Democrats Abroad

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Weil jede Stimme zählt

Die "Democrats Abroad" auf Stimmenfang in Deutschland

Von Annika Franck

Der Präsidentschaftswahlkampf in den USA ist in vollem Gange: Im November wird sich entscheiden, ob Barack Obama im Amt bleiben wird. Doch während im Umkreis der Parteitage von Republikanern und Demokraten beinahe Hysterie herrscht, bleiben viele Amerikaner in NRW ruhig. Wie die "Democrats Abroad". WDR 5 hat sie bei einem Treffen in Neuss besucht.


Porträt Bill Purcell; Rechte: WDR/Franck
Überzeugter Demokrat: Bill Purcell

Ein ruhiger Spätsommersonntag in einer Neubausiedlung am Rande von Neuss. Nur ein kleines Poster, rot mit blauem Stern, verrät, dass man hier heute über den Tellerrand, oder besser, über den Atlantik, schaut. Hier treffen sich die "Democrats Abroad", also die Anhänger von Barack Obamas Partei im Ausland. Sie treffen sich zum BBQ, zum Grillen, im Garten von Bill Purcell. Purcell ist Vorsitzender der "Democrats Abroad" in NRW. Für das Treffen hat er Haus und Garten dekoriert: Die Fenster im ersten Stock sind mit großen US-Flaggen verdeckt, rot-weiß-blaue Girlanden schmücken die Wände im Wohnzimmer, er selbst trägt ein T-Shirt mit "OBAMA" auf dem Rücken, auf den Sticker an seiner linken Schulter hat er "Bill for Obama" drucken lassen. Schließlich geht es um etwas. Es geht um die Wiederwahl des Mannes, der seinen Landsleuten vor vier Jahren "Change", Veränderungen, versprochen hat. Der zunächst frenetisch bejubelt wurde und dessen Stern zuletzt zu verblassen schien.


Ist Clint Eastwood senil?

Der Abend beginnt mit Small Talk. Man unterhält sich über den Parteitag der Republikaner, auf dem vor wenigen Tagen Romney als Präsidentschaftskandidat offiziell nominiert wurde. Von dem großen Tamtam des republikanischen Nominierungsparteitages ist nichts zu spüren. Aus Gesprächsfetzen schnappt man das Wort "senil" im Zusammenhang mit dem Auftritt von Hollywood-Legende Clint Eastwood bei der Kür des Kandidaten der Gegenseite auf.



Keine Spur von Wahlkampf-Hysterie

Menschen beim Grillen im Garten; Rechte: WDR/Franck
Gelassenheit und Zuversicht strömen die Demokraten in NRW aus.

Im Gegensatz zur Hysterie rund um amerikanische Parteitage herrscht hier, in der suburbanen Idylle, Ruhe und Gelassenheit. Die rund 35 Amerikaner, die sich an diesem Abend im Reihenhausgarten von Bill Purcell zusammengefunden haben, kennen sich nicht gut. Aber eines eint sie: Die Sympathie für Obama. Die Ablehnung des Republikaners Mitt Romney. Und die Zuversicht, dass auch der nächste Präsident der USA Barack Obama heißen wird.



Vertrauen in Obama

Porträt Marc Emory mit seiner deutschen Frau; Rechte: WDR/Franck
Marc Emory warnt vor Wahlbetrug der Republikaner

Das Mäkeln an Obamas Politik können Ingeborg und Robert Thistle nicht nachvollziehen: "Eine gesetzliche Krankenversicherung gab es in Amerika noch nie", betont Robert. "Der macht sein Ding, und das finde ich so toll", fügt Ehefrau Ingeborg hinzu. "Ich habe solches Vertrauen in ihn!" Thomas Grinwald aus Aachen erwartet ein enges Rennen der beiden Kandidaten: "Viele Menschen in den USA denken, dass Obama die USA in einen sozialistischen Staat verwandeln wird. Und dass er die Eigeninitiative der Menschen unterbinden will. Das glauben leider auch Teile meiner Familie in den USA. Aber das stimmt natürlich nicht."

