Interview Ursula Krechel

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Auf der Buchmesse vergeben: Deutscher Buchpreis 2012

Die Schuld des Überlebens fühlen

Ursula Krechel, Trägerin des Deutschen Buchpreises, im Interview

Der Deutsche Buchpreis ging in diesem Jahr an Ursula Krechel für ihren Roman "Landgericht". Hauptfigur des Buches ist Richard Kornitzer, der nach dem Zweiten Weltkrieg in sein altes Umfeld zurückkehrt. In den 1930er Jahren war er emigriert. Jetzt ist nichts mehr wie zuvor. Er stellt fest: Dieses Land hat nicht auf mich gewartet. Im Interview mit WDR 5 Scala spricht Ursula Krechel über ihren preisgekrönten Roman und seine geschichtliche Voraussetzungen.


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Das Interview mit Ursula Krechel zum Nachhören [Scala]


WDR 5: Das Buch beruht auf Recherchen über eine Person, die wirklich in der Situation des Heimkehrenden war, wie im Buch Richard Kornitzer. Sie sind also in viele Details dieser Zeit eingestiegen, oder?


Ursuala Krechel; Rechte: dpa
Ursula Krechel

Ursula Krechel: Es schien mir unangemessen, über ein solches Thema zu fabulieren oder zu spekulieren. Ich erinnerte mich durch meine Arbeit über China-Emigranten in Shanghai daran, dass es notwendig war, von Realien auszugehen. Zum Fabuleien gibt es ganz andere Stoffe. In diesem Fall waren mir die Authentizität, die Genauigkeit sehr wichtig. Das Empfinden von Fremdheit und Ausgesetztheit, das dieser Mann erlebt, muss ich natürlich ausmalen und ihm eine Stimme geben.


WDR 5: Man liest das ganze Buch wie mit zusammengezogenem Körper aufgrund der Stimmungen, die transportiert werden. Die Stimmung, als Kornitzer zurückkehrt nach Deutschalnd, wie auch die Stimmung zwischen ihm und seiner in Deutschland gebliebenen Frau Claire, wirkt gedeckelt. Man fragt sich, wann kommt die große Explosion, die große Emotion.


Ursula Krechel: Das wollte ich in dieser Weise haben. Es ist quasi eine Implosion des Helden. Was die Gerichte betrifft, seine Wiedergutmachungsklagen, läuft er öffentlich gegen Wände. Er schlägt sich die Stirn blutig. Aber was mit der Psyche passiert, ist eigentlich eine Art Verkapselung, Verinnerlichung, so dass er in einer Stille und Abgeschottetheit endet. Ich glaube, das ist nicht untypisch für das, was man heute "Überlebenden-Syndrom" nennt, also die Schuld des Überlendenen, die jemand Einzelnes fühlt. Dieses Trauma, diese Krankheit ist ja überhaupt erst Anfang der 1960er Jahre entdeckt worden. Die Leute waren äußerlich nach der Remigration einigermaßen integriert. Aber was in ihrem Innerren vorging, das konnte man sich gar nicht vorstellen.


Melodie des Sprechens gleicht das Bedrückende aus


WDR 5:  Ist das Schicksal von Richard Kornitzer Ihrer Erfahrung nach beispielhaft? Steht er für viele?


Ursula Krechel: Nur fünf Prozent aller Emigranten sind zurückgekehrt - aus ganz verschiedenen Gründen. Erstens weil ihre Verwandten in Auschwitz oder Theresienstadt geblieben sind. Zweitens weil sie vielleicht glücklicherweise integriert waren in einem neuen Land. Und drittens weil sie Ansgt hatten vor den kalten Blicken ihrer früheren Nachbarn; der Leute, die sie abtransportiert hatten, der Leute, die ihren Pass gestemplet haben. Insofern ist es schwer zu sagen, es sei ein übliches Schicksal. Der Fall ist vielleicht exemplarisch in seiner Drastik und in seiner Dramatik. Als ich ihn fand, sah ich mich nicht mehr in der Lage zu schauen, ob es ähnliche Fälle gibt, weil er mich selber zu sehr angerührt hat. Ich wollte genau über ihn schreiben.


WDR 5: Viele Figuren auch aus dem Umfeld Kornitzers kehren wie er zurück. Sie fühlen sich nicht wie eine "Schicksalsgemeinschaft", um den Ausdruck des Nationalsozialismus zu benutzen. Aber das Volk fühlt sich offenbar so. Es will diese Fremden nicht haben.


Ursula Krechel: Das ist so. Die Kinder der Hauptfigur, die in England überlebt haben, spüren es ja auch. Man vergisst in Deutschalnd allzu leicht, dass London 20.000 Opfer zu beklagen hat, die von deutschen Bombengeschwadern getötet worden sind. Das heißt, die Kinder haben mit ihren Pflegeltern den Druck vor den Deutschen gehabt. Für sie war es ganz schwierig, wieder in Feindesland zurückzukommen. Auch Eltern, die zehn Jahre für ihre Kinder nicht verantwortlich sein können, sind fremde Menschen geworden. Das Fiasko ist in diesem Fall: Alle werden gerettet, aber gleichzeitig werden sie als Gestörte gerettet.


Hände halten das Buch "Landgericht" von Ursula Krechel; Rechte: dpa
"Landgericht" von Ursula Krechel

WDR 5: Ein bedrückendes Buch...


Ursula Krechel: Ach, so bedrückend ist es nicht, finde ich. Es gibt auch milde und heitere Passagen. Apfelplantagen spielen eine Rolle, die Weichheit von Kuba, überhaupt die Landschaft. Es ist ja keine Verdüsterung. Die Melodie des Sprechens, meiner Kapitel gleicht das Bedrückende wieder aus.


WDR 5: "Landgericht" ist Ihr 23. Buch. Ihr letzter Roman hieß "Shanghai, fern von wo". Eigentlich sind Sie Lyrikerin und Rampenlicht nicht so gewohnt. Wie ist das jetzt für Sie, angesichts der Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis?


Ursula Krechel: Nun ja, ich sehe Rampenlich seit langem und mache mir Gedanken, wie dieser oder jener darauf reagiert. Insofern gehe ich das einigermaßen gelassen an.

Das Interview führte Jörg Biesler



Stand: 12.10.2012




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