Kinder- und Jugendliteratur

- Schwerpunkt auf der Buchmesse 2012: Kinder- und Jugendliteratur
"Im Kinderzimmer stirbt das Buch nicht aus"
Kinder und Jugendliche sind heute umgeben von einer Medienflut. Sie wachsen auf mit Internet, Handys, bewegen sich ganz selbstverständlich in sozialen Netzwerken. E-Books finden immer größeren Zulauf. Welche Rolle spielt im digitalen Zeitalter eigentlich noch das klassische Buch? "Wenn das Buch nicht ausstirbt, dann im Kinderzimmer", ist die Kölner Kinder- und Jugendbuchautorin Ute Wegmann überzeugt.
Auf der Frankfurter Buchmesse, die noch bis Sonntag (14.10.2012) läuft, wird der Kinder- und Jugendbuchmarkt der Zukunft diskutiert. Ein Interview mit Ute Wegmann über die Bedeutung von Literatur für kleine Leser und warum diese oftmals genauso reizvoll für Erwachsene ist.
WDR 5: Sie sind Journalistin, Filmemacherin und Autorin, haben mittlerweile fünf Romane – drei für Kinder und zwei für Jugendliche – veröffentlicht. Wie sind Sie dazu gekommen, Kinder- und Jugendbücher zu schreiben?

- Ute Wegmann
Ute Wegmann: Letztendlich kam das durchs Filmemachen. Mit Kinderliteratur beschäftige ich mich schon seit 20 Jahren durch die Sendung "Die Besten 7", die ich im Deutschlandfunk präsentiere, wir stellen dort eine Bestenliste für Kinder- und Jugendliteratur vor. Irgendwann lag ein Bilderbuch auf meinem Tisch, das mich sehr fasziniert hat. Ich habe die gezeichneten Bilder gesehen und parallel direkt den Film. Deshalb habe ich daraus ein Drehbuch gemacht. Das Kurzfilm-Projekt wurde gefördert, ich wurde Produzentin und Regisseurin. Die Arbeit und das Miteinander im Team haben mich derart begeistert, und mich so erfüllt, dass ich mir vornahm, noch ein Drehbuch zu schreiben, ein längeres. Dieses 50-seitige Drehbuch zeigte ich damals einer sehr guten Bekannten, einer Verlegerin, die sagte sofort: "Aus der Geschichte musst du einen Roman machen." Einen Roman, ich? Ich hätte mich das nie getraut, wenn sie mich nicht bestärkt und gefördert hätte. Klingt wie ein Märchen, aber das gibt es tatsächlich noch.
So ist aus meinem zweiten Drehbuch der Stoff für meinen ersten Roman "Sandalenwetter" entstanden, der sich mittlerweile 25.000-mal verkauft hat. Für mich war das wie eine Initialzündung. Mit dem Schreiben hat sich eine neue Welt aufgetan, die eine ungeheure Bereicherung für mein Leben ist.
WDR 5: Das ist jetzt etwa zehn Jahre her. Sie sind damals – mit Anfang 40 – relativ spät zum Schreiben gekommen. Welche Rolle spielt es für Ihre Geschichten, dass Sie selbst Mutter sind?
Ute Wegmann: Das spielte natürlich eine große Rolle. Ich fühlte mich dadurch näher an Kinder- und Jugendthemen. Heute ist mein Sohn schon 23 Jahre alt, also ganz so nah bin ich jetzt nicht mehr dran. (lacht) Er war meine Inspirationsquelle für "Sandalenwetter", in dem es um das erste Verliebt-Sein eines Jungen geht. Die Geschichte habe ich natürlich fiktionalisiert, aber mein Sohn hat mich auf die Idee gebracht. Ich habe einfach eine große Liebe für Kinder und wirkliches Interesse an jungen Menschen. Ich sehe sie und höre ihnen aufmerksam zu, ich bin neugierig auf das, was sie denken.
"Überleben" in einer schrägen Erwachsenenwelt
WDR 5: Ihre Geschichten sind sehr real – im Gegensatz zum Fantasy- oder Krimi-Genre. Sie handeln vom Wert der Freundschaft und von sozialer Interaktion. Was reizt Sie an diesen Themen?
Ute Wegmann: Ich wünsche mir eigentlich eine heile Welt, so ein Bullerbü, aber das gibt es natürlich nicht, auch nicht in meinen Büchern. Mich interessiert, wie Kinder die Welt erleben, mich interessieren Freundschaftsgeschichten und auch Geschichten, in denen es ums Verlassenwerden geht oder ums Einsamsein, um das "Überleben" in einer schrägen Erwachsenenwelt. Ich möchte erzählen, wie das ist, wenn der Alltag auseinander fällt. Mich faszinieren vor allem die, die anders sind und anders handeln, und die Schwachen, die Stress haben.
WDR 5: Wie in Ihrem neuen Buch "Die besten Freunde der Welt".
Ute Wegmann: Genau. Es geht um zwei Jungen. Der eine steht mehr im Leben als der andere. Der andere ist ein überbehütetes Kind ist, weil er als Baby sehr krank war. Er wünscht sich einfach nur normal zu sein, alles so zu machen wie die anderen. Dieses "Normal sein wollen" ist ein wahnsinnig großes Thema für Kinder. Die Geschichte erzählt davon, wie der Junge durch seinen Freund an Selbstbewusstsein gewinnt, und zwar über den Sport, den sie gemeinsam machen.

