Donnerstag, 24.05.2012

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Der Bologna-Prozess

Bild:Protestierdede Studenten; Rechte: dpa
Bologna - die ungeliebte Reform

Der Bologna-Prozess: Gut gemeint- schlecht gemacht?

Morgenecho-Serie: Sturm auf den Hörsaal – Semesterbeginn an den Universitäten

Von Ingo Wagner

Diplom und Magister sind Geschichte, heute büffeln Studenten für Bachelor und Master. Die Umstellung geht auf den „Bologna-Prozesses“ zurück, die Idee: Im Rahmen der europäischen Einigung sollte auch die Hochschullandschaft einheitlicher, das Studium internationaler und die Abschlüsse vergleichbarer werden. Doch das Gegenteil ist der Fall: die Studenten sind gestresst wie nie, kaum einer geht noch ins Ausland. War Bologna ein Fehltritt?

 

 


Plakat protestierender Studenten, Rechte: dpa
Sackgasse Bachelor?

Felix Scharp studiert im fünften Semester Sprach- und Kommunikationswissenschaft an der RWTH Aachen. Der 23-Jährige würde ganz gerne mal aus Aachen rauskommen und Erfahrungen an einer ausländischen Universität sammeln. Aber das durch den Bologna-Prozess etablierte System schreckt ihn davon ab: Das sei schwierig, sagt er, und persönlich kenne er auch keinen, der während des Studiums ins Ausland gehe. Dem pflichtet auch sein Kommilitone Martin Gehring bei, der sehr gerne ins Ausland ginge: „Aber ich sehe diese Möglichkeit nicht gegeben“, sagt er, „die Vergleichbarkeit, so wie ich das mitbekommen habe, ist eher gar nicht vorhanden.“

An der Anerkennung scheitert offenbar für viele Studenten der Wunsch nach einem Auslandssemester: Wenn Felix Scharp beispielsweise ein Semester an einer englischen Universität studieren, dort für Prüfungen lernen und sie bestehen würde, erführe er erst im Anschluss bei seiner Rückkehr an die Uni Aachen, ob seine Scheine und Leistungsnachweise auch anerkannt werden oder nicht. „Und wenn man Pech hat, verliert man ein ganzes Jahr“, stellt der Student klar und das will er auf keinen Fall, denn der Druck, das Studium in der Regelstudienzeit zu schaffen, ist nach der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge groß.


Protestierende Studentin, Rechte: dpa
Alles besser durch den Bachelor?

Alles Versuchskaninchen?

Tatsächlich ist die Vergleichbarkeit zwischen den Hochschulen durch den Bologna-Prozess eher schwieriger geworden: Studenten erwerben jetzt regelmäßig Leistungspunkte, die Lehrinhalte heißen „Module“: Wenn diese aber nicht haargenau den Anforderungen in Deutschland entsprechen, gelten die erworbenen Scheine nicht. Dass dadurch viele Studenten von einem Auslandsaufenthalt abschreckt werden, ist den Universitäten bewusst, doch der für die Lehre an der RWTH Aachen zuständige Prorektor Aloys Krieg wirbt für Verständnis: Es sei schließlich der größte Prozess der Umorganisation von Hochschulen, den man in den vergangenen hundert Jahren unternommen habe. „Und der ist natürlich mit einigen Schwierigkeiten verbunden“, gesteht er ein.

Schwierigkeiten, unter denen die Studenten leiden, obwohl durch Bologna das Studium doch gerade weltläufiger werden sollte: Auslandsaufenthalte und die Anerkennung der an anderen europäischen Universitäten erworbenen Scheine sollte einfacher werden. Für Aloys Krieg sind die Hochschulen aber mit dem Bologna-Prozess grundsätzlich auf dem richtigen Weg, die Probleme würden jetzt nach und nach behoben, versichert er.


Bild: Student mit Globus; Rechte: dpa
Ausland, adé?

Was wird anerkannt?

Der Prorektor verweist darauf, dass man ja noch am Anfang stehe: An der RWTH haben erst im vergangenen Wintersemester die ersten Maschinenbaustudenten ihren Bachelor gemacht. Dass es sich dabei gewissermaßen um ein Pilotprojekt handelt, muss auch er zugeben: „Wenn Sie bösartig sein wollen, dann können Sie sie ‚Versuchskaninchen’ nennen. Aber das lässt sich leider nicht ändern. Bei jeder Umstellung haben diejenigen, die ein neues System erstmalig nutzen, besondere Probleme. Wir tun aber unser Möglichstes, um diese Dinge zu verbessern!“, versichert er.

Der erste Ansatz: Künftig soll es für alle Fachbereiche spezielle Listen geben, so genannte ‚Äquivalenzlisten’, die darüber aufklären, welche Leistungen und Scheine an ausländischen Universitäten vergleichbar sind und in Deutschland anerkannt werden. Die seien dringend nötig, findet Bela Brenger, Vorsitzender des Studierendenausschusses ASTA an der RWTH Aachen: Es brauche ein Raster, fordert sie, mittels dessen man erkennen könne, was anerkannt wird und was nicht: „Das wird den Studierenden auch ein bisschen die Angst vor dem Verlust eines Semesters nehmen“, sagt sie.


Der Bologna-Prozess dauert länger als gedacht. Die Anfangsschwierigkeiten haben sich die europäischen Politiker sicher nicht so groß vorgestellt – und erst recht nicht, dass er zu einem Rückschritt bei der Auslandsmobilität der Studierenden führen würde. Da wollen die Hochschulen jetzt nachbessern. Aber bis deutsche Studenten vor einem Semester im Ausland wissen, ob ihre dort erworbenen Scheine auch anerkannt werden, haben sicher schon viele ihren Bachelor-Abschluss längst gemacht.


Stand: Oktober 2011


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