Manfred Ommer - Das Attentat von München 1972

Morgenecho
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Aus Solidarität die Koffer gepackt

Das Attentat von München 1972

Von Simone Maurer

Für den Sprinter Manfred Ommer war im Stadion die Welt in Ordnung. Bis zu jenem 5. September 1972. Am elften Tag der Olympischen Spiele in München verliert alles seinen Sinn. Nach der Bluttat an elf israelischen Sportlern packt er die Koffer und reist ab.


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Interview mit Manfred Ommer: Erinnerungen an Olympia 1972 [Morgenecho]


Porträt Manfred Ommer; Rechte: Simone Maurer
Reiste ab: Manfred Ommer

Manfred Ommer versteckt die Hände unter dem massiven Tisch in seinem Büro und rutscht unruhig auf die Stuhlkante, so als würde er sich auf den Start vorbereiten. "Ich gelte als nicht so sensibel, aber diese ganzen Umstände im olympischen Dorf damals, das war einfach nur schockierend", sagt der 61-jährige Unternehmer, der Hotels und Rennpferde besitzt, der einen der längsten Immobilien-Prozesse der deutschen Geschichte führte und der zugibt, Anabolika genommen zu haben.

Der 200-Meter-Europameister von 1974 liebt es provokant, als Enfant terrible der Leichtathletik, später auch als Präsident des ehemaligen Fußball-Bundesligisten FC Homburg und als Geschäftsmann. Gegenwind bereitet ihm nie Probleme. Das Attentat von München 1972 aber wühlt ihn auf, auch jetzt noch nach 40 Jahren.


Jung, wild und schnell

Sprinter Manfred Ommer bei der Leichtathletik EM 1976 in Rom; Rechte: picture-alliance/dpa
Enfant terrible der Leichtathletik

Manfred Ommer ist damals 21 Jahren alt. Er ist jung, wild und vor allem schnell. Wenige Wochen vor den Spielen gewinnt er der bei den Deutschen Meisterschaften in München die Titel über 100 Meter und 200 Meter. In der Staffel wechselt keiner besser als er. Der junge Sprinter vom TSV Bayer Leverkusen wohnt in jenen unbeschwerten Tagen im olympischen Dorf unweit der Connollystraße 31. "Die Atmosphäre war toll, auch im Dorf", erinnert sich Ommer. Doch der Jubel wird in der Nacht vom Grauen erstickt.


Das Ende der heiteren Spiele

Zwei Männer mit einer Maske über dem Kopf stehen auf dem Balkon (Montage aus zwei Bildern); Rechte: picture-allinace/dpa
Die Terroristen zeigen sich öffentlich auf dem Balkon

Am frühen Morgen des 5. September 1972 steigen palästinensische Terroristen über den Zaun des kaum gesicherten olympischen Dorfs und dringen in das Wohnhaus in der Connollystraße 31 ein. Sie erschießen zwei Mitglieder des israelischen Teams, neun weitere werden festgehalten. Das Kommando "Schwarzer September" fordert von Israel die Freilassung von 200 gefangenen Palästinensern und den freien Abzug mit den Geiseln.


Verhandlungen vor laufender Kamera

Ein arabischer Terrorist (r.) mit Hut verhandelt mit einer Gruppe von Männern; Rechte: dpa
"Isaa", der Anführer der Terroristen verhandelt mit Politikern

Manfred Ommer sitzt an jenem Morgen in seinem Zimmer und bekommt den Aufruhr im Dorf mit. Schnell ist für ihn klar, es gibt Geiseln und bereits Tote. "Man wusste, da ist ja keine Kleinigkeit im Gange. Der Anführer trat immer raus auf den Balkon und redete. Der genoss seinen Auftritt, ständig waren die Kameras auf ihn gerichtet", erinnert sich der Mann aus Bergisch-Gladbach. Der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) bietet sich zum Austausch gegen die Geiseln an. Ohne Erfolg. Der Nervenkrieg geht weiter und die Terroristen stellen weitere Ultimaten.

Video: Vom Traum zum Terror – München 72 [DasErste.de]


Rettungsaktion endet im Blutbad

Ein ausgebrannter Hubschrauber; Rechte: dpa
Der ausgebrannte Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes

Abends fliegen die Terroristen mit ihren Geiseln dann in zwei Hubschraubern zum Militärflughafen Fürstenfeldbruck. Die Polizei eröffnet bei der Befreiungsaktion das Feuer, die Terroristen schießen zurück und zünden eine Handgranate. Alle neun Geiseln, fünf Terroristen und ein Münchener Polizist werden getötet, drei Terroristen werden verletzt und überwältigt.

