Firmenübergabe in der Familie

- Profit am Samstag, 04.08.2012, 18:05 bis 18:30 Uhr
Wer übernimmt Papas Firma?
Nachfolgeprobleme in Familienbetrieben
Es gibt immer mehr ältere Menschen in Deutschland – und immer weniger Kinder. Die Folgen bekommen auch Familienunternehmen zu spüren: Ihnen könnte in wenigen Jahren der Nachwuchs ausgehen. Was tun, wenn der Sohn oder die Tochter keine Lust hat, den Betrieb zu übernehmen?

- Familie Flemming
Jochen Flemming hat Glück: Er weiß, dass seine Nachfolge gesichert ist. Seit 1968 leitet er seine kleine Hutmanufaktur in Köln-Ehrenfeld. Nun ist er 72, aber er arbeitet immer noch in dem schlauchartigen Labyrinth von Regalen und Maschinen. In seinem kleinen Vier-Mann-Betrieb wird jede Hand gebraucht. Jochen Flemming stammt aus einer alten Berliner Hutdynastie - in seinen Beruf wurde er hineingezwungen "Eigentlich wollte ich Pilot werden", sagt er.

- Ute Flemming: Lehre beim Vater
Als es in seinem eigenen Betrieb um die Nachfolge ging, sah es zunächst schlecht aus. Flemmings Tochter Ute, die zwischen Bändern und Hüten aufwuchs, beschloss Sport und Biologie zu studieren. Der Vater ließ sie, obwohl es ihm schwerfiel. Nach dem Examen kam der Sinneswandel. Ute Flemming machte eine Lehre als Hutmacherin und stieg beim Vater ein. "Sonst hätte ich verkaufen oder wirklich alles wegschmeißen müssen", sagt Jochen Flemming. Einen externen Nachfolger finden? Das sei so gut wie unmöglich, sagt er. Es gebe in ganz Deutschland nur noch drei vergleichbare Betriebe in seiner Branche.
Nachwuchsprobleme besonders beim Handwerk
Derzeit werden 22.000 Familienunternehmen an einen Nachfolger übergeben werden, schätzt das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn. Noch sei alles im grünen Bereich, sagt Geschäftsführerin Rosemarie Kay. Derzeit gebe es genug Interessenten. Das wird wohl auch bis 2020 so bleiben. Danach rechnet Kay mit "schwierigeren Verhältnissen", weil die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Erwerbsleben ausscheiden und deutlich weniger junge Menschen nachrücken. "Die werden natürlich stärker umworben", sagt Kay. Auch der zunehmende Fachkräftemangel werde die Suche nach einem Nachfolger erschweren. Im Handwerk werde das Nachwuchsproblem besonders spürbar sein.
Der größte Wunsch: Die Kinder sollen übernehmen
Vier von fünf Senioren an der Spitze von Familienbetrieben sähen es gerne, dass die eigenen Kinder das Unternehmen übernehmen. Tatsächlich gelingt das nur in weniger als der Hälfte aller Fälle. "Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine große Lücke", weiß Unternehmensberater Wolter Classen. "Wenn es zum Schwur kommt, springt der eigene Nachwuchs wieder ab." Die Bedingungen sind oft hart: lange Arbeitstage, ungünstige Arbeitszeiten und kaum Zeit für Urlaub. Viele junge Leute ziehen Büroberufe vor.
Die Alternative: Übergabe an verdiente Mitarbeiter

- Nachfolgern fehlt das Geld
Wenn der Wunsch nach interner Nachfolge unerfüllt bleibt, steht die Frage im Raum: Was tun? Walter Bohsem stellte sich die Frage mit 60, als bei ihm Krebs diagnostiziert wurde. Seinen Betrieb für Malerarbeiten und Trockenbau mit 20 festen Mitarbeitern und 30 Subunternehmern hatte er in harter Arbeit selbst aufgebaut. Bohsem entschloss sich notgedrungen, einen angestellten Meister zu fragen. "Einen verdienten Mitarbeiter das Familienunternehmen weiterführen zu lassen, ist für viele Seniorchefs die Alternative, wenn eigene Kinder nicht da sind oder wollen", weiß Thorsten Groth vom Wittener Institut für Familienunternehmen. Damit verbunden sei aber oft ein Problem: Dem Auserwählten fehlt das nötige Geld, um sich einzukaufen.
Der Neue soll so sein wie man selbst

- Groth: Testphase für die Neuen
"Viele Seniorchefs würden am liebsten jemanden finden, der so ist, wie sie einmal waren: eigenständig, unternehmerisch, engagiert – und gleichzeitig den Betrieb so weiterführt, wie sie es getan haben", sagt Groth. Für ihn ist das ein kaum zu erfüllender Doppelauftrag: Sei der Nachfolger genau der Seniorchef ein kreativer, eigenständiger Mensch, werde er seine eigene Richtung bei der Unternehmensführung einschlagen. "Will man Konflikte vermeiden, ist es wichtig, die Testphase der Übernahme so schnell wie möglich zu beenden."
Die Kunst loszulassen
Das Problem der Abnabelung sei ein großes Thema der Seniorchefs, sagt Groth. Wichtig sei, loszulassen und eine neue Rolle zu finden. Das könne manchmal auch die des Beraters sein. Ex-Chef Bohsem fährt auch sieben Jahre, nachdem er seine Betrieb abgegeben hat, täglich ins Büro. "Ich muss ja noch zehn Jahre die Bücher verwahren." In die Arbeit seines Nachfolgers will er sich aber nicht einmischen. Genauso will es auch Helmut Riebeling halten, der ein traditionsreiches Familienunternehmen führt: Das ursprüngliche Modekaufhaus hat er zu einer Kette von acht Damenmodengeschäften ausgebaut. 2014 will er seiner Tochter den Chefsessel abtreten. Riebeling freut sich darauf. "Ich will die Dinge, die ich versäumt habe, nachholen: Sprachen studieren, Architektur und Kunstgeschichte machen."
"Die Umsetzung kann manchmal Jahre dauern"
Einen Nachfolger sollte man früh genug suchen, solange man gesund ist. Dazu raten nicht nur Experten, sondern auch Betroffene wie Bohsem. "Die Umsetzung kann manchmal Jahre dauern", sagt Berater Classen. Noch-Firmenchef Riebling beispielsweise plant seine Nachfolge akribisch. Er lässt sich dabei von einer Unternehmensberatung unterstützen. Die Frage der Nachfolge müssten sich Unternehmer immer wieder stellen, meint Groth - auch schon in frühen Jahren: Bevor die Kinder kommen, wenn sie da sind, bei ihrer Erziehung und mit welchen Erfahrungen der Nachwuchs aufwachsen soll. "Das Thema Nachfolge ist letztlich ein Dauerdialog."
Unternehmensnachfolge - Leitfaden des Bundeswirtschaftministeriums (pdf)
Unternehmensbörse "Change"
nexxt - Initiative Unternehmensnachfolge
Unternehmensnachfolge - BMWi-Existenzgründerprotal
Infos der IHK NRW zur Unternehmensnachfolge
Wittener Institut für Familienunternehmen
Stand: 04.08.2012




