Donnerstag, 23.05.2013

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Rechts im Bild: Helmut und Hannelore Kohl beim Rudern
Sendung vom 28.11.2012, 06:05 bis 08:55 Uhr
Bild: Google-Emblem. Rechte: dapd

 Google macht mobil

Google-Kampagne wehrt sich gegen neues Leistungsschutzrecht

Gespräch mit Jörg Brunsmann, WDR-Computer-Experte

Moderation: Thomas Schaaf

Dürfen Textteile aus Zeitungen und Zeitschriften kostenlos im Internet zitiert werden? Darum geht es am morgigen Donnerstag (29.11.2012) im Bundestag. Der Suchmaschinenriese Google ruft seine Nutzer zum Protest gegen eine Neuregelung auf, die Kosten bedeuten könnte. Schlachtruf: "Verteidige Dein Netz!" Was steckt dahinter? Das klärt WDR-Computerexperte Jörg Brunsmann im Morgenecho-Interview.

WDR 5: Herr Brunsmann, das Leistungsschutzgesetz ist ein Teil der Reform des Urheberrechts. Worum geht es da genau?

Jörg Brunsmann: In diesem Fall geht es um die Rechte für Presseverleger, insbesondere die Texte von Zeitungen und Zeitschriften. Deswegen auch der Begriff "Leistungsschutzrecht". Es geht um Rechte, die über das normale Copyright hinausgehen. Das gilt jetzt auch schon. Ich kann nicht einfach hingehen, Texte beispielsweise aus der FAZ ausdrucken und als meine eigene Zeitung verkaufen. Aber ich kann Teile daraus zitieren. Da sagen die Verleger: "Das ist ungerecht. In anderen Branchen gelten weitergehende Rechte." Insbesondere in der Musikindustrie ist das so. Es ist ja nicht nur ein Lied als Ganzes geschützt. Auch Melodie und Text darf ich nicht so einfach kopieren. Das geplante Leistungsschutzrecht soll die Verleger auf eine Stufe mit den Musikverlagen stellen. Das kommt übrigens alles andere als überraschend, sondern ist Bestandteil des Koalitionsvertrages von Union und FDP, der 2009 nach der Bundestagswahl beschlossen wurde.

WDR 5: Also an sich etwas, was es bereits gibt ...

Jörg Brunsmann: Was aber nun weiter reicht und eben das Internet betreffen würde. Künftig würden auch kleine Teile von Artikeln geschützt sein. Auch Ausschnitte aus Zeitungs- oder Zeitschriften-Artikeln dürfen nicht mehr ohne Weiteres im Internet auftauchen. Genau das ist es, wogegen Google mobil macht. Viele kennen das: Der Konzern hat einen großen News-Bereich. Da werden kurze Abschnitte aus Zeitungen und Zeitschriften aufgelistet. Google bedient sich da bislang komplett kostenlos im Netz. Da kommen die Verleger ins Spiel. Sie sind darüber seit langem sauer. Suchmaschinen verdienen damit Geld: Auf den News-Seiten ist Werbung eingeblendet. Das Geld, das Google damit macht, geht ausschließlich an den Konzern. Wenn das Leistungsschutzgesetz kommt, geht das so nicht mehr. Entweder der Konzern muss dann eine Vereinbarung mit den Verlegern treffen und höchstwahrscheinlich für die Textschnipsel bezahlen. Das ist das, worauf die Verleger hoffen. Oder dieses News-Angebot wird eingestellt, zumindest für die deutschen Quellen. Offenbar scheint Google sich da bereits entschlossen zu haben. Die Kampagne auf der Google-Startseite sagt: "Willst Du auch in Zukunft finden, was Du suchst? Dann mach hier mit!" Die Botschaft: Wer nicht mitmacht und das neue Gesetz nicht stoppt, der wird künftig nicht mehr finden, was er sucht. Weil es eben nicht mehr in der Suchmaschine auftaucht.

WDR 5: Wie reagiert das politische Berlin auf diese Kampagne?

Jörg Brunsmann: Da gibt es ganz erhebliche Reaktionen. Das reicht von erstaunt bis trotzig. Auch, weil dieses Gesetz schon sehr lange in der Vorbereitung ist. Diejenigen, die sich jetzt dagegen wehren, unter anderem Google, die machen das schon lange. Die Lobbyarbeit hat da offenbar nicht so funktioniert, sodass Google jetzt die letzte Chance darin sieht, das Thema einer großen Öffentlichkeit zu präsentieren. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zum Beispiel hat indirekt zum Boykott von Google aufgerufen. Sie hat dem Handelsblatt gesagt, es gebe auch noch andere Suchmaschinen als Google. Sie sei erstaunt, dass ein marktbeherrschendes Unternehmen so versucht, die Meinungsbildung zu monopolisieren.

WDR 5: Es kann durchaus noch sein, dass es Google gelingt, eine Protestwelle aufzubauen. Haben Proteste im Netz schon einmal Gesetzesvorhaben zu Fall gebracht?

