Schätze aus der Tiefe
Sendung vom 12.10.2012, 15:05 bis 16:00 Uhr
Die fieberhafte Suche nach dem Schatz
Archäologie in NRW
Sie hoffen auf den ganz großen Fund. Dabei schießen manche Hobbyarchäologen über das Ziel hinaus. Ihnen geht es nicht um die Sache, sondern das große Geld, wie ein Experte erklärt.

- Münzen sind beliebte Fundstücke der Schatzsucher
Wie lebten die Menschen vor Hunderten von Jahren? Wo genau lebten sie? Und wie? Archäologen analysieren Fundstücke aus dem Boden und rekonstruieren unsere Vergangenheit. Zu sehen sind die Ergebnisse beispielsweise im Römermuseum in Haltern und im Archäologischen Park Xanten. Doch es gibt auch Menschen, die vor allem den Nervenkitzel einer Schatzsuche wollen - damit wichtige archäologische Artefakte zerstören. Wieso das ein Problem ist, erklärt Prof. Michael Rind, Chefarchäologe beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

- Michael Rind
WDR 5: Herr Prof. Rind, es graben nicht nur Archäologen, sondern auch so genannte Raubgräber. Wie gehen die vor?
Prof. Michael Rind: Die Motivation für die so genannten Raubgräber liegt eindeutig in dem Finden von Unbekanntem, in der Schatzsuche im klassischen Sinne. In der Regel sind diese Leute mit Metalldetektoren, mit Sonden, unterwegs und versuchen, einzelne Fundstücke zu orten. Sie wollen sie aber nicht nur orten, sondern den Schatz auch bergen.
Dieses Thema der Schatzsuche scheint ein Thema zu sein, das irgendwie in den Genen der Menschen steckt und auf viele Menschen eine große Faszination ausübt. Und es ist in der Tat so, dass die wissenschaftlichen Schäden, die durch solche Raubgräber entstehen, enorm sind.
WDR 5: Sind also Menschen, die mit solchen Sonden unterwegs sind, grob gesagt böse?
Michael Rind: Nein, da muss man differenzieren. Es gibt durchaus Menschen, die teilweise auch mit uns zusammenarbeiten, und viele ehrenamtliche Mitarbeiter. Und es gibt solche, die das illegal machen.
WDR 5: Und worin bestehen die Schäden?
Michael Rind: Sie müssen sich das ungefähr so vorstellen wie bei einem Kriminalfall. Wenn die kriminaltechnische Untersuchung versucht, Informationen zu bekommen, die Leiche aber nicht mehr am Fundort ist, dann wird es schwierig. Für die Archäologie heißt das: Das Fundstück wird aus seinem Kontext gerissen. Denn für uns ist nicht nur interessant, wo sich eine keltische Münze, ein römischer Helm oder ein mittelalterliches Schwert befinden. Wichtig ist auch die Frage: Warum liegt es an dieser Stelle? Der archäologische Fundkontext ist unheimlich wichtig. Die wissenschaftlichen Informationen gehen in dem Moment verloren, wenn das Fundstück aus dem Boden kommt. Das, was Sie im Antiquitätenhandel kaufen können, ist auf den Wert des Fundes reduziert. Wir aber suchen nach dem wissenschaftlichen Drumherum, nach Spuren im Boden, die wir analysieren und interpretieren.

