Porträt Mario Draghi - Der Kanzler von Europa?
Der Kanzler von Europa?
EZB-Präsident Mario Draghi zu Gast im Bundestag
Von Martina Züger
Im November ist EZB-Präsident Mario Draghi ein Jahr im Amt. Mittlerweile misstrauen ihm 42 Prozent der Deutschen – weil die EZB massenhaft Anleihen notleidender Eurostaaten kaufen will. Spielt sich Mario Draghi zum Kanzler Europas auf? Ein Porträt.

- EZB wird zum Player in der Euro-Zone
Der Gegensatz zwischen Redestil und Gesagtem könnte am 6. September 2012 größer nicht sein. Ruhig, präzise und und nüchtern verkündet Mario Draghi den Journalisten eine Sensation: Die Europäische Zentralbank (EZB) wird künftig in großem Stil Anleihen notleidender Eurostaaten aufkaufen. Übrigens gegen den Willen der Deutschen Bundesbank. Es ist eine Zäsur in der Geschichte der EZB, mit der Draghi wohl in die Geschichtsbücher eingehen wird.
Die EZB darf nämlich keine Staaten direkt finanzieren. Deswegen kauft sie die Anleihen auch nicht von den Regierungen, sondern im Handel. Unter Mario Draghi, 65, wird die Europäische Zentralbank zum entscheidenden Player in der Euro-Zone: Die Zukunft des Euro hängt nicht mehr von den Beschlüssen der Politiker in Paris oder Berlin ab, sondern von der Druckerpresse der Notenbanker, finden Beobachter. Sie sind die Einzigen, die kurzfristig frisches Geld einbringen können. Mit den Anleihen wollen die Banker um Draghi die hohen Zinsen im Süden Europas drücken, die der Wirtschaft das Leben schwer machen. Und die Deutschen fürchten Inflation und nachlassende Haushaltsdisziplin.
"Mister EZB" - Ein Porträt über Mario Draghi von Jan Plate
"Nicht zu handeln wäre noch viel riskanter"
Schon werfen Journalisten und Politiker Draghi vor, er spiele sich zum Kanzler von Europa auf. Es sei auffällig, dass Draghi immer dann aktiv werde, "wenn es in Italien mal wieder eng wird", sagt CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. Draghi dagegen rechtfertigt die Rolle der EZB: "Alle Mitgliedsstaaten zusammen müssen die Wirtschafts- und Währungsunion vollenden. Und wir, bei der EZB, werden mit unabhängiger Geldpolitik Preisstabilität sichern. … Nicht zu handeln wäre unserer Einschätzung nach noch viel riskanter."
Als Zentralbanker zur Welt gekommen
Italiens ehemaliger Ministerpräsident Romano Prodi soll einmal gesagt haben, Draghi sei schon als Zentralbanker zur Welt gekommen. Tatsächlich wird er als Sohn eines hohen Notenbankangestellten und einer Apothekerin am 3. September 1947 in Rom geboren. Als er 15 Jahre alt ist, verliert er den Vater, kurze Zeit später die Mutter. Draghi verlässt Italien früh: Promotion beim renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA, sechs Jahre Exekutivdirektor bei der Weltbank in Washington, drei Jahre Manager des Europageschäfts der Investmentbank Goldman Sachs in London.
Ruhiger, höflicher Student - kein Partygänger

- Mario Draghi meidet mondäne Orte
Weggefährten beschreiben ihn als ruhigen, nachdenklichen Mann. Luca di Montezemolo, Mitschüler an der exklusiven Jesuitenschule in Rom und heute Mitglied des Ferrari- und Fiat-Verwaltungsrats, sagt, Draghi sei stets der Ernsthafteste und Beste der Klasse gewesen. Sein Ökonomie-Studium schließt er mit Bestnote ab. "Mario war kein Partygänger, sondern ein ruhiger, extrem höflicher junger Mann und ein sehr guter Student", erinnert sich auch Robert Solow, Wirtschaftsnobelpreisträger und Lehrer am MIT, wo Draghi promoviert wird. Auch als erfolgreicher Bankenmanager meidet er mondäne Orte und Edelrestaurants. Er zieht die Einsamkeit der Berge vor - klettert, wandert, spielt Golf. Der Beruf des Politikers interessiert ihn nicht. "Weil man am besten die Dinge tut, die man gerne tun möchte", so Draghi, der verheiratet ist und Vater zweier Kinder.
"Deutschland ist ein Vorbild"

