Die Wiederentdeckung des Publikums

- Sendung vom 16.08.2012, 12:05 bis 13:00 Uhr
Die Wiederentdeckung des Publikums
Bürger als Störenfriede oder Partner der Kulturpolitik?
Nicht nur bei großen, umstrittenen Bauprojekten wie "Stuttgart 21" fordern Bürger mehr Mitspracherecht. Auch in der Kultur meldet sich das Publikum zu Wort. Teils auf ausdrücklichen Wunsch der Stadtverwaltung, aber auch, um gegen Sparpläne zu protestieren. Noch ist Bürgerbeteiligung über das Internet ein Experimentierfeld mit schwacher Wirkung auf die Politik.

- Alles nur Beethoven in Bonn?
In Bonn soll bis Ende 2012 ein neues Kulturkonzept beschlossen sein. Das Neue dabei: Experten und Bürger können die Verwaltung bei der Entwicklung unterstützen. Alle Interessierten hatten vier Wochen lang die Möglichkeit, im Internet Vorschläge und Kommentare zu der Vorlage aus der Verwaltung abzugeben, was die Bonner auch prompt taten:
Nutzer "georg": "Mein Kopfschütteln ist kaum in Worte und Zeichen zu fassen... 'alle Kulturinstitutionen haben zum Woche der Stadt das Thema Beethoven zu intonieren?' Als Kultursoldaten dem Wohle der Tourismusbranche dienen? Nein! Ich möchte als Kulturschaffender selber bestimmen, was und wie ich zur Vielfalt Bonns beitrage."
Nur etwa hundert Nutzer

- Beschlüsse fallen weiterhin im Rathaus
Bonn hat knapp 330.000 Einwohner, an der ersten Diskussionsphase im Netz beteiligten sich etwa hundert Personen. Das ist nicht viel, dennoch zieht Kulturdezernent Martin Schumacher eine positive Bilanz: "Wenn ich die Qualität der Kommentare sehe, das hat mich wirklich erstaunt. Wir haben die Kommentare, die übers Internet kamen, in die dritte Runde der Diskussionen miteinbezogen. Dadurch ist der Text qualitativ sehr verbessert worden."
Zwischenergebnis der Bürgerbefragung [Mediathek, 16.05.2012]
Das Kulturkonzept der Stadt Bonn
Protest-Petition gegen Duisburger Sparpläne

- Online-Hilfe für Oper
Auch Offene Briefe und Kampagnen übers Internet bieten die Chance, schnell die eigene Meinung loszuwerden. Ein Beispiel ist die Diskussion um die über 50 Jahre alte Theater-Kooperation der Städte Duisburg und Düsseldorf - die "Deutsche Oper am Rhein". Im Mai 2012 hatte der Verwaltungsvorstand der Stadt Duisburg dem Rat der Stadt empfohlen, den Vertrag zum Sommer 2014 zu kündigen und damit bis zu elf Millionen Euro pro Jahr einzusparen. Der Vorschlag ist mittlerweile vom Tisch. Auch weil die Leitung der Oper eine Online-Petition für den Erhalt der Kooperation initiierte? Auf deren Homepage zeigten sich auch zahlreiche Auswärtige solidarisch:
Jürgen Ingenhaag: "Die Ehe der Rheinoper Duisburg-Düsseldorf soll geschieden werden? Ich wünsche der Stadt Duisburg, dass ihre Oper und ihr Orchester erhalten bleiben, denn sonst würde ich auch zu einem Zeitgenossen, der um Duisburg einen Bogen macht."
Die Online-Petition zum Erhalt der "Deutschen Oper am Rhein“
Das "heimliche" Abschaffen wäre leichter gewesen

- Meyer: "Großer Rückhalt"
Innerhalb von acht Wochen unterzeichneten knapp 53.000 Unterstützer die Petition online und auf Papier. Ein Zuspruch, auf den Christoph Meyer, Generalintendant der Oper, gehofft hatte: "Wenn wir diesen großen Rückhalt in der Bevölkerung nicht gehabt hätten, dann wäre es für den ein oder anderen, der gedacht hat, er könnte das jetzt still und heimlich abschaffen, wahrscheinlich leichter gewesen."
Städte müssen Haushalte sanieren [WDR.de, 25.06.2012]
Sparpläne bedrohen Rheinoper [WestArt, 03.05.2012]
Wie aussagekräftig sind die Online-Kommentare?

- Die Meinung ist schnell getippt
Kritiker der Online-Beteiligung des Publikums bemängeln die fehlende Aussagekraft dieser Beiträge. Eine repräsentative Meinung der Bevölkerung sehe anders aus, sagt auch Norbert Sievers, Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft in Bonn: "Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung nimmt überhaupt nur an Opernveranstaltungen teil, in Deutschland ungefähr vier Prozent." Das bedeutet für ihn jedoch nicht, dass Oper deshalb nicht wichtig wäre. "Es ist aber so, dass sich bei solchen Befragungen natürlich die zu Wort melden, die Oper lieben, die das Theater lieben."
Das Publikum ist bestenfalls Berater

- Rollenspiel Mitsprache-Recht?
Entschieden wird auch weiterhin in den Stadträten und Stadtverwaltungen. Das Publikum kann bestenfalls als Berater mitwirken. Die Mitsprache über das Internet wirkt an vielen Stellen noch wie ein Rollenspiel, mit dem eine neue demokratische Beteiligung eingeübt wird. Kulturdezernent Martin Schumacher sagt nach seinen Erfahrungen in Bonn: "Es ist im Moment noch ein Experimentierraum."
WDR 5-Autorin Susanne Wankell hat bei den Recherchen für ihre Scala-Reportage viele Standpunkte zur Bürgerbeteiligung in der Kulturpolitik gehört. Ihr Fazit: "Die Mitsprache des Publikums über das Internet kann ein Marketinginstrument sein, jedoch ohne Einfluss auf Entscheidungen." Diese würden in einer repräsentativen Demokratie wie der unseren in Ausschüssen und Parlamenten fallen. "Die Beteiligung der Bürger schafft Transparenz, hat aber noch nicht die Kraft eines kulturpolitischen Instruments."




