Folge 11

Collage Porträt Charles Darwin / Rechte: WDR

Charles Darwin (1809 - 1882)


Evo-Solution - Aus Liebe zum Leben

Folge 11 (23.04.2009): Liebe deinen Nächsten für dich selbst


„Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst“ – so steht es in der Bibel. Doch es ist nicht nur ein moralisches Gebot, sondern hat auch evolutionäre Vorteile. Denn nicht immer überlebt der mit den härtesten Ellbogen…


Gemeinsam sind wir stark!

Viele Augen sehen mehr als zwei. Wenn Tiere in Gruppen leben, nehmen sie wegen der Vielzahl der Sinnesorgane Gefahren leichter wahr. Sie können sich gegenseitig warnen. Zudem bietet eine Herde mehr Schutz vor Raubtieren. Auch die Jagd und gegenseitige Pflege kann im Verband erfolgreicher sein. Allerdings hat das Leben in der sozialen Gruppe auch Nachteile: Mehr Tiere brauchen mehr Nahrung. Je knapper die Ressourcen sind, desto eher gibt es Konflikte. Es kommt auch zu Auseinandersetzungen um „Reproduktionspartner“ und den sozialen Rang. Bei Tieren, die in Gruppen leben, findet man sowohl kooperative als auch egoistische Verhaltensweisen. Bienen und Ameisen sind wahre Teamspieler, sie sind sogar bereit, für das große Ganze, die Kolonie, zu sterben. Demgegenüber sind zum Beispiel Bisons und Fische ausgesprochene Egoisten. Sie versuchen, sich immer im Inneren des Schwarms aufzuhalten, um vor Räubern sicher zu sein. Bei all dem sollte man nicht die elementarste Form der Kooperation vergessen, ohne die es keine Fortpflanzung gäbe. In einem Interview mit Leonardo weist der amerikanische Evolutionsbiologe Robert Trivers darauf hin: „Die meisten Lebewesen scheinen ziemlich einsam zu sein – außer in der Zeit der Paarung.“


Mensch: Note mangelhaft

Der Mensch ist ein Mängelwesen. Es mangelt ihm an Fell, an eigenen Angriffsorganen und ausgeprägten Instinkten. Er ist biologisch hochgradig unangepasst und müsste längst ausgestorben sein. Was gab ihm die Macht, zum beherrschenden Wesen dieser Erde zu werden? „Es ist die Gesellschaft, aus der der Mensch seine Macht bezieht. In ihr kann er seinen Verstand verbessern, seinen Geist üben und seine Kräfte vereinen,“ schrieb der Naturforscher Georges Buffon. Die Entwicklung der gemeinsamen Jagd gilt als ein Grundstein des evolutionären Erfolgs des „Homo sapiens“. Der Mensch ist kooperativer als die meisten Lebewesen. Und er hat einige soziale Mechanismen entwickelt, die diese Kooperationsfähigkeit und Willigkeit unterstützen.Wenn Menschen nicht kooperieren wollen, können gesellschaftliche Strategien sie dazu zu bewegen. Eine solche Strategie ist es, ein Verhalten öffentlich zu machen. Zum Beispiel gilt jemand, der Geld spendet, als „hilfsbereiter Mensch“, wenn andere von seiner Spendenbereitschaft erfahren. Umgekehrt wird jemand, der sich nicht kooperativ verhält, möglicherweise das unerwünschte Verhalten einstellen, wenn er fürchten muss, seinen guten Ruf zu verlieren.


