s

Die Beine der Kanzlerin und ihren Ministern, Rechte: dpa
Sendung vom 19.09.2012, 19:05 bis 19:30 Uhr
Protest; Rechte: dpa

 Proteste halten an

Unsere Mitschuld an den Krawallen

Warum die Gewalt in arabischen Ländern nicht nur mit Religion zu tun hat

Die französische Regierung schließt vorübergehend Schulen und Botschaften in rund 20 Ländern, nachdem das Satire-Magazin "Charlie Hebdo" Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hat. Die Ausschreitungen der vergangenen Tage, die sich gegen das anti-islamische Propaganda-Video aus den USA richteten, geben Anlass zur Vorsicht. Und leider auch zu Pauschalurteilen über den angeblichen Charakter des Islam. Dabei haben die Ausschreitungen auch mit den schwierigen Bezeihungen des wohlhabenden Abendlandes mit der arabischen Welt zu tun, wie Ingrid Thurner analysiert.

Die Ausschreitungen in mehreren arabischen Ländern liefern verschiedenen Medien und Personen, die bereits einschlägig bekannt sind, neue Vorwände für islamfeindliche Angriffe. Sowie irgendwo in der muslimischen Welt Radikalismus und Dummheit eine Allianz eingehen und mit Gewalt Probleme lösen wollen, wird gleich die gesamte Religion mit allen Gläubigen mitverurteilt. Da können Korrespondenten, die vor Ort berichten, noch so oft betonen, dass es nur eine Minderheit ist, die zündelt. Wenn auf allen Fernsehkanälen des Abends Feuerschein die Wohnzimmer erhellt, dann können sich die rechtskonservativen Kreise wohlig in ihre islamfeindlichen Meinungen hüllen.

Mächtige Medien, die Millionen erreichen

Hierzulande ist es keine Minderheit, die zündelt, es sind mächtige Medien, die Millionen erreichen. "Der Islamismus strebt nach der Weltherrschaft" titelte "Die Welt" am Wochenende. Und inzwischen ist auch die anti-islamische Prominenz von Henryk M. Broder über Necla Kelek bis Alice Schwarzer aktiv geworden, denen mit dem Arabischen Frühling die Argumente abhanden gekommen waren.

Was bedeutet es für den sozialen Frieden im Lande, wenn die muslimischeBevölkerung regelmäßig in den Zeitungen liest und im Fernsehen hört, wie gewalttätig ihre Religion sei? Was bedeutet es für Gläubige, wenn das Recht eingefordert wird, sie und ihre Religion im Namen der Meinungsfreiheit beleidigen zu dürfen?

Es geht um viel mehr als um ein Filmchen

Es geht nicht nur darum, dass ein Filmchen, das landauf landab als bedeutungslos eingestuft wird – auch von den allermeisten Muslimen – den Propheten verhöhnt. Es geht um viel mehr. Es geht auch darum, dass sich die Bevölkerungen islamischer Länder seit Jahrzehnten vom Westen, von Amerika, von Europa verhöhnt fühlen.

Die Verlockungen sind immer bloß im Fernsehen, und die Versprechen sind nie gehalten worden. Zu Beginn der Amtszeit Obamas war viel von Frieden, Aussöhnung und Zusammenarbeit die Rede – aber diese Hoffnungen sind schon lange verflogen. An Unterstützung gibt es Worthülsen wie Demokratie, Menschenrechte, Transparenz, Gleichberechtigung – formuliert als Forderungen, die nun endlich zu erfüllen seien. Jahrzehntelang hat man die Regierungen und Diktatoren gestützt, die die arabischen Völker gar nicht haben wollten, und hat mit ihnen gute Geschäfte gemacht. Syrien lässt man verbluten, weil es die einfachste Lösung ist, und in Libyen hat man eingegriffen, was die lukrativste Lösung war. Hinzu kommen regional unterschiedliche historische Verstrickungen: die Demütigungen der Kolonialzeit oder die einseitigen militärischen Interventionen wie in Afghanistan und Irak.

Alltagsbewältigung schwieriger denn je

Nicht irgendwelche Eigenschaften, die dem Islam angeblich innewohnen, sind die Wurzeln dieser Gewalt. Aggressivität, Radikalismus, Fanatismus und Rückständigkeit sind allenfalls Symptome. In den postrevolutionären Ländern gestaltet sich die Alltagsbewältigung schwieriger denn je, und die Hoffnungen auf ein besseres Leben schwinden mit den Preiserhöhungen. Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Testosteronüberschüsse und Verheißungen, die nie eingetreten sind, sind die Ingredienzien der explosiven Cocktails dieser Tage, und vielleicht auch Langeweile, die aus der Unterbeschäftigung entsteht und die Ansteckungsgefahr, die eine Masse in sich birgt. Bei solcher Gemengelage sind gewalttätige Ausschreitungen über kurz oder lang die unvermeidliche Folge, überall auf dem Globus und vor jeglichem religiösen Hintergrund.

Redaktion:

Morten Kansteiner

Das Manuskript zum Beitrag

Mehr zum Thema

vorheriger Beitrag vorheriger Beitrag

nächster Beitrag nächster Beitrag


Politikum zum Nachhören

Die Sendung als Podcast




Radio zum Mitnehmen

Blaues Ohr mit Ohrstöpsel mit von ihm ausgehenden Sendewellen vor blauem Hintergrund (Rechte: WDR)

Politikum als Podcast [mehr]

Pressestimmen

verschiedene Tageszeitungen an Zeitungsstand; Rechte: dpa

Das meinen die anderen [mehr]

Westblick

Die nordrhein westfälische Fahne (Rechte: dpa)

Das Landesmagazin [mehr]