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Rechts im Bild: Helmut und Hannelore Kohl beim Rudern
Sendung vom 30.10.2012, 06:05 bis 08:55 Uhr
Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Rechte: WWU/Peter Grewe

 Khorchide: "Sachliche Auseinandersetzung mit dem Islam"

"Eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Islam"

Interview mit Professor Dr. Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für religiöse Studien in Münster

Moderation: Holger Beckmann

An der Universität in Münster öffnet am Dienstag (30.10.2012) das Zentrum für Islamische Theologie. An dem Studienzentrum werden islamisch-theologische Wissenschaftler, Lehrer für islamischen Religionsunterricht und Imame ausgebildet. Das neue Zentrum ist eine von bundesweit vier geplanten Einrichtungen. Deutschlands erstes Zentrum für Islamische Theologie war im Januar an der Universität Tübingen eröffnet worden. 

Professor Dr. Mouhanad Khorchide ist Leiter des Instituts und erklärt im Interview, warum der Studiengang Islamische Theologie zu einem friedlicheren Miteinander führen könnte. 

 

WDR 5: Warum ist es wichtig, dass Deutschland Studienzentren für Islamische Theologie hat?

Professor Dr. Mouhanad Khorchide: Das ist sehr wichtig. In Deutschland leben über vier Millionen Muslime. Bislang wird über den Islam hauptsächlich im Zusammenhang mit gesellschaftspolitischen Belangen gesprochen. In den Debatten geht es um Minarette, Moscheebau, Kopftuch oder über die negativen Aspekte wie Gewalt und Ehrenmord. Wir brauchen Institutionen, wo man sich sachlich mit dem Islam auseinandersetzt. Wo auch die Muslime, die sich stark mit ihrer Religion identifizieren, die Möglichkeit haben, sich mit ihrer Religion Islam sachlich und objektiv auseinanderzusetzen.  

 

WDR 5: Es ist verständlich, dass Menschen über Moscheebauten in Städten gesprochen haben. Auch der islamistische Terror, der im Alltag vieler Menschen zumindest latent eine Rolle gespielt hat, steht oft im Fokus. Was kann Ihr Zentrum verändern?

Khorchide: Bislang hat der theologische Diskurs gefehlt. Die Frage ist doch, wie verhält sich der Islam theologisch gegen extremistische Strömungen. Was kann der Islam dagegen unternehmen, welchen Beitrag kann die Religion für ein friedlicheres, konstruktiveres Leben leisten? Daher müssen wir uns mit der islamischen Theologie auseinandersetzen. Es gibt extremistische Strömungen, die sich Verse aus dem Koran picken, mit denen sie ihre Gewaltpositionen begründen. Deshalb ist es hier sehr wichtig, dass sich eine Theologie etabliert, die sich mit historisch-kritischen und objektiv-sachlichen Methoden dem Koran nähert.

 

WDR 5: Können Sie uns etwas darüber verraten, was der Islam als Anti-Gewaltsignal dagegen setzen kann und was in ihrem Zentrum wissenschaftlich eine Bedeutung haben wird?

Korchide: Ich habe das in meiner letzten Publikation "Islam ist Barmherzigkeit" dargelegt. Wenn man sich mit dem Koran auseinandersetzt, dann sieht man, dass sich Gott als der absolut Barmherzige vorstellt. Wir hier in Münster sprechen von der Theologie der Barmherzigkeit. Wir erheben diese göttliche Barmherzigkeit zu einem Kriterium der Theologie -  von der Schöpfungstheologie bis hin zu jenseitsbezogenen Aspekten. Damit wollen wir einen Beitrag leisten gegen die extremistischen Strömungen.

 

WDR 5: Sie versuchen, eine solche islamische Theologie zu entwerfen. Ist denn die islamische Theologie in ihren Grundfesten von Gewaltfreiheit und der Barmherzigkeit Gottes geprägt?

Khorchide: Wir haben eine Bandbreite von Verständnissen in der islamischen Theologie. Das war in den vergangenen 1.400 Jahren in der Ideengeschichte des Islam immer so. Wir haben keine Institution, die sagt, diese oder jene Auslegung ist die einzig richtige. Daher kam es zu unterschiedlichen Strömungen. Deshalb nehmen wir in Münster das Kriterium der Barmherzigkeit und entwerfen daraus eine ganze Theologie, die es auf jeden Fall in der islamischen Geschichte gegeben hat und gibt. Aber es gibt auch andere Strömungen.

WDR 5: Die verschiedenen Strömungen im Islam gibt es auch in den arabischen Ländern, über die man in diesen Zeiten zwangsläufig viel spricht. Es gibt Sunniten, Schiiten, Aleviten. Bekommt man diese Richtungen tatsächlich in eine einheitliche Auslegung, wie sie es anstreben?

Khorchide: Es ist uns schon wichtig, dass wir auf die innerislamische Vielfalt Rücksicht nehmen. In vielen islamischen Ländern ist das Studium des Islams viel homogener. Wenn man in der Türkei studiert, dann ist das hauptsächlich die sunnitische-hannafitische Rechtsschule. Im Iran ist das die schiitische Schule. Aber hier in Deutschland leben wir mit verschiedenen ethnischen und konfessionellen Muslimen. Deshalb müssen wir dieser Vielfalt gerecht werden.

 

WDR 5: Schauen wir noch einmal auf den islamischen Alltag in Deutschland. NRW bietet seit Beginn dieses Schuljahres auch islamischen Religionsunterricht an. Sie bilden in ihrem Zentrum auch die Lehrer für den Islamunterricht aus. Was sagen Sie Menschen, die das bedenklich finden, weil sie fürchten, dass der Islam in Deutschland womöglich die christlichen Religionen zurückdrängen könnte.

Khorchide: Diese Menschen frage ich, was wäre die Alternative zu diesem Religionsunterricht? Die Menschen würden ihre religiöse Sozialisierung in Hinterhof-Moscheen oder in privaten Unterrichten genießen, wo wir nicht wissen, was dort unterrichtet wird. Welche Standards werden da gelegt? Wäre es nicht eine bessere Alternative, dass man sich mit dem Islam auseinandersetzt, mit denselben Standards wie bei anderen Religionen. Dass man lernt, zu reflektieren und zu hinterfragen. Dass man auch lernt, rational zu argumentieren und nicht alles unreflektiert hinzunehmen. 

Redaktion:

Hermann Krause

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Mit mehr Vielfalt zu mehr Frieden? - Interview mit Professor Dr. Mouhanad Khorchide

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