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Zwischen 2000 und 2006 wurde in deutschen Großstädten eine Mordserie an Unternehmern mit Migrationshintergrund verübt. Erst Ende 2011 wurde jedoch der rechtsradikale Hintergrund deutlich. Jahrelang wurden die Morde als mafiöse Taten abgetan, Schlampereien bei den Ermittlungen und Kommunikationspannen beim Verfassungsschutz hatten dazu geführt. Jetzt wurden in aller Eile U-Ausschüsse, Arbeitsgruppen und Gedenktage organisiert, um das Versäumte aufzuarbeiten - aber was ist eigentlich mit den Opfern und den Hinterbliebenen passiert?
Redaktion:
Dirk Müller
Das Manuskript zum Beitrag
Geschäftiges Treiben in einem Import-Export-Laden auf der Keupstraße in Köln-Mülheim. Gökcer Sagdic steht zwischen Teekannen, Wasserpfeifen und Tischdecken und plaudert mit Kunden. Die Atmosphäre wirkt locker, doch das täuscht. Auch fast acht Jahre danach ist der Bombenanschlag vom Sommer 2004 noch immer allgegenwärtig.
„Zum Glück ist bei uns keiner verletzt gewesen. Viele Sachen sind kaputt gegangen, auch im Schaufenster. Drei bis vier Monate kamen keine Leute hier rein wegen des Anschlags. Die hatten Angst, dass es noch mal passieren wird. Das ist immer noch so. Viel Kunden kommen rein, wir machen unser Geschäft. Aber es ist nicht mehr wie früher.“
Schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite explodierte damals die auf einem Fahrrad montierte Bombe und schleuderte dutzende Nägel in alle Richtungen. 90 davon haben alleine das Schaufenster des Import-Export-Ladens durchschlagen. Zu den 15.000 Euro Sachschaden samt Verdienstausfall kam anfangs auch noch der Verdacht hinzu, Gökcer Sagdic könne einer der Täter sein.
„Ich war zu Hause damals beim Essen. Da kam die Polizei herein und sagte ,Du bist auch dabei!’. Aber der Typ war 1,90 fast und ich bin nur 1,75. Zum Glück habe ich schwarze Haare und der war blond.“
Heute kann er darüber lächeln. Aber dass die Ermittler lange vermuteten, der Anschlag könne auf Schutzgeld-Erpressung oder Streitigkeiten im Rotlicht-Milieu zurückgehen, war für viele ein zusätzlicher Schock.
„Das war für uns alle noch schlimmer. Weil wie kann so etwas vermutet werden? Dass wir unter uns eine Rechnung begleichen wollten? Das war noch das Schlimmste.“
Auch Mitat Özdemir kann sich noch gut an die Zeit nach dem Anschlag erinnern. Er ist Vorsitzender der Interessengemeinschaft Keupstraße, seine Frau betreibt hier seit 15 Jahren einen Kiosk. Özdemir kennt die Läden, ihre Besitzer und weiß, was die Menschen in der Keupstraße von der Gedenkfeier halten.
„Die eine Hälfte sagt, ,es interessiert mich nicht’. Die andere Hälfte sagt ,es bringt nichts’ oder ,mal sehen’. Keiner ist dabei, der sagt ,da ist eine Veranstaltung – jetzt ändert sich was’. Das ist nicht der Fall.“
Seit fast 30 Jahren lebt er nun in hier. In all den Jahren habe sich viel zum Positiven verändert: Deutschland sei offener und liberaler geworden – bis zum Anschlag.
„Sowas, das ist ein Schock. Ein tiefer Schock. War ich naiv? Habe ich die Sache falsch gesehen? Also da zweifelt man.“
Als im November bekannt wurde, dass womöglich rechtsextreme Terroristen für den Anschlag verantwortlich sind, war das Interesse von Politik und Medien groß. Es wurde viel geredet, erklärt, versprochen. Geändert hat sich bislang wenig.
„Da kamen Politiker und sagten ,tut uns leid, wir haben Euch Unrecht getan`. Das ist nicht genug. Es wird nichts gemacht momentan, es ist alles ruhig. Es müssen jetzt Taten her. Das können nur Gesetze machen. Regierung, Opposition – alle müssen mitziehen. “
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