"Ich vergesse das nie, wie der Regierungssprecher Conny Ahlers nachts um ein Uhr sagte, alle leben und alle sind gerettet. Und dann wirst Du wach und es heißt: Alle sind tot. Das war für mich ganz, ganz entsetzlich", erzählt Manfred Ommer. Klar dürfe man Terroristen nicht nachgeben, aber die Art und Weise wie man damit umgegangen sei, schockiert ihn bis heute. Die jüngsten Recherchen des Nachrichtenmagazins Spiegel zeigten, dass das Münchener Attentat nicht unvorhersehbar war, bestätigten nur, den Eindruck von damals: "Die Verantwortlichen haben absolut nichts draufgehabt, sie wussten überhaupt nicht, wie sie damit umgehen sollte."

Behörden sollen versagt haben [tagesschau.de, 22.07.2012]


Abschied von der heilen Welt des Sports

Schlagzeilen in verschiedenen Zeitungen; Rechte: picture-alliance/dpa
Mit einem Schlag waren die heiteren Spiele vorbei

Der Traum von den heiteren, unbeschwerten Spielen, als Gegenentwurf zu den Nazi-Spielen von 1936, zerplatzt. Die Spiele werden unterbrochen - aber nicht beendet. IOC-Präsident Avery Brundage spricht bei der Trauerfeier im Olympiastadion den berühmt gewordenen Satz: "The Games must go on!" Während die meisten Athleten zum Tagesgeschäft übergehen, schlägt Manfred Ommer als einziger deutscher Athlet nach der Trauerfeier einen anderen Weg ein. Der Einzelgänger mit den langen Haaren und dem roten Stirnband räumt den Kleiderschrank aus, reist ab und verzichtet auf dem Start in der 4 x 100-Meter-Staffel.


Funktionäre zeigen kein Verständnis

Nur wenige der Funktionäre zeigen dafür Verständnis. Die Sporthilfe wird ihm gestrichen. Im Fernsehen sieht er wenige Tage später, wie seine Kollegen die Bronzemedaille gewinnen. Was ihm bleibt, sind zwei Briefe von Bundeskanzler Willy Brandt und der Politikerin Hildegard Hamm-Brücher (FDP), die seine Entscheidung begrüßen. "Bei dieser Sache wohnen immer zwei Seelen in meiner Brust. Heute würde ich sagen, ich nehme lieber die Medaille mit. So war es aber nun mal damals und zu seinen Entscheidungen muss man stehen", sagt Ommer, dem bis heute Leistung wichtig ist, der sich nicht gerne unterordnet, nie aufgibt und nicht vergisst.


Bilder die man nicht vergisst

Ein bewaffneter Mann steht in einem Trainingsanzug auf einem Gebäude; Rechte: WDR/dpa/A0060 Horst Ossinger/fgr016
Die Polizei war hoffnungslos überfordert

"Issa", der Anführer mit dem weißen Hut, der mit Politikern und Funktionären verhandelte, seine vermummten Komplizen auf dem Balkon der israelischen Unterkunft, überforderte Scharfschützen in Trainingsanzügen, die auf dem Dach in Stellung gehen, ein ausgebrannter Hubschrauber und die Särge mit den israelischen Flaggen, das sind Bilder, die Ommer bis heute nicht vergessen hat. "Wenn ich sehe wie Ankie Spitzer, die Witwe des ermordeten Fechttrainers Andre Spitzer, gegen das Vergessen kämpft, muss ich sagen, so schofelig, wie wir uns da verhalten haben und so dilettantisch und so arrogant, das ist nicht in Ordnung.“


Nichts ist vergessen

Eine Gedenktafel erinnert heute vor dem Haus an die Opfer; Rechte: WDR
Eine Gedenktafel erinnert heute vor dem Haus an die Opfer

Für gewöhnlich laufen Sprinter so schnell wie möglich geradeaus und denken nicht daran umzukehren oder gar zurückzublicken. Eine Eigenschaft, die Manfred Ommer nach dem Ende seiner Karriere 1975 auch für seine Berufsleben verinnerlichte. Mit einer Ausnahme: Am 5. September hängt er in der Vergangenheit fest. Was er am Jahrestag tun wird? Nichts Besonderes. Er wird zur Arbeit in sein Büro in der Nähe des Kölner Rheinufers fahren, hinter seinem großen Schreibtisch Platz nehmen und seinen Geschäften nachgehen und abends den Geburtstag seines Patenkindes feiern. Die Erinnerung kommt jedes Jahr ganz von allein.



Stand: 05.09.2012



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