- EZB folgt Deutscher Bundesbank
Nach fünf Jahren als Chef der italienischen Notenbank Banca d'Italia tritt er am 1. November 2011 das Amt des Präsidenten der Europäischen Zentralbank an. "Doch bitte nicht dieser Italiener" schrieb eine Boulevard-Zeitung. "Bei den Italienern gehört Inflation zum Leben wie Tomatensoße zur Pasta." Prompt senkt Draghi gleich zu Beginn seiner Amtszeit zwei Mal die Zinsen auf einen historischen Tiefstand.
Doch längst vor seiner Zeit bei der EZB gilt er als hart arbeitender, scharfer Analytiker und fähiger Krisenmanager, der großen Wert auf Haushaltsdisziplin legt. Bei ersten Auftritten als EZB-Präsident beweist er, dass er den stabilitätsorientierten Weg in der Tradition der Deutschen Bundesbank fortsetzen wird - mehr noch als es manche Beobachter vermutet hätten. Im März diesen Jahres lässt er sich von einer Boulevardzeitung mit Pickelhaube in der Hand abbilden, lobt preußische Tugenden wie Sparsamkeit und Disziplin und sagt: "Deutschland ist ein Vorbild."
"Nachvollziehbar und transparent"
Analysten und Journalisten loben seine klare, präzise Sprache. Wo Vorgänger Jean-Claude Trichet gern umständlich und undurchsichtig formulierte, sage Draghi deutlich, was er will und denkt. "Seine Erklärungen vor der Presse im Anschluss an die Ratssitzungen sind nüchtern, durch und durch ökonomisch und dabei äußerst nachvollziehbar und transparent", schreibt eine Wirtschaftsjournalistin der Neuen Zürcher Zeitung.
Draghi: Der Euro ist unumkehrbar

- Draghi bewegt die Kapitalmärkte
Gleichzeitig will Draghi der Euro-Zone pragmatisch aus der Krise helfen. Bereits eine Ankündigung hat die Kapitalmärkte bewegt, wie es selten einem einzelnen Menschen gelungen ist: "Die EZB ist bereit, zu tun, was immer nötig ist, um den Euro zu erhalten. Glauben Sie mir, das wird ausreichen", sagt Draghi am 26. Juli 2012 auf der Global Investment Conference in London. Und im September fügt er in einem Gespräch hinzu: "Investoren brauchen eine langfristige Vision, denn sie investieren langfristig Geld. Für sie ist es sehr wichtig zu wissen, dass unsere Regierungen und Parlamente entschieden haben, dass der Euro unumkehrbar ist."
Deutsche misstrauen Draghi

- Draghi: "I am what I am."
Er hält am Kurs fest – auch gegen den Widerstand des Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann. "I am what I am", zitiert er einen Song der Sängerin Gloria Gaynor beim Pressetermin am 6. September. Bis auf Weidmann stimmten alle Mitglieder des Zentralbankrats – das sechsköpfige Direktorium und die Präsidenten von 16 europäischen Zentralbanken – für die Anleihenkäufe.
Dafür misstrauen ihm laut einer "Stern"-Umfrage nun 42 Prozent der Deutschen. "Das erschwert unsere Arbeit, ich muss mehr tun, um unsere Maßnahmen zu erklären", sagt Draghi Mitte September in einem Interview und bot eine Fragestunde im Deutschen Bundestag an. Beobachter, die ihn kürzlich getroffen haben, schreiben, man merke ihm den Stress der letzten Wochen kaum an.
Ein Mann von preußischem Format [tagesschau.de, 01.11.2012]
EZB darf unbegrenzt Staatsanleihen kaufen [tagesschau.de, 06.09.2012]
Verzögerter "Draghi-Effekt" an den Börsen [boerse.ARD.de, 06.09.2012]
Dossier: Wie geht es mit dem Euro weiter? [tagesschau.de]
Stand: 24.10.2012





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