stellen. Und dadurch, dass er so langsam redet und so nachdenklich, kriegt man auch in zwei Stunden nur einen sehr kleinen Teil der Fragen unter.
Er hat Sie aber nicht gemaßregelt?
Gillen: Nein, ich bin nicht gemaßregelt worden, er hat auch keine Frage zurückgewiesen. Er war streng und genau, aber auch sehr freundlich und zugewandt.
Vor ziemlich genau einem Jahr ist seine Frau Loki gestorben. Wie geht es ihm heute?
Gillen: Ich hatte das Gefühl, dass er sehr sehr traurig ist.
War dieser Verlust auch ein Thema in Ihrem Gespräch?
Gillen: Ja, ich habe ihn danach gefragt. Er hat darauf mit hanseatischer Untertreibung geantwortet. Er ist ja kein Mensch, der nach außen Gefühle zeigt oder fremde Menschen an seinen Gefühlen teilnehmen lässt. Doch durch die Art seiner Antwort und auch durch seine ganze Ausstrahlung konnte man einfach merken, dass er sehr traurig ist. Und dann war am Tag vorher noch Hans Apel gestorben, der ja zu seinen ganz engen Freunden gehörte. Ich hatte schon die Befürchtung, dass er den Termin deshalb absagt. Aber es ist für Helmut Schmidt wohl etwas, was ihn rettet, was ihn beschützt: Weitermachen, Termine machen. Arbeiten. Das hält ihn aufrecht und gibt ihm noch einen Lebenssinn, nehme ich an.
Gab es Themen, die ihm besonders am Herzen lagen?
Gillen: Was ihn im Moment sehr beschäftigt, ist Europa. Er ist ja ein glühender Verfechter der Griechenland-Rettung. Ein anderes Thema ist die Frage, ob man sich in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten oder gar in Kriege einmischen sollte. Er ist der Auffassung, dass die Regierungen da sehr viel zurückhaltender sein sollten. Helmut Schmidt erzählt auch gerne von der Reformschule, die er in den 30er Jahren besuchte, und davon, wie die Kinder dort zum Denken und zur Neugier auf Bildung erzogen wurden. Darauf kommt er immer wieder zu sprechen.

- "Er hat eine ganz große Ruhe"
Als Kanzler war Schmidt eher geachtet als geliebt. Heute ist er populär wie kaum ein anderer Politiker. Wie geht er damit um?
Gillen: Er hat eine ganz große Ruhe, dazu gehört auch, dass er mit dieser Popularität völlig gelassen umgeht. Ich bin sicher, dass sie ihn auch trägt, dass ihm das gut tut. Aber nicht in dem Sinne, dass er meint, jetzt bestimmte Dinge sagen zu müssen, um populär zu bleiben. Er ist so was von authentisch und bei sich selber. Er ist absolut untaktisch, das beeindruckt mich schon sehr.
Waren Sie auch damals von ihm beeindruckt, als er Kanzler war?
Gillen: Als Helmut Schmidt Kanzler war, war er für mich ein politischer Gegner. Ich habe gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstriert und gegen Atomkraft. Helmut Schmidt war für mich ein rechter Sozialdemokrat, ein Realpolitiker, der viel zu wenig Leidenschaft für die Idee von einer gerechteren oder lebendigeren oder demokratischeren Gesellschaft hat.
Hat sich dieses Bild geändert?
Gillen: Es ist immer noch so, dass ich mit vielen seiner politischen Positionen nicht übereinstimme. Aber es gibt natürlich bestimmte Entscheidungen, zum Beispiel der von Schmidt eingefädelte und später von Kohl umgesetzte Nato-Doppelbeschluss, wo man mit zeitlichem Abstand sagen kann: Möglicherweise hat diese Strategie tatsächlich dazu beigetragen, dass am Ende Abrüstungsverhandlungen stattgefunden haben. Im Nachhinein schätze ich manche Dinge differenzierter ein. Und nach dem Gespräch weiß ich, dass ihm eine gerechte und demokratische Gesellschaft sogar sehr am Herzen liegt. Vor allem aber bewundere und achte ich ihn dafür, dass er sich nie verbiegt, dass er Haltungen hat. Und er erwartet auch von seinem Gegenüber eine Haltung, er hört anderen Positionen zu und liebt Streitgespräche auf Augenhöhe. Und er bezieht gute Argumente in seine Überlegungen ein.
Das Gespräch führte Silke Wortel.