- Kann das klassische Buch bei der Konkurrenz noch mithalten?
WDR 5: Kinder und Jugendliche sind heute mit Fernsehen, Videospielen, Internet, Handys von einer Medienflut umgeben. E-Books spielen eine immer größere Rolle. Kann das klassische Buch da überhaupt noch mithalten?
Ute Wegmann: Wenn das Buch nicht ausstirbt, dann im Kinderzimmer. Ich kann verstehen, dass E-Books immer mehr Zulauf finden. Sie sind praktisch, wenn man auf Reisen geht, man hat mehr Platz im Koffer. Aber die Leute, die ihre Kinder mit Literatur erziehen, werden immer Bücher kaufen. Da geht es um das Haptische, das Umblättern, das Papier riechen. Ich bin fest davon überzeugt, dass es das immer geben wird. Vielleicht wird es - wenn überhaupt - im Jugendbuchbereich einen Einbruch geben, aber auch das ist hypothetisch.
Ich glaube daran, dass das Buch weiterlebt. Und ich glaube an das, was ich sehe: Junge Leute lesen – ja sie lesen heute. Es hat sich gar nicht so viel geändert im Gegensatz zu früher: Leser und Nicht-Leser hat es immer gegeben. Diejenigen, die heute ständig vorm Computer und vor Facebook hocken, die waren ganz früher vielleicht draußen unterwegs und bevor es Internet gab, saßen sie vor dem Fernseher. Was sich geändert hat: Die Leser von heute haben wahnsinniges Glück, weil es so ein tolles Angebot und so eine Vielfalt auf dem Markt gibt.
WDR 5: Welche Bedeutung hat Literatur für Kinder?
Ute Wegmann: Es gibt meiner Meinung nach drei Arten von Lesern. Die Ersten möchten in fremde Welten fliehen, weg aus der Wirklichkeit. Die Zweiten möchten etwas lesen, mit dem sie sich identifizieren können, wo sie womöglich etwas für ihr Leben lernen. Die Dritten möchten beides. Alle lieben Geschichten, jeder liebt auf seine Art das, was ein gutes Buch bieten kann. Es kann eine Insel der Ruhe sein, wenn es draußen zu laut ist, eine Insel der Spannung, wenn es zu langweilig ist, eine Insel der Zuflucht, wenn die Wirklichkeit anstrengt, eine Insel des Spaßes, wenn das Leben zu ernst ist und eine Insel des Unbekannten, Fremden, Neuen, wenn man etwas lernen möchte. Was für eine Vielfalt!
Und dass Lesen die Konzentration schult und die Rechtschreibung, den Wortschatz und die Ausdrucksmöglichkeiten erweitert, das wissen wir aus all den Untersuchungen. Im besten Fall berührt eine Geschichte und man kann lachen oder weinen, staunen oder grübeln und mit den Figuren noch eine Zeit lang weiterleben. Literatur ist das Vitamin D für Herz und Hirn, aber manchmal auch nur ein herrlich erfrischendes Schokoladeneis.
WDR 5: Wann sind Kinder- und Jugendbücher auch etwas für Erwachsene?
Ute Wegmann: Ich finde, dass jedes gute Kinder- und Jugendbuch auch ein gutes Buch für erwachsene Menschen ist, weil es berührt oder den Leser an bestimmte Gefühle erinnert. Darin steckt ein großes Potential. Es gibt so viele Jugendbücher von so großer Qualität – ich denke da an Autoren wie Joyce Carol Oates, Paula Fox, Jutta Richter, Jürg Schubiger oder aktuell John Green. Die Bücher würde ich auch Erwachsenen schenken.
"Nie die gleiche Anerkennung wie für die 'hohe Literatur'"
WDR 5: J. K. Rowling, die erfolgreichste Schriftstellerin der Gegenwart, hat kürzlich ihren ersten Roman für Erwachsene veröffentlicht. Sie sagte, sie hätte dieses Buch einfach schreiben müssen. Was denken Sie, warum Rowling das Genre gewechselt hat?

- J. K. Rowling: Das Genre gewechselt
Ute Wegmann: Ohne dass ich das neue Buch von J. K. Rowling gelesen habe, muss ich dazu sagen: Sie hat für ihre Harry Potter-Bücher so viel Anerkennung bekommen und wahnsinnig viel Geld verdient, aber es ist wohl trotzdem nicht die gleiche Anerkennung wie für die "hohe Literatur", die Belletristik oder ein Sachbuch. Was ich über das Buch gelesen habe, soll es ja mitunter sehr vulgär sein, also weit entfernt vom Kinderbuch. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich damit abgrenzen will und bei den Lesern Anerkennung sucht, die Potter nicht gelesen haben.
WDR 5: Sind Sie denn zufrieden mit der Anerkennung, die Sie bekommen?
Ute Wegmann: Ich muss schon zugeben, dass es manchmal mühsam ist. Wenn ich erzähle, dass ich schreibe, und meine Bücher verlegt werden, ist die erste Reaktion: "Wow!". Dann kommen die Fragen: "Welcher Verlag? Welche Themen?". Und wenn ich dann sage, "Kinder- und Jugendbücher", ist die Reaktion eher ernüchternd. Das passiert immer wieder. Dabei ist es so absurd, wenn man bedenkt, wie schwierig es ist, ein gutes Kinderbuch zu schreiben. Man muss so genau aufpassen, was man wie erzählt. Ich sollte lieber sagen: Ich schreibe Romane und meine Protagonisten sind Kinder. Aber das ist noch lange nicht das Gleiche. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht unzufrieden, ganz im Gegenteil. Ich kann diese antiquierten Vorstellungen vom Kinderbuch von mir abspalten.
Das Interview führte Kathrin Schamoni
Serie: Erfolgsautoren aus NRW [Westblick]
Serie: Die Lese-Industrie [Morgenecho]
Die neue Welt der Kinder- und Jugendmedien [buchmesse.ARD.de]
Stand: 11.10.2012
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