- Spektakulärer Fund: Die Himmelsscheibe von Nebra
WDR 5: Was passiert, wenn diese wissenschaftliche Aufarbeitung ausbleibt?
Michael Rind: Eines der prominentesten Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit ist die Himmelsscheibe von Nebra. Die ist raubgegraben worden mit einem Detektor. Und das heißt, alle anderen Fundstücke am Fundort hat man gar nicht wissenschaftlich untersuchen können. Das Fundensemble muss man so nach den Angaben der Raubgräber glauben. Aber eine Scherbe, eine Münze alleine sagt in der Regel nur bedingt etwas aus, wir müssen ein ganzes Ensemble fassen.
WDR 5: Was genau machen Sie denn am Fundort?
Michael Rind: Wir versuchen, am Tatort selber durch Freilegen und Präparation des Fundes zu prüfen: Wie ist der Befund im Boden? Ist es eine Grube? War die Grube ausgestattet? Da nehmen wir Bodenproben, die wir analysieren und wir setzen Datierungsmethoden ein. Das hilft, um an alle Informationen zu kommen. Und natürlich wird der Fund in Ruhe vermessen, gezeichnet, fotografiert. Damit man am Ende das Stück in seinen Kontext einbetten kann.
WDR 5: Können Sie dafür noch ein Beispiel nennen?
Michael Rind: Die Entdeckung des Römerlagers in Olfen ist ein gutes Beispiel. Zunächst gab es erste Funde - vor allem Scherben - von ehrenamtlichen Mitarbeitern. Das waren Hobbyarchäologen. Anschließend haben wir als Spezialisten angefangen, den Fundort genauer zu lokalisieren. Innerhalb kürzester Zeit haben wir mit Hilfe ehrenamtlicher Sondengänger Metallfunde aufgespürt, die uns die genaue Begrenzung des Areals anzeigten. Wir konnten dann den genauen Verlauf der Gräben um das Lager eindeutig identifizieren - mit Aufnahmen aus der Luft und den Magnetmessungen am Boden. Schließlich wussten wir, wie groß und in etwa wie alt das Lager ist.
Respekt für die Hobbyarchäologen [WDR.de]
Platz für 1.000 Legionäre [WDR Mediathek]
Das letzte Lager [Aktuelle Stunde]
WDR 5: Für wie problematisch halten Sie die Szene der Raubgräber?
Michael Rind: Die Szene ist problematisch, der materielle Schaden am Fundstück selbst ist meistens gering. Es gibt natürlich Leute, die gezielt graben und ihre Funde dann auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Dazu gehören auch ganze Organisationen, die das professionell betreiben.

- Mit einer Suchgenehmigung wird das Hobby legal
WDR 5: Wie kann man denn legal suchen?
Michael Rind: Zunächst müssen Sie eine Suchgenehmigung bei den unteren Denkmalbehörden beantragen, dann bekommen Sie ein Areal zugewiesen, auf dem Sie suchen dürfen. Und die "guten" Sondengänger legen uns dann ihre Funde vor. Die liefern ja wichtige Informationen. Generell ist zum Beispiel die Suche in Waldgebieten mit Detektoren verboten. Die schwarzen Schafe gehen aber alle Risiken ein, die holen sich keine Genehmigung, arbeiten nachts mit Nachtsichtgeräten und allen Schikanen.
WDR 5: Man muss sich also vorher genau informieren. Aber was geschieht, wenn ich illegal grabe und erwischt werde? Wie juristisch relevant ist das?
Michael Rind: Das ist juristisch eine schwierige Situation. Selbst wenn wir nachweisen können, dass jemand illegal gegraben hat, gehören ihm 50 Prozent des Fundes. Daher sind wir der Meinung, dass wir eine Änderung im Denkmalschutzgesetz brauchen. Es gab den Fall hier in NRW, in dem ein Schatzsucher Goldmünzen gefunden hat. Dann haben wir dort Nachgrabungen gemacht und weitere Stücke gefunden - und wir haben keinen juristischen Anspruch auf diese Funde! Die gehören zur Hälfte dem Finder, der den ersten Fund gemacht hat, und zur anderen Hälfte dem Grundstückseigentümer. Wir arbeiten also mit öffentlichen Geldern und finanzieren die Ausgrabungen, und hinterher müssen wir die Funde abkaufen, um sie ausstellen zu können. Das ist eine absurde Situation.
Strafrechtlich werden Raubgrabungen eher als Kavaliersdelikt eingestuft und die Täter kommen mit recht geringen Geldstrafen davon. Bei größeren Funden ist die Geldstrafe oft nur ein Bruchteil dessen, was die Täter an Geld erhalten, damit ihre Funde etwa in einem Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Das Interview führte Annika Franck
Stand: 12.10.2012
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