Donnerstag, 24.05.2012

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Die Macht der Spindoktoren

Personen an einem Konferenztisch; Rechte: dpa/Simon
Morgenecho-Serie vom 14. bis 18. Juni 2011

Politik im Hinterzimmer

Die Macht der Spindoktoren

Von Marc Heydenreich

Sie sind die graue Eminenz im Hintergrund, die Hexenmeister der Politik. Wenn sie gut sind, produzieren sie geniale Ideen und verzerren die politische Debatte. Sie ziehen Strippen und manipulieren die Menschen: so genannte Spindoktoren verfolgen Politiker in jeder Minute. Sind sie ein journalistisches Hirngespinst oder ein eigener Berufszweig? Wie arbeiten Spindoktoren wirklich?


Im Prinzip hat jeder Politiker aus der ersten Reihe seinen Spindoktor und damit den Berater seines Vertrauens. Besonders erfolgreich gilt der Spindoktor, wenn er aus seinem Schützling einen Star der Politik macht. Im Idealfall eine Person, der die Menschen vertrauen - und die sie am Ende natürlich auch gerne wählen.



Experten schätzen, dass die erste Reihe der Politiker, also Minister und Vorsitzende aus Fraktion und Partei, mittlerweile jeder einen persönlichen Spindoktor haben. Einen Königsweg um Spindoktor zu werden gibt es dabei aber nicht. Wichtig sind vor allem ein Gespür für das Volk und unzählige Kontakte in den Journalismus.


Große Namen, große Slogans

Karl-Theodor zu Guttenberg; Rechte: dpa
"Gespinte" Glaubwürdigkeit

Berühmte Spindoktoren gibt es einige. Alastair Campbell zum Beispiel, der sich in Großbritannien um das Image von Tony Blair kümmerte. Oder David Axelrodt, der dem US-Präsidenten Barack Obama mit dem Slogan „Yes we can“ zum Sieg verhalf. Aber auch in Deutschland wird schon länger gesponnen: Der Bundestagswahlkampf Gerhard Schröder gegen Edmund Stoiber kann als Geburtsstunde der deutschen Spindoktoren gesehen werden. Zum ersten Mal waren zwei Männer aus dem Hintergrund interessant. Auf Seiten der Union sollte Politikberater Michael Spreng aus dem Bürokraten Edmund Stoiber einen dynamischen und menschlichen Kanzler „spinnen“. Und auf Seiten der SPD versuchte Spindoktor Matthias Machnig aus dem Lebemann Gerhard Schröder einen wirtschaftskompetenten und modernen Sozialdemokraten zu formen…


Guttenberg galt als aufrichtig

Ein besonders gutes Beispiel für einen „gespinten“ Politiker war Karl-Theodor zu Guttenberg. Als Bundeswirtschaftsminister und Minister für Verteidigung lieferte zu Guttenberg rückblickend eher durchschnittliche Politik ab. In der Öffentlichkeit umgab ihn aber der Glanz eines Politikers, der durchsetzungsstark, aufrichtig, weltoffen und dynamisch daherkommt. Selbst nach der Plagiatsaffäre gibt es noch unzählige Anhänger, die glauben, zu Guttenberg sei ein ganz besonders glaubwürdiger Typus eines Politikers gewesen. Dieser Fall zeigt: Ein von der Masse gefühltes Image ist mit Fakten nur schwer zu widerlegen.

Doch Vorsicht: Nicht alles lässt sich spinnen. Das Beispiel zu Guttenberg zeigt, dass ein falscher Spin einem Politiker auch schnell auf die Füße fallen kann. Dann nämlich, wenn ein Politiker die kommunizierten Tugenden augenscheinlich nicht besitzt. Deshalb ist es auch erste Pflicht eines Politikers seinem Spindoktoren alle dunklen Geheimnisse seiner bisherigen Existenz zu erzählen.