Marc Emory sieht die Demokraten klar vorne – schränkt aber ein, dass die Republikaner ungerechte Kampagnen nutzen, um sich Stimmenvorteile zu verschaffen. "In vielen Staaten fordern die Republikaner, dass man mindestens zwei Ausweise mit Foto vorlegen muss, um wählen gehen zu dürfen. Solche Ausweise besitzen beispielsweise ärmere Menschen in Großstädten gar nicht. Und sie haben auch kein Geld, sich diese Ausweise zu besorgen." Auch ältere und kranke Menschen könnten so in vielen Fällen nicht mehr wählen gehen. Eine Ausweispflicht - wie in Deutschland – gibt es in den USA nicht. Und einige Gerichte, bemängelt Emory, gäben den Republikanern sogar Recht. "Die Republikaner versuchen nicht einmal, diesen Wahlbetrug zu verschleiern", empört sich Emory.


Überzeugte Demokraten

Porträt George Reinhard; Rechte: WDR/Franck
Ein bisschen Cowboy-Look: George Reinhard

Dann geht's ans Essen. Der Grill hat – eigentlich ziemlich unamerikanisch - eine ganz normale Größe, auf dem Rost liegen Hähnchenfleisch und Würste. Amerikanisch ist vor allem das scharfe Corn Bread, das Maisbrot, eine Spezialität aus dem Süden der USA. Als eher typisch amerikanisch würde George Reinhard durchgehen, er kommt beinah wie ein Cowboy daher: Reinhard trägt einen Bolotie, die typische Cowboy-Krawatte, die Spitzen seines Hemdes sind silbern eingefasst. Eine kleine amerikanische Flagge ziert die Brusttasche seines Jeanshemdes. "Ich bin seit 1968 registrierter Demokrat", sagt der Mönchengladbacher, der ursprünglich aus Nevada stammt, ein bisschen stolz. Wären die "Democrats" jetzt gerne in den USA?

Monica Schulte, die seit 13 Jahren in Düsseldorf lebt, nicht. "Ich komme aus Ohio, das ist ein sehr wichtiger Bundesstaat bei Wahlen." Da gebe es in jeder Werbepause im Fernsehen mehrere Spots der Parteien. "Das will man irgendwann nicht mehr sehen", sagt sie, "vor allem weil es sich meist um verbale Hiebe in Richtung des Gegenkandidaten handelt."


Porträt Monica Schulte; Rechte: WDR/Franck
Monica Schulte hält Obama grundsätzlich für konsequent

Schulte hält Obama für ziemlich konsequent, aber er habe den Kongress gegen sich. "Wenn man sich das anschaut, hat er doch ziemlich viel geschafft", meint Schulte. Auch wenn sie nicht alles toll findet, was Obama in den letzten vier Jahren gemacht hat. "Ich hätte mir schon gewünscht, dass Obama seine Versprechen, Guantanamo zu schließen, in die Tat umsetzt", sagt Schulte. "Aber wer weiß, vielleicht hat er Informationen, von denen wir gar nichts wissen", fügt sie hinzu. 


Kleine Wählerkunde zum Nachtisch

Becher mit der Aufschrift 'My Vote Counts!'; Rechte: WDR/Franck
Alle Kräfte sollen mobilisiert werden

Nach dem Essen gibt es dann noch einen kleinen offiziellen Teil: Mit Beamer und Broschüren erklärt Bill Purcell in seinem Wohnzimmer das Prozedere für die Präsidentschaftswahl aus dem Ausland. Wie das geht? "Man muss sich registrieren, das geht bei mir oder online." Dann werden die Wahlunterlagen in die USA geschickt und man ist registriert. Im Oktober erhalten die Wähler dann die Briefwahlunterlagen aus ihrem Heimatland. "Das ist eigentlich sehr einfach, aber im normalen Alltag geht das manchmal unter", sagt Purcell. Daher schreibt er Rundmails und telefoniert, um die "Democrats" daran zu erinnern. Denn schließlich geht es darum, wer im November Präsident der USA und mächtigster Mann der Welt wird.


Vorsichtige Zuversicht

Marc Emory und Barack Obama; Rechte: Marc Emory/privat
Marc Emory traf Präsident Obama

Purcell will möglichst viele seiner Landsleute zur Wahl bewegen. "Romney hat sooo viel Geld für den Wahlkampf", stöhnt Purcell. Und das bereitet seinen Unterstützern Sorgen. Vor kurzem war Marc Emory als Vertreter der "Democrats Abroad" in Washington und hat auch Obama getroffen. "Die Stimmung war zuversichtlich, aber vorsichtig", erzählt er. "Vor allem weil wir spätestens seit dem Wahlkampf 2000 wissen, dass Wahlbetrug in unserem Land ein Thema ist." Daher gilt, was die Amerikaner an diesem Sonntag in Neuss zusammengebracht hat: Jede Stimme zählt. 



Stand: 05.09.2012



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