s
Als Kolumnist in der ZEIT beschäftigt sich Harald Martenstein eher mit den Widrigkeiten des Alltags. Das Markenzeichen des Redakteurs der Berliner Tageszeitung ist eine sehr präzise Beobachtungsgabe. In seinem ersten Buch Heimweg beschäftigte er sich 2007 mit deutscher Nachkriegsgeschichte. Voriges Jahr erschien sein zweites Buch Gefühlte Nähe. Diesmal gehört seine Heldin zu der Generation, die nach der sexuellen Befreiung in den 60er und 70er Jahren erwachsen wurde und sich keine Freiräume mehr erkämpfen musste. Jetzt ist Gefühlte Nähe als Hörbuch erschienen.
Martenstein lässt ausschließlich zweiundzwanzig Ex-Freunde jeweils über ihre Zeit erzählen, die sie mit N. verbracht haben. N. ist die fiktive Hauptfigur. Im Gegensatz zu ihren Ex-Freunden, die entweder einen Vor- oder Nachnamen haben, trägt die weibliche Heldin durchgehend nur das Kürzel N. – vielleicht N. wie Niemand. Mal wird N. verlassen, weil sie gerne schwanger werden will und ihrem Partner damit auf die Nerven geht. Mal schreibt ein Ex-Freund einen letzten Brief, nachdem sie ihn verlassen hat, weil er ihr viel zu langweilig war. Akribisch protokolliert der Autor die angeblichen Interviews mit den Männern. N. selber kommt nie direkt zu Wort. Da alle Affären im Laufe von vier Jahrzehnten gescheitert sind, ist keiner der Männer sonderlich gut auf N. zu sprechen. So entsteht die Biografie einer schwierigen Klein-Mädchen-Diva, die es nie lange bei einem Mann aushält. Das eigentlich Spannende sind die verschiedenen Männerperspektiven, wie Männer über Frauen denken - und reden. Keine Frage, Martenstein kennt die Männer: Ihre Balzrituale, ihre Eitelkeiten, ihre Einsamkeit und ihr Scheu vor Konflikten. Er liest seine weitgehend kitschfreien Liebes- und Trennungsgeschichten wohl dosiert und unsentimental selbst. Mit jeder weiteren Geschichte eines weiteren Ex-Manns, wächst beim Zuhören das Mitgefühl für N. und ihre vergebliche Suche.
Autor/in:
Maicke Mackerodt
Redaktion:
Valentina Dobrosavljevic