Biologischer Altruismus 1: Genetische Gesamtfitness

In der Evolutionsbiologie gilt ein Organismus als fremdnützlich, also altruistisch, wenn sein Verhalten auf eigene Kosten anderen Organismen dient. Genauer gesagt, ein Organismus verhält sich dann altruistisch, wenn er seine Fähigkeit zur Nachkommenschaft reduziert und demgegenüber die Fähigkeit zur Nachkommenschaft bei anderen Organismen erhöht. Aus darwinistischer Sicht ist das Vorkommen altruistischen Verhaltens in der Natur auf den ersten Blick verwirrend. Denn die Theorie der natürliche Selektion besagt ja, dass Pflanzen und Tiere mit einander konkurrieren und sich daher grundsätzlich egoistisch verhalten, also alles tun, um ihre eigene Überlebenschance und ihre eigene Reproduktion zu erhöhen und nicht die anderer. Eine Theorie, die Entstehung von kooperativem Verhalten ohne direkten Eigennutz zu erklären, ist die so genannte Gesamtfitness-Theorie (inclusive fitness). Wenn Tiere Verwandten dabei helfen, ihre Jungen aufzuziehen, sorgen sie dafür, dass ihr eigenes Erbgut weiterverbreitet wird. Je enger Tiere miteinander verwandt sind, desto höher ist die Chance durch Verwandtenhilfe eigene Gene in die nächste Generation weiterzugeben und desto häufiger ist altruistisches Verhalten anzutreffen. Die Theorie der Verwandtenselektion wurde von John Maynard Smith 1964 und William D. Hamilton entwickelt. Sie ist inzwischen vielfach durch empirische Studien bestätigt worden. Bei vielen Vogelarten wird zum Beispiel ein Brutpaar bei der Aufzucht seiner Jungen durch so genannte“Helfer”-Vögel unterstützt, welche das Nest vor Räubern schützen und beim Füttern der Küken helfen. Beobachtungen haben gezeigt, dass diese“Helfer”-Vögel viel eher bereit sind, Verwandten bei der Aufzucht der Brut zu helfen, als unverwandten Brutpaaren.

 


Biologischer Altruismus 2: Gegenseitiger Altruismus

Das in der Natur vorkommende nicht-egoistische Verhalten kann häufig im Sinne der Verwandtenselektion erklärt werden. Es gibt aber auch viele Beispiele, in denen Tiere sich altruistisch gegenüber anderen Tieren verhalten, mit denen sie nicht verwandt sind. Hierfür hat der amerikanische Evolutionsbiologe Robert Trivers 1971 seine Theorie des Reziproken Altruismus entwickelt. Dieser liegt ein einfacher Gedanke zu Grunde: ein Tier ist dann geneigt, sich altruistisch zu verhalten, wenn es für eine Gefälligkeit, die es jetzt einem anderen erweist, in der Zukunft eine Gegengabe erwarten kann. Nach dem Motto“Eine Hand wäscht die andere”. In einem interview mit Leonardo erläutert Trivers das biologische Prinzip der Gegenseitigkeit so: „Wenn man sich häufiger trifft, habe ich die Gelegenheit etwas Gutes für dich zu tun, was mich weniger kostet als es dir nützt. Und natürlich auch umgekehrt. Wenn wir beide so handeln, werden wir beide einen Nutzen haben.“ D.h. auch hier entspringt das altruistische Verhalten letztendlich egoistischen Motiven. Man könnte auch sagen, nur Egoisten, die den eigenen Vorteil im Auge haben, sind zu wirkungsvoller und dauerhafter Kooperation mit nichtverwandten Individuen in der Lage. Wichtig ist dabei festzuhalten, dass gegenseitiger Altruismus nur dann zum Zuge kommen kann, wenn sich die Organismen nicht nur einmal im Leben begegnen, sondern öfter. Nur unter dieser Bedingung kann fest mit der Gegenleistung gerechnet werden und nur so können „Betrüger“ ausgemacht und bestraft werden, die die Wohltaten genießen, aber mit einem eigenen Investment in die Beziehung geizen. Trivers macht das deutlich an Vögeln, die in benachbarten Territorien leben: „Nachbarn profitieren von einer Beziehung, in der beide Seiten den Egoismus unter Kontrolle halten und sich freundschaftlich verhalten: ich werde nicht in dein Gebiet eindringen und du nicht in meins. Und wir sind gute Nachbarn.“


Die Zukunft der Familienbande

Noch vor 10.000 Jahren lebten unsere Vorfahren in Gruppen von bis zu 200 Individuen. Alle waren mehr oder weniger miteinander verwandt. In heutigen Städten, Firmen und Staaten ist das nicht mehr so. Das heisst, die Kooperation muss in Zukunft über den engen Bereich von Verwandtschaft und Bekanntschaft hinausgehen. Werden die Menschen nur auf den eigenen Vorteil bedacht sein? Oder entsteht durch eine globale Bedrohung ein gemeinsames Handeln im Sinne der Arterhaltung?


Literatur

  • Thomas Junker, Die Evolution des Menschen, C.H. Beck Wissen, 2009
  • Thomas Junker / Sabine Paul. Der Darwin Code. Die Evolution erklärt unser Leben, C.H. Beck, 2009

Weitere Informationen im Internet

WDR Wissen: Schwerpunkt zum Darwin-Jahr (wdr.de)





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