Frankreich und die Jugend

- Was bedeutet Frankreich für Jugendlichen in Deutschland?
Kleine Bestandsaufnahme einer Freundschaft
Morgenecho-Serie: Deutschland, Frankreich – und Sie?
Von Martina Züger
Vor 50 Jahren hat Charles de Gaulle, damals französischer Präsident, seine legendäre Rede an die deutsche Jugend gehalten. Doch was bedeutet ihr die deutsch-französische Freundschaft heute? Schüler eines Französisch-Leistungskurses in Bonn erzählen.

- Schüler mit Lehrerin Melanie Zaidi (li.)
Toni, Leon, Teresa und die anderen sind sich einig: Die Franzosen sind offen, impulsiv, witzig und gesellig. "Die Franzosen nehmen sich Zeit fürs Leben", sagt Karin, 16 Jahre alt. "Und fürs Essen: In Frankreich sitzen wir fünf, sechs Stunden am Tisch. Essen verbindet, in Deutschland ist es eher nebensächlich", berichtet Marie-Charlotte, 16, eine von 14 Schülern des Französisch-Leistungskurses Klasse 12 am Bonner Friedrich-Ebert-Gymnasium. Der 15-jährige Leon ergänzt die Beobachtungen seiner Mitschülerinnen: "Eine Stunde nach dem Essen sitzen die Franzosen immer noch am Tisch und reden und reden und reden." Und Teresa, 16, mag die französische Lebensart - sie fasst ihre Vorstellung davon in sechs Worten zusammen: "Kaffee trinken, Baguette essen, lange schlafen."
Morgenecho-Serie: Deutschland, Frankreich – und Sie? [WDR 5]
Viel rauchen, weniger trinken

- Anekdoten vom Schüleraustausch
Die deutsch-französische Freundschaft leben die Schüler ganz konkret: Allesamt haben sie längere Zeit bei Gastfamilien in Frankreich verbracht, sind mit ihren Gastgeschwistern zur Schule gegangen, kennen Sprache, Kultur und Alltag. Alphonsine aus dem Kongo und Sandra aus Ruanda wachsen zweisprachig auf, Marie-Charlotte hat einen französischen Pass. Das Sprachniveau im Kurs ist – vor allem wegen der Muttlersprachler - sehr hoch. Deutsch-französische Freundschaft, das sind für sie all die kleinen Anekdoten vom letzten Schüleraustausch – und die vermeintlichen Macken der Franzosen, die damit zusammenhängen. Schülerin Toni hat oft Bauchschmerzen gehabt, weil die Franzosen zwischen den Mahlzeiten zwölf Uhr mittags und abends neun Uhr nichts essen. Szevi beobachtete, dass viele französische Schüler rauchen. "In meiner Klasse gab es von 35 Schülern nur drei Nichtraucher. Aber getrunken haben sie nicht so exzessiv wie die Deutschen!"
Was ist bloß mit Frankreich los? [WDR Fernsehen, 10.04.2012]
"Ich beglückwünsche Sie, jung zu sein"

- De Gaulle und Adenauer in Reims
So meinungsstark und selbstbewusst muss sich Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle 1962 die jungen deutschen Schüler vorgestellt haben, als er am 9. September in seiner Rede an die deutsche Jugend in Ludwigsburg sagt: "Sie alle beglückwünsche ich! Ich beglückwünsche Sie zunächst, jung zu sein. Man braucht ja nur die Flamme in Ihren Augen zu beobachten, die Kraft Ihrer Kundgebungen zu hören, bei einem jeden von Ihnen die persönliche Leidenschaftlichkeit … mitzuerleben, um überzeugt zu sein, dass diese Begeisterung Sie zu den Meistern des Lebens und der Zukunft auserkoren hat." Die Jugendlichen von damals bejubeln de Gaulles Auftritt.
Laurent Fabius und Guido Westerwelle in Bonn

- Daniel und Karin im Französisch-LK
Als Motor der deutsch-französischen Freundschaft sehen die Schüler die Politiker längst nicht mehr. Mit ihrem Alltag in den französischen Gastfamilien, mit ihrem Französisch-Kurs hätten die "Politiker aus dem Fernsehen" nichts zu tun, denkt Karin, 16. Zu Beginn des Monats besuchten die beiden Außenminister Laurent Fabius (Sozialistische Partei) und Guido Westerwelle (FDP) Bonn, der Französisch-Leistungskurs war dabei. "Ich hatte nicht das Gefühl, ihr Auftritt hätte etwas mit mir zu tun", sagt der 16-jährige Daniel mit den schwarzen Wuschelhaaren, Sitznachbar von Karin.
De Gaulle und Adenauer, Mitterand und Kohl

- Mitterand und Kohl in Verdun
Dabei haben die deutsch-französischen Politiker-Paare die Freundschaft beider Länder einst geprägt. General Charles de Gaulle und Konrad Adenauer hören 1962 einen katholischen Gottesdienst in der Kathedrale von Reims und legen den Grundstein zur deutsch-französischen Versöhnung. François Mitterand und Helmut Kohl stehen 1984 Hand in Hand auf dem Soldatenfriedhof von Verdun. Erst diese starken Gesten machen möglich, wovon die Schüler heute profitieren: Die vielen hundert Städtepartnerschaften – die Jumelages –, die vom Deutsch-Französischen Jugendwerk finanziell geförderten Schüleraustausche, den deutsch-französischen Fernsehsender Arte. 18,4 Prozent aller Schüler in NRW lernen derzeit Französisch, im Saarland sind es sogar 58 Prozent.
50 Jahre Elysée-Vertrag [WDR 2, 29.08.2012]
Feier nach 50 Jahren Freundschaft [tagesschau.de, 08.07.2012]
Deutsch-französische Freundschaft erneuert [tagesschau.de]
Erbfeindschaft ist immer noch vorhanden

- Merkel und Hollande: Reims 2012
Erstaunt hört man zu, wenn die Jugendlichen berichten, dass der deutsch-französische Krieg von 1870/71, die beiden Weltkriege und die Erbfeindschaft beider Länder immer noch präsent seien. "Ich wurde in Paris mit dem Hitlergruß begrüßt", erinnert sich Toni. "Meine Gasteltern waren jüdisch, besuchten mit mir ein Denkmal zur Erinnerung an die Judenvernichtung in Paris und sagten, wir seien Schuld. Dabei war ich es ja nicht, ich gehöre einer anderen Generation an", sagt Teresa. "Die Erbfeindschaft ist immer noch da, das Negative kommt aber mehr von der französischen Seite", behauptet Daniel. Als Angela Merkel (CDU) und der Sozialist François Hollande die historische Zeremonie von Reims am 8. Juli 2012 wiederholen, ruft der Franzose erneut zur Versöhnung auf: "Man darf die deutsch-französische Geschichte nicht auf die 75 kriegerischen Jahre reduzieren."
Dann fällt den Schülern der 12. Klasse in dem Bonner Gymnasium etwas ein, das die Franzosen unwiderstehlich macht: die Schönheit ihrer Sprache. "Sie drücken sich so elegant aus, Französisch ist nicht rau", sagt Toni. "Und so blumig!", wirft Teresa ein. Dagegen hat keiner in der Klasse etwas einzuwenden.
Die Serie im Überblick [Morgenecho]
Online-Umfrage: Wie aus Feinden Freunde wurden [WDR 5]
Stichtag:Charles de Gaulles erster Staatsbesuch in der BRD [WDR, 04.09.2012]
Stand: 18.09.2012




