Interview_Metin_Tolan

- Profit am Samstag, 15.09.2012, 18:05 bis 18:30 Uhr
"Macht bitte einen Master"
Arbeiten nach dem Uni-Abschluss
Der Bachelor wird in der Industrie nicht als vollwertiger Abschluss wahrgenommen, warnt Metin Tolan, Prorektor an der TU Dortmund. Und fordert Ressourcen für die Universitäten, damit sie den Großteil ihrer Studenten zum Master führen können.
Metin Tolan ist Professor für experimentelle Physik und Prorektor für das Studium an der TU Dortmund.
WDR 5: Mehr als 200.000 Schüler und Studenten haben 2009 in vielen Universitätsstädten gestreikt, auch in Dortmund. Was hat sich durch den Bildungsstreik im Bachelor- und Mastersystem verändert?

- Tolan: Prüfungslast gemindert
Metin Tolan: Wir haben uns sämtliche Prüfungsordnungen angeschaut und in so gut wie jedem Bereich die Prüfungslast gemindert. Es sind Studenten einiger Fachbereiche an uns herangetreten, die unter einer hohen Prüfungslast litten. Als wir dann nachzählten, kam heraus, dass es nur eine Prüfung mehr gab oder sogar eine weniger. Der Bildungsstreik ist auch ein kleines bisschen überzogen wurden.
Das komplette Interview
Prof. Dr. Metin Tolan im Gespräch mit Fabian Karl
WDR 5: Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) spricht beim Bachelor von einer "europäischen Erfolgsgeschichte", Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, übt harsche Kritik. Wer hat Recht?

- Kritisiert den Bachelor: Horst Hippler
Tolan: Es haben letztlich beide Recht. Hippler kritisiert den Bachelor - wir Universitäten denken Bachelor und Master immer gemeinsam. Es ist nicht verwunderlich, dass ein dreijähriges Bachelor-Studium im Vergleich zu einem fünfjährigen Diplomstudiengang nicht alles umfassen kann. Hipplers Appell meint eigentlich - und dem schließen sich die Universitäten rückhaltlos an: Schafft genügend Master-Studienplätze! Und gebt den Universitäten entsprechende Ressourcen.
Früher hatte man die Idee von Übergangsquoten. Das bedeutet, nur zehn oder zwanzig Prozent der Studenten hängen den Master an. Aber das ist Unsinn, weil sie dann dreijährige mit den fünfjährigen Studiengängen gleichsetzen – und dann schneidet der Bachelor natürlich schlechter ab.
Annette Schavan wiederum betrachtet nur den Bachelor, wenn sie sagt, er sei ein Erfolgsmodell. Natürlich, wir haben den Bachelor als Abschluss erfolgreich etabliert, es gibt ihn auch bei uns an der TU Dortmund. Wir als Universität sagen unseren Studenten aber auch: Macht bitte einen Master, das ist doch eigentlich euer Ziel. Insofern gibt es keinen so großen Widerspruch zwischen den beiden Meinungen, wie es die Medien teilweise darstellten.
WDR 5: Aber der Bachelor sollte doch Regel- und berufsqualifizierender Abschluss sein. Ist er das jetzt nicht?

- Wie lange müssen Physiker studieren?
Tolan: Den Bachelor als berufsqualifizierenden Abschluss hat sich die Politik ausgedacht, das ist richtig. Aber ich weise nochmals auf die Mathematik hin: Wir haben vorher fünf Jahre gebraucht, um jemanden zum Beispiel für den Beruf des Physikers zu qualifizieren. Die Industrie hat diese hochspezialisierten Absolventen auch gefordert. Wenn die Industrie andere Abschlüsse will, kann sie auch jemanden einstellen, der physikalische Technik an einer Fachhochschule studiert hat oder als Physiklaborant in der Lehre war. Aber wenn ein Unternehmen einen Physiker haben will, nehmen sie einen mit Diplom, der fünf Jahre ausgebildet wurde. An dieser Einstellung hat sich nichts geändert.
Dass ein Physik-Bachelor nach drei Jahren jetzt plötzlich berufsqualifizierend sein soll, kann die Politik gar nicht definieren. Das tut der Abnehmer, die Industrie. Und in der Tat ist es so – das zeigt eine Studie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft –, dass die Industrie für Uni-Bachelorabsolventen im Fach Physik keinen großen Bedarf hat.
Aber daraus schließe ich nicht, dass wir das Bachelorsystem abschaffen, sondern dass die Bachelorstudenten gleich ihren Master machen sollen. Den brauchen sie. Wir als Universität sagen, liebe Politiker, das ist die Realität, also verschafft uns die Ressourcen, damit wir die Studenten bis zum Master führen können.
WDR 5: Gilt das neben der Physik auch für andere Bereiche?
Tolan: Das gilt für Chemiker, für Ingenieure und viele andere Bereiche. Die chemische Industrie hat vor der Umstellung auf Bachelor und Master überhaupt nur Chemiker mit dem Berufsabschluss der Promotion eingestellt. Und jetzt soll der Bachelor plötzlich berufsqualifizierend sein? Daran sieht man, dass eine Menge Politik im Spiel ist und man vielleicht auch sparen wollte. In Wirklichkeit reden wir über finanzielle Ressourcen, die wir Universitäten brauchen, um unsere Leute so auszubilden, damit sie unserer Volkswirtschaft den optimalen Nutzen bringen können.
WDR 5: Hat man sich zu sehr an der Wirtschaft orientiert, als man die Reform erdacht hat?