Jörg Brunsmann: Wir haben das gesehen bei SOPA, dem "Stop Online Piracy Act" gegen die Verletzung von Urheberrechten. Der sollte auch in Europa großflächig beschlossen werden. Es hat eine großangelegte Kampagne gegeben. Wikipedia hat sich daran beteiligt und seine Seite für eine gewisse Zeit schwarz geschaltet. Man musste einfach darauf stoßen, konnte sich vielleicht näher damit beschäftigen und dann auch protestieren. Aber diesen großen öffentlichen Protest gegen das geplante Leistungsschutzgesetz sehe ich im Moment so nicht. Es ist mehr eine Interessenvertretung von Google. Die verdienen ganz klar Geld damit, dass sie diese Textschnipsel bei sich veröffentlichen. Die Verleger haben schließlich Geld investiert. Auf der anderen Seite: Auch die Verleger können weder mit noch ohne Google. Sie könnten sagen: "Wir wollen nicht mehr bei Google auftauchen." Das ist eine kurze technische Sache. Dann nähme Google alle diese Zeitungen aus dem Suchindex heraus. Rupert Murdoch hat das vor ein paar Jahren angedroht. Er hat es nie umgesetzt, weil er genau weiß: Wenn die Nutzer nicht über Google auf seine Zeitungsseiten kommen, macht er gar kein Geld mehr mit diesen Artikeln.

 

Das Interview führte Thomas Schaaf.

Redaktion:

Detlef Schlockermann

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Google-Kampagne - Gespräch mit Jörg Brunsmann, WDR-Computer-Experte

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Kommentar zu Leistungsschutzrecht von Jörg Brunsmann

Kommentar von Jörg Brunsmann

Liebes Google,

ich muss dir das jetzt mal sagen, denn ich bin sehr enttäuscht von Dir. Enttäuscht, weil du mich für deine Zwecke einspannen willst.
Wie lange kennen wir uns jetzt? Es muss irgendwann um das Jahr 2000 gewesen sein, als deine schlichte Seite meinen Browser erobert hat. Mit Dir konnte ich was anfangen; oder besser gesagt mit Deinen Suchergebnissen – endlich war das Internet kein Haufen unaufgeräumter Daten mehr, sondern Du hast es zu einem wohlsortierten Archiv gemacht. Noch dazu dieser Anspruch: "Don't be evil" - sei nicht böse; das war am Anfang Dein Leitspruch; Erinnerst Du Dich überhaupt noch?
Heute weiß ich: Du bist auch nicht besser als all die anderen. Du willst, nein Du musst Geld verdienen. Am besten jeden Tag ein bisschen mehr – sonst bekommst Du Ärger mit Deinen Aktionären. Und was zähle ich da noch?
Du sagst, das geplante Gesetz zum Leistungsschutzrecht wird dafür sorgen, dass ich in Zukunft nicht mehr das finde, was ich suche. Du sagst: Es ist mein Netz und ich soll es verteidigen.


Google, Du spinnst!
Dir geht es nur ums Geld. Am Anfang hab ich ja gar nicht so richtig verstanden, wie Dein Geschäftsmodell funktioniert, aber inzwischen hab ich Dich durchschaut. Du nimmst alles an Daten, was ohnehin im Internet vorhanden sind, packst es in Deine große Datenbank und präsentierst mir die Sachen so, dass ich etwas damit anfangen kann. Deshalb bist Du meine erste Anlaufstelle im Netz – und nur deshalb lass ich mir von Dir auch Werbung unterjubeln. Werbung, die Dir Milliarden Dollar einbringt, jedes Jahr mehr.
Warum sollte ich darüber meckern? Du hast doch immer alle glücklich gemacht. Wer eine Seite im Internet hat, der will ja auch gefunden werden. Alle Betreiber von Internetseiten fanden es toll, wenn sie in Deiner großen Datenbank aufgetaucht sind. Obwohl: den Verlegern, die jetzt hinter dem Gesetz zum Leistungsschutzrecht stehen, ist das Ganze schon lange ein bisschen suspekt. Sie mögen es, wenn mit Deiner Hilfe mehr Besucher auf die Internetseiten ihrer Zeitung kommen – aber sie hassen es, dass viele Besucher gar nicht erst vorbei kommen – weil sie alles Interessante direkt bei Dir finden, in Deinem Nachrichten-Bereich.
Nun red doch nicht drum herum: Du schmückst Dich mit fremden Federn. Findest Du nicht auch, dass es eigentlich fair wäre, dafür zu bezahlen? Oder lass die Finger von den Artikeln der Zeitungen – schick mich direkt auf deren Internetseite.


Ich bin kein Fan des neuen Gesetzes, das nicht.

Da sind viele Dinge viel zu schwammig formuliert, es wird viele Unsicherheiten, Probleme und am Ende jede Menge unnötiger Gerichtsprozesse geben. Dass die Bundesregierung sich dieses Gesetz noch mal vorknöpft, das wäre gut. Du bist ja auch nicht der einzige, der Bedenken bei diesem Gesetz hat.
Aber tu bitte nicht so, als ginge es hier um die Freiheit des Internets. Und wenn, dann kann ich Dir nur sagen: Diese Freiheit wird auch ohne Dich weiterleben. Es gibt andere Suchmaschinen: Sie sind vielleicht nicht so schnell oder bieten nicht den schlichten Charme, der mich zu dir getrieben hat. Aber ich werde sie finden, auch ohne Dich. Ich will nicht gehen – aber vielleicht ist es irgendwann an der Zeit. Und wie schnell das gehen kann, das weißt Du selbst am besten. Ich hab es in der Hand – oder besser gesagt im Finger.

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