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"Es hätte auch eine deutsche Frauenbewegung gegeben ohne Frau Schwarzer"
Alice Schwarzer, die Frontfrau des Feminismus, wird 70
Moderation: Claudia Dichter
Alice Schwarzer polarisiert wie keine andere. Seit Jahrzehnten steht sie in der ersten Reihe, wenn es um den Kampf für Frauenrechte geht. Doch in den letzten 20 Jahren habe sich dabei nichts mehr bewegt - und das sei Schwarzers Verdienst, befindet die Berliner Publizistin und ehemalige taz-Chefredakteurin Bascha Mika. Zum 70. Geburtstag von Alice Schwarzer – ein Interview mit Bascha Mika über die Frontfrau des Feminismus.
Angefangen hat Alice Schwarzer in der französischen Frauenbewegung, 1975 gelang ihr in Deutschland mit dem Buch "Der kleine Unterschied" der große Durchbruch. "EMMA" - ihr in Köln gegründetes Magazin für Frauen, ging 1977 das erste Mal über den Ladentisch. Sie organisierte den Kampf gegen die Unterdrückung und Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt, thematisierte Abtreibung, Pornografie, Sexismus. Ihre Bedeutung für die Emanzipation im Kulturkampf der Geschlechter ist unbestritten. Heftig kritisiert wurde sie allerdings für ihre Zusammenarbeit mit der BILD-Zeitung , als sie u. a. über den Kachelmann- Prozess berichtete. Junge Frauen tun sich schwer mit der Frontfrau des deutschen Feminismus, der seit längerer Zeit wenig Entwicklung zeigt.
WDR5: Frau Mika, Sie sind Autorin des Buches "Alice Schwarzer. Eine kritische Biografie." Diese kritische Biografie, die Sie 1998 geschrieben haben, ist damals sehr kontrovers diskutiert worden. Wenn Sie heute auf Alice Schwarzer blicken - wo sehen Sie ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen?
Bascha Mika: Ich muss feststellen, dass sich, seit ich diese Biografie geschrieben habe, bei Frau Schwarzer kaum etwas geändert hat. Nur sind bestimmte Eigenschaften von ihr sehr viel deutlicher an die Oberfläche gekommen - so, dass es auch das breite Publikum teilweise mitbekommt, was sie eigentlich für eine Frau ist und wie sie tickt.
WDR5: Nämlich?
Bascha Mika: Zum Beispiel, wenn man sich den Kachelmann-Prozess anguckt. Da hat Frau Schwarzer sich ja einfach zur Nebenklägerin aufgespielt, hat so getan, als müsste sie das mutmaßliche Opfer verteidigen und hat eine richtige Propaganda gemacht. Das hat mit Journalismus gar nichts zu tun. Da wurde, glaube ich, ganz deutlich, dass sie nicht nur eintritt für die Rechte der Frauen, was ja durchaus honorig ist, wenn es auch immer auf eine gewisse "Schwarzer-Art" passiert. Sondern, dass sie das tatsächlich macht, um sich selbst in der Öffentlichkeit zu positionieren. Und das ist schon seit vielen Jahrzehnten eigentlich ihr hauptsächliches Anliegen, das immer schön verbrämt wird mit dem, wofür es wirklich lohnt zu streiten, nämlich die Rechte der Frauen.
WDR5: Als Alice Schwarzer damals aus Frankreich frauenbewegt zurück nach Deutschland kam, da hat sie ja schon viel angestoßen. Die Zeitschrift "EMMA" gibt es ja immer noch. Was ist passiert in diesen vier, fast fünf Jahrzehnten?
Bascha Mika: Selbstverständlich hat sie einiges angestoßen, als es losging mit der Frauenbewegung Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Aber sie war mitnichten eine der ersten oder der wichtigsten Frauen, als der Anstoß kam. Das war zum Beispiel Helke Sander in Berlin, die die ersten Kitas gegründet hat - lange bevor Frau Schwarzer aus Frankreich zurückkam. Und ich bin überzeugt davon: Es hätte auch eine deutsche Frauenbewegung gegeben ohne Frau Schwarzer. Die hätte vor Deutschlands Toren einfach nicht Halt gemacht. Und ich glaube sogar, wir stünden heute, was diese Debatte angeht, an vielen Punkten sehr viel besser da. Denn anfangs hat sich natürlich wahnsinnig viel bewegt. In den ersten 20 Jahren der Frauenbewegung haben die Frauen wirklich sehr viele Rechte erstritten. Man muss sich das einmal vorstellen: Erst seit den 70er Jahren dürfen wir Frauen ohne Einwilligung unseres Mannes ein Konto führen oder überhaupt einen Job aufnehmen. Und erst seit den 90er Jahren dürfen wir in der Ehe nicht mehr straffrei vergewaltigt werden. Da sieht man, was in dieser Zeit passiert ist und wie mittelalterlich wir hier im Land noch über lange Zeit verfasst waren. Aber man muss leider sagen: Es gibt noch unendlich viel zu tun. In den letzten 20 Jahren hat sich praktisch gar nichts mehr bewegt. Und das ist auch mit ein negatives Verdienst von Alice Schwarzer.
WDR5: Weil?
Bascha Mika: Weil sie die Debatte auf eine Art und Weise dominiert hat, übrigens auch mit kräftiger Hilfe der Medien, die, wenn sie den Begriff Frauenbewegung / Feminismus hören, immer nur auf Frau Schwarzer starren. Aber Alice Schwarzer hat seit den 70er Jahren eigentlich nichts Neues zu sagen. Sie klebt an ihren hauptsächlichen Themen: Pornografie, Vergewaltigung und zum Beispiel die Kopftuch-Debatte. Aber Frauen haben doch noch ganz andere Probleme, als nur sexistische Fragen. Zum Beispiel: 22 Prozent Lohnungleichheit, nur drei Prozent Frauen in Aufsichtsräten, Zehntausende fehlende Kita-Plätze - nicht nur für die Frauen, sondern natürlich auch für die Männer, die ja schließlich Väter sind.
WDR5: Alice Schwarzer hat im WDR einmal gesagt, dass es doch auch für Männer eine schöne Sache sein könnte, wenn sie eine starke Frau an ihrer Seite hätten, wo sie sich auch einmal anlehnen könnten. Kennen Sie auch die weiche, die versöhnliche Seite von Alice Schwarzer?
Bascha Mika: Also: Alice Schwarzer alle Register ziehen. Darüber muss man sich einfach im Klaren sein. Und das hat sie ja auch seit den 70er Jahren als Medienprofi lange genug geübt. Dabei bezweifle ich gar nicht, dass sie das meint, was sie sagt. Es wäre ja auch ein bisschen merkwürdig, wenn sie behaupten würde, es gäbe nicht auch Männer, die zwischendurch mal anlehnungsbedürftig sind.
WDR5: Was wünschen Sie ihr zum Geburtstag?
Bascha Mika: Es gibt doch dieses hübsch-hässliche Lied "70 Jahre und kein bisschen weise". Aber vielleicht wäre es doch einmal an der Zeit, ein bisschen weiser zu werden?
Redaktion:
Annette Morczinek
Das Interview mit Bascha Mika zum Nachhören







