Berlin

- Berlin - beliebtes Reiseziel
Deutschland als Heimat? - Israelis in Berlin
Morgenecho-Serie: Koscher, Kippa und Schabbat - Jüdisches Leben in Deutschland
Berlin ist „in“ – auch bei Israelis. Sie kommen gern nach Deutschland – die Jüngeren zum Studieren, die Älteren als Touristen. Vor allem für junge Israelis ist der Holocaust weit weg. Und doch: Manchmal spürt man den Antisemitismus auch heute noch, sagen sie.
Von Marcel Roth

- Sukkot in Berlin
Laubhüttenfest im jüdischen Bildungszentrum "Chabad Lubahwitsch" in Berlin Wilmersdorf: In dem kleinen Garten und der Villa herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, auch Oliver Bradley ist dabei: Der 47-Jährige ist PR-Manager und in Chicago aufgewachsen. Seit 22 Jahren lebt er in Berlin. Er schlendert über das Fest und spricht mit vielen Besuchern.
Vor dem Gelände steht ein Polizist, große Betonblöcke sind als Barrieren aufgebaut. "Der Alltag in Deutschland ist leider so, dass Synagogen immer noch von Polizisten bewacht werden müssen", sagt er. "Aber nicht nur in Deutschland. Auch in Italien müssen die meisten Synagogen bewacht werden. Dort gab es Terror-Anschläge mit vielen Opfern. Also lieber sicher als unsicher. Aber es wäre schön, wenn man irgendwann keine Sicherheitskräfte vor der Synagoge oder jüdischen Einrichtungen bräuchte", sagt er.
Holocaust weit weg?
Im Garten der Gemeinde wird deutsch, russisch, englisch und hebräisch gesprochen. Denn viele Juden dort kommen auch aus Israel. Deutschland und vor allem Berlin hätten mittlerweile ein positives Image bei ihnen, erklärt Oliver Bradley. Rund 40.000 israelische Touristen sollen laut Statistiken allein in den ersten sechs Monaten des Jahres zu Besuch gekommen sein: Berlin hat einen liberalen Ruf, die Flüge hierher sind günstig und auch das Leben ist billiger als in anderen europäischen Metropolen. Gerade für junge Menschen eine überzeugende Kombination, meint Oliver Bradley. Gibt es keine Vorbehalte wegen der Vergangenheit? "Junge Israelis sind sehr holocaust-entfremdet", sagt er. "Viele junge Israelis sind nicht holocaust-besessen und ich glaube nicht, wenn sie in einem Flugzeug sitzen und in Berlin landen, dass sie überhaupt die Vergangenheit in ihrem Kopf haben."

- Junge Israelis zu Besuch
Das Potenzial der Touristen aus Israel haben auch Stadtführer entdeckt. Es gibt Führungen auf hebräisch. Eine endet gerade hinter der Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin Mitte. Die meisten Touristen sind über 50. Jeder scheint einen Bezug zu Deutschland und Berlin zu haben. Die Gefühle zur Stadt sind deshalb kompliziert: "Meine Familie kam ursprünglich aus Berlin", erzählt einer der Besucher. "Einige von ihnen konnten vor dem Krieg entkommen – zwei von ihnen nicht. Ich versuche zu verstehen, wie sie die Bewunderung für die deutsche Kultur behalten konnten, obwohl ihre Eltern im KZ umkamen", erklärt er.
Zwischen Gegenwart und Vergangenheit
"Ich mag Berlin", fügt eine andere Touristin hinzu. "Aber die ganze Zeit kann ich nicht ignorieren, dass ich den Holocaust auf meinen Schultern spüre." Und ein anderer Israeli ergänzt: "Als ich das erste Mal nach Berlin kam, habe ich sehr gezögert. Aber ich war überrascht. Zum einen, weil es eine internationale Stadt mit vielen Ausländern ist. Und zum anderen war ich erstaunt, wie hier die jüdische Geschichte gewürdigt wird!" Das sei ein gutes Gefühl gewesen und deshalb sei er auch jetzt zum zweiten Mal in Berlin.
Vor allem junge Israelis sehen ihre Zukunft mittlerweile in Deutschland, rund 18.000 Israelis leben in Berlin. Eine von ihnen ist Dana. Sie wohnt seit dem vergangenen Jahr dort und kommt aus Israels links-alternativer Szene. In Tel Aviv habe sie es nicht mehr ausgehalten, die wirtschaftliche Unsicherheit sei zu groß, sagt die 32-Jährige: "Ich wuchs in dem Glauben auf, dass ich in einem westlichen Land lebe. Aber das war damals schon eine Lüge und jetzt ist es wirklich so eine Art 'Zweite-Welt-Land' geworden. Ich habe begriffen, wenn ich einfach leben und nicht nur überleben will, eine Familie gründen und eine Art Zukunft haben möchte, dann muss ich raus. Und zwar jetzt!" Ausgerechnet ihr Leben in Berlin begreift sie als Exil – hier könne sie freier atmen als in Israel, sagt sie.

- Sozialproteste in Tel Aviv
Antisemitismus – heute noch?
Dennoch: Auch Dana hat Diskriminierung erlebt. Eine multikulturelle Gesellschaft sei Deutschland nicht. Wieso arbeiteten beispielweise in der Ausländerbehörde nur weiße und deutsche Beamte?, fragt sie. Wenn sie selbst gefragt wird, woher sie kommt, weicht sie mittlerweile aus. Das sei kompliziert oder sie möchte nicht darüber sprechen, antwortet sie dann. Denn als Dana einer deutschen Bekannten einmal offenbarte, dass sie Jüdin ist, war das sich anschließende Gespräch schockierend: Jene Bekannte habe ihr erklärt, sie könne schon verstehen, warum ihre Großeltern Juden gehasst haben, erinnert sie sich: "Weil die meisten Anwälte und Buchhalter Juden waren", sagte sie. "Und ich habe gesagt: 'Das stimmt nicht!' Das Traurige ist, dass ich rational argumentiert habe, weil ich so geschockt war. Wie kann man so was sagen? Aber das war meine erste Reaktion. Jetzt würde ich mir was klügeres einfallen lassen, keine Ahnung, etwas Gemeines", erklärt sie.
Alltäglicher Antisemitismus. Ihn gibt es. Und auch Oliver Bradley hat ihn erlebt. Aus einem vorbeifahrenden Auto wurde ihm "Juden raus!" zugerufen. In seinen 22 Jahren in Deutschland sei das aber der einzige Vorfall dieser Art gewesen.
Serie (Teil 6) Roth - Junge Israelis in Berlin
Morgenecho-Serie: Koscher, Kippa und Schabbat Jüdisches Leben in Deutschland [Morgenecho]
Stand: Oktober 2012




