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Die Einkommenssteuer hat ein besonderes Strickmuster: sie ist progressiv gestaltet. Progressiv heißt: Wer mehr verdient, muss einen höheren Prozentsatz seines Einkommens beim Staat abliefern, als jemand der weniger verdient. Ein Vergleich zeigt, was das konkret bedeutet: Zwei Angestellte, einer verdient 1000 Euro im Monat, der andere doppelt so viel, also 2000 Euro. Das besondere an einer progressiven Einkommenssteuer ist nun, dass für beide ein unterschiedlicher Steuersatz gilt. Wer 1000 Euro verdient muss vielleicht 10 Prozent Steuern zahlen, also 100 Euro abgeben. Wer 2000 Euro verdient muss dagegen 20 Prozent Steuern zahlen, also 400 Euro. Der Doppelverdiener zahlt also nicht nur doppelt zu viele Steuern, sondern mehr. Die Steuerlast wächst überproportional je höher das Einkommen ist. Dieser Effekt ist durchaus gewollt. Es wird als gerecht empfunden, dass die Reicheren einen höheren Prozentsatz ihres Einkommens an den Staat abtreten müssen als Ärmere.
Aber die Sache hat auch einen Haken: Wenn die Volkswirtschaft insgesamt wächst, also alle im Schnitt mehr verdienen, dann wachsen immer mehr Menschen in höhere Steuersätze hinein. Die Steuerlast steigt insgesamt stärker als die Einkommen. Beispiel: Zwischen 2005 und 2008 ist das Volkseinkommen um 11 Prozent gewachsen. Die Steuereinnahmen des Staates sind im gleichen Zeitraum aber um 19 Prozent gestiegen, also viel schneller. Diesen Effekt nennt man „kalte“ Progression.
Wenn die Wirtschaft wächst, wächst automatisch der Steueranteil des Staates. Im Einzelfall kann die „kalte“ Progression kuriose Folgen haben. Denn man muss ja bedenken, dass in der Regel nicht nur die Löhne, sondern auch die Preise steigen. Wenn nun der Lohn genauso stark wächst wie das allgemeine Preisniveau, ist man nicht wirklich reicher. Man kann sich für das zusätzliche Geld nicht mehr kaufen. Dennoch verlangt der Staat einen höheren Steueranteil, weil ja das Einkommen auf dem Papier gestiegen ist. Ergebnis: Der Steuerzahler ist ärmer als vor der Gehaltserhöhung. Um die schädlichen Wirkungen der kalten Progression einzudämmen, muss es von Zeit zu Zeit eine Steuerreform geben. Dann werden die Prozentsätze der Einkommenssteuer etwas gesenkt.
Viele Regierungen zögern das allerdings gerne hinaus, weil sie die Mehreinnahmen gut gebrauchen können. Deshalb setzen andere Länder auf eine automatische Anpassung per Gesetz. In der Schweiz, in Frankreich und Kanada gibt es solche Regelungen. Die Steuersätze werden entsprechend der Steigerung der Löhne und Preise jedes Jahr nachjustiert. Der Steueranteil des Staates bleibt damit konstant. Von der Progression werden die Menschen nicht mehr kalt erwischt.
Autor/in:
Wolfgang Otto
Stichwort Wirtschaft: "Kalte" Progression (ein Beitrag von Wolfgang Otto)