- "Die Welt beneidet uns"
Tolan: Man hat es eben nicht getan. Ich muss ehrlich sagen, die Industrie hat das nicht verbrochen. Deutschland wollte sich im Rahmen des Bologna-Prozesses der Welt von den Abschlüssen her anpassen. Das haben wir getan. Schon damals gab es auch sehr vernünftige Menschen, die darauf hinwiesen wie einmalig unser Kanon an verschiedenen Bildungseinrichtungen in Deutschland ist: Wir haben an den Universitäten eine forschungsnahe und theoretische, an den Fachhochschulen eine praktische Ausbildung. Beide leben gut nebeneinander, weil sie ein völlig anderes Profil haben. Wir haben Forschungsinstitutionen, die für nichts anderes da sind, als zu forschen. Und wir haben die Fraunhofer-Gesellschaft, die sehr industrienah experimentiert. Dazu kommt mit Lehre und Berufsschulen ein weiterer wesentlicher Ausbildungspunkt, auch auf hohem Niveau. Die Welt beneidet uns um unser System.
WDR 5: Die Bologna-Reform sollte den internationalen Studentenaustausch und den Wechsel zwischen den Hochschulen erleichtern. Wurde das Ziel erreicht?

- Bildungsstreik gegen den Bachelor
Tolan: Auch hier muss man genau in die Zahlen schauen. Schon vor der Bologna-Reform wechselten unsere Studierenden vor der ersten großen Prüfung kaum die Universität. Erst nach dem Vordiplom, also nach vier Semestern, sind die Leute an andere Universitäten oder ins Ausland gegangen. Jetzt bemängelt man, dass während des Bachelors keiner ins Ausland gehe, weil die Zeit fehlt. Das stimmt, das kann ich niemandem empfehlen. Das Bachelor-Studium ist so getaktet, dass die Studenten in sechs Semestern den ersten Abschluss erwerben. Aber danach gehen die Leute ins Ausland oder wechseln die Hochschule – und zwar stärker als vorher. Unsere Studenten wechseln sogar das Fach: Ich habe einen Physik-Bachelorabsolventen, der einen Maschinenbau-Master in Aachen macht. Das hat es früher gar nicht gegeben.
WDR 5: Wenn Sie Ihr eigenes Studium mit dem von heute vergleichen, was hat sich verbessert?
Tolan: Ich würde liebend gern mein Studium von damals gegen das von heute eintauschen. Die Studierenden von heute stehen im Mittelpunkt, auf ihre Bedürfnisse wird eingegangen – das ist vorher noch nie passiert. Das wissen die heutigen Studenten nicht, sie gehen davon aus, ihre Ausbildung sei Standard. Wenn uns vor 20 Jahren eine Vorlesung nicht gepasst hat, wussten wir nicht, wo wir uns beschweren sollen. Wenn wir Glück hatten, wurden wir nur ausgelacht. Heute werden Vorlesungen evaluiert und über schlechte Lehrveranstaltungen geredet. Ist das Ergebnis ganz schlecht, erfährt es der Prorektor fürs Studium, der bin ich. Dann wird sich um das Problem gekümmert und die Lösungen machen sich tatsächlich bemerkbar. Hätte man mir diesen Service damals geboten, ich hätte sogar 500 Euro im Semester dafür gezahlt.
WDR 5: Und verschlechtert hat sich nichts?
Tolan: Wenig. Verschlechtert haben sich möglicherweise die Bedingungen - weil mehr Studenten da sind. Nach wie vor ist das Betreuungsverhältnis, also die Zahl der Studenten pro Professor oder wissenschaftlichem Mitarbeiter, in Deutschland schlecht. Bei uns kommen vier Mal so viele Studenten auf einen Professor wie an der Topuniversitäten der USA.
Das Interview führte Fabian Karl.
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Studie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft: Industrie mag Bachelor nicht
Stand: 15.09.2012