Psychologie der Massen

Jeder Mensch hat eine Meinung zu den Politikern, die er ständig im Fernsehen sieht. Er glaubt sie sogar wirklich zu kennen. Angela Merkel wirkt sehr nüchtern, Ursula von der Leyen zielstrebig und makellos, Guido Westerwelle gilt als verbissen und Jürgen Trittin als arrogant. Ein Spindoktor weiß um diese Beurteilungen - und er will sie steuern. Er weiß, dass ein Urteil gefällt wird und dass ein Politiker aus einer einmal entstandenen „Schublade“ nur schwer wieder heraus kommt. Der amerikanische Sozialwissenschaftler Erving Goffmann spricht in diesem Zusammenhang von den „verkörperten Informationen“, die belegen, warum manche Politiker als sympathisch wahrgenommen werden – und andere eben nicht.


Alles beginnt mit einem Anruf

Männer sitzen beratend um einen Tisch herum; Rechte: dpa/Beyond
Das Image steuern

Oft sind es die kleinen, alltäglichen Geschichten, die die Kunst des „Spinnens“ verdeutlichen. Dieses zum Beispiel aus der FDP: Kürzlich sagte der Bundestagsabgeordnete Jürgen Koppelin (FDP) einer Zeitung, dass viele Mitglieder der FDP-Fraktion so schnell wie möglich einen neuen Vorsitzenden wählen wollen. Im Klartext: Die Fraktion stellte sich gegen ihre eigene Chefin - Birgit Homburger sollte abgewählt werden. Als nun Journalisten versuchten, Frau Homburger zu erreichen, ließ ihr Sprecher schnell verlauten, das alles überrasche Frau Homburger gar nicht: „Sie selbst will schon lange Neu-Wahlen, um klare Verhältnisse zu schaffen.“ Später stand in den Zeitungen: „Aus dem Umfeld der Fraktionsvorsitzenden heißt es, dass Birgit Homburger die vorgezogenen Wahlen für den Fraktionsvorstand selbst vorgeschlagen hat.“ Damit war die Attacke von Jürgen Koppelin deutlich abgeschwächt und Birgit Homburger erstmal aus der Schusslinie. Ihr Sprecher hatte der Meldung einen neuen Dreh – einen neuen Spin – gegeben. Und damit genau das gemacht, wofür er bezahlt wurde: heikle Geschichten und Attacken abschwächen, Fehler vertuschen, positive Meldungen prominent platzieren - und schlechte Phasen besser darstellen als sie sind.


Medienkonkurrenz verschärft das Problem

Durch immer mehr Medienkonkurrenz sind Nachrichten zur Ware geworden. Immer mehr Sendungen und Zeitungen bewerben ihr Format, am besten mit einer Exklusiv-Geschichte. Geschichten werden aufgebauscht: Aus einem Währungsgipfel wird schnell ein „Riesenstreit zwischen Sarkozy und Merkel“, aus einem Parteitag eine „Palast-Revolte“. Doch wenn eine Nachricht über die Pressemitteilung hinausgehen soll, dann braucht der Journalist zusätzliche Informationen.

Und hier finden Spindoktor und Journalist zusammen. Der Spindoktor liefert die Zusatzinformation frei Haus. Er ergänzt den trockenen Stoff der Politik um einen persönlichen Spin, einen Dreh. Und passt dabei aber genau auf, dass der Spin bzw. die Mehrinfo in der Öffentlichkeit seinem Kunden steht - und vor allem, dass sie ihm nützt. Der Spindoktor weiß: Im Dickicht der tausenden Nachrichten eines Tages sind es bei vielen Menschen vor allem die persönlichen Dinge oder ungewöhnliche Foto- und Bildmotive, die hängen bleiben. Und in einem Dschungel aus Schlagzeilen-Jägern ist es für viele Politiker unverzichtbar, wenn er einen an seiner Seite hat: den persönlichen Spindoktor.





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