Myanmar, der Vielvölkerstaat

- Zusammen leben
Myanmar, der Vielvölkerstaat
Morgenecho-Serie: Birmanischer Frühling
Von Udo Schmidt
Birma braucht politische Freiheiten und wirtschaftliche Entwicklung. Ein grundsätzliches Problem muss zudem gelöst werden: Der Konflikt mit den ethnischen Minderheiten im Land, wie den Karen, den Shan, den Kachin. Sie wollen mehr Selbstbestimmung und lehnen den Zentralstaat ab, ob er nun demokratisch ist oder nicht. Die Suche nach Frieden wird auch für die Nationale Liga für Demokratie mit Aung San Suu Kyi an der Spitze keine leichte Aufgabe.

- Mehrheit von Minderheiten
Die Karen, die Kachin, die Shan, die Mon – sie alle sind ethnische Minderheiten in Myanmar, die zusammengenommen eine Mehrheit der Bevölkerung darstellen. Sie verfügen über eigene Rebellengruppen, Armeen genannt, die zum Teil seit Jahrzehnten mit dem birmanischen Zentralstaat in einen Bürgerkrieg verwickelt sind.
Seit einigen Monaten gibt es nun Friedensverhandlungen mit ersten Erfolgen, beispielsweise ein Waffenstillstandsabkommen mit den Karen im Süden Myanmars, mit der „Karen National Union“. „Einen echten Durchbruch für unser Land“, nennt dies Tin Maung Thann, der die Verhandlungen für die Regierung von Präsident Thein Sein vorbereitet hat, immerhin ist es das erste Waffenstillstandsabkommen seit 63 Jahren.

- Waffenstillstand besiegelt
Das Misstrauen bleibt
Erst kürzlich begingen die Karen den 63. Jahrestag ihres Unabhängigkeits-bestrebens und zogen ihre Soldaten aus der vordersten Linie zurück. „Wenn es jetzt Gespräche gibt, freut uns das. Wir wollen am Verhandlungstisch weiterreden“, sagt der Karen-Kommandeur Nerda Mya. „Wenn unsere Wünsche allerdings zurückgewiesen werden“, fügt er hinzu, „dann müssen wir wieder für unsere Rechte kämpfen!“
In den Auseinandersetzungen geht es vor allem um Autonomie und kulturelle Selbstbestimmung. Aber das Misstrauen sitzt tief, man könne der Regierung nicht hundertprozentig trauen, sagt ein anderer Hauptmann der Karen.
Vor wenigen Tagen ließ der Generalsekretär der „Karen National Union“ erklären, das Abkommen sei noch gar nicht zustande gekommen, man müsse neu verhandeln. Es fehle an Vertrauen, meint auch Zeya Thu von der unabhängigen Wochenzeitung „The Voice“: „Jetzt muss die Phase der Vertrauensbildung folgen, der Waffenstillstand ist erst der Anfang, wir brauchen jetzt Vertrauen auf beiden Seiten und Zeit!“

- Frieden erhofft
Föderale Strukturen vonnöten
Bei den Kachin, der großen Minderheit im Norden, stehen die Verhandlungen über ein Waffenstillstandsabkommen erst am Anfang, aber sie werden erfolgreich sein, davon ist Tin Maung Thann, der Konstrukteur des Verhandlungsentwurfs der Regierung, überzeugt: „Wir brauchen die große Gruppe der Kachin auch, damit der gesamte Friedensprozess vorankommt!“, sagt er.
U Thein Oo, der Mann an der Spitze der Nationalen Liga für Demokratie hinter Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi weiß, dass auf Dauer auch eine neue föderale Verfassung notwendig sein wird, schließlich gehe es um Gleichheit und Selbstbestimmung im Rahmen eines föderalen Staates.
Diese Erkenntnis ist neu. Die Regierung von Präsident Thein Sein beharrt auf dem starken Zentralstaat und war sich in diesem Punkt auch lange mit der Opposition einig. In der Parteizentrale der Nationalen Liga hat jetzt allerdings ein Umdenken stattgefunden. Aussöhnung, so die Leitlinie, kann es nur in einem Staat geben, der seine Macht teilt.
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Stand: Februar 2012
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