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Wir lassen sie verhungern
Die Massenvernichtung in der Dritten Welt
Von Jean Ziegler
C. Bertelsmann Verlag, München, 2012
ISBN 978-3-570-10126-1
320 Seiten
Euro 19,99
Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind auf der Erde. Diese Zahl lässt dem Soziologen und Globalisierungskritiker Jean Ziegler keine Ruhe. Auf seinen Reisen als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung hat Ziegler von 2000 bis 2008 die Realität des Hungers in den Ländern der Dritten Welt kennengelernt. Er hat mit den Vertretern der Ersten Welt über ihre Verantwortung gestritten. Diese Erfahrungen fasst er in seinem neuen Buch zusammen. Die Welternährungsorganisation hat berechnet, dass die Weltlandwirtschaft zur Zeit zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte, fast doppelt so viele, wie derzeit auf der Erde leben. „Insofern ist die Situation alles andere als unabwendbar“, schließt Jean Ziegler, „Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet“.
Finanzkrise verschärft Hungerkrise
Aktuell befeuert die Finanzkrise den Hunger in der Welt. Um die Banken und die Pleitestaaten zu retten, ziehen die westlichen Regierungen Geld aus dem Welternährungsprogramm ab. Das Welternährungsprogramm musste daraufhin seine sehr erfolgreichen Schulspeisungsprogramme in den letzten fünf Jahren um fast die Hälfte zurückfahren. Die direkte Folge ist ein Anstieg der Hungertoten, vor allem unter den Kindern. Es gibt noch einen indirekten Effekt der Finanzkrise. Nachdem sich Spekulationen auf dem Wohnungsmarkt und auf Aktien nicht mehr lohnen, haben die Banker die Agrarbörsen entdeckt. Früher handelten dort Erzeuger und Lebensmittelindustrie. 2011 aber führten nur zwei Prozent der Verträge auch zur Lieferung der Waren, 98 Prozent dienten allein der Spekulation. Die Folge: explodierende Preise für Weizen, Mais und Reis. Gleichzeitig subventionieren EU und USA die Erzeugnisse ihrer Landwirte für den Export und treiben so die Kleinbauern des Südens in den Ruin.
Biosprit verschärft Hungerkrise
Ein weiteres großes Problem sind für Jean Ziegler die Biotreibstoffe. Die USA haben 2011 mehr als ein Drittel ihrer Maisernte zu Benzin umgesetzt. Dieser Mais fehlt nun auf den Weltmärkten. Auch die Länder des Südens setzen auf Energiepflanzen. Das Muster ist überall ähnlich: Landstriche, die die Bevölkerung ernähren konnten, werden großen Konzernen zugesprochen. Die machen Gewinne, aber das Geld fließt zu den Eliten und vor allem außer Landes. Die ehemaligen Kleinbauern hungern in den Slums. Die Korruption ist eine Voraussetzung für diese Entwicklung. In Gang gesetzt wird sie nach Ansicht von Jean Ziegler aber von zehn großen transnationalen Konzernen, die zusammen 85 Prozent der Agrarmärkte kontrollieren. „Ihre Geschäftsmaxime ist die Profitmaximierung“, schreibt der Soziologe, „Ihre Chief Executive Officers bestimmen jeden Tag, wer auf diesem Planeten stirbt und wer lebt“.
Kampfschrift statt Sachbuch
In „Wir lassen sie verhungern“ finden sich überzeugende Argumente. Aber über weite Strecken argumentiert Jean Ziegler nicht, er predigt Überzeugungen. Dabei geht der rote Faden häufig verloren und gerade persönliche Erlebnisse werden nicht lebendig, sondern mit vielen Klischees geschildert. Trotzdem lohnt es sich weiter zu lesen. Immer wieder bekommt man wichtige Einblicke in die Funktion der Agrarmärkte und der internationalen Organisationen.xx Jean Ziegler zeichnet ein düsteres Bild. Trotzdem ist er nicht ohne Hoffnung. Er setzt auf die Bauernverbände, die sich in den Ländern des Südens zur Wehr setzen. Vor allem aber auf die Bürger in den westlichen Ländern: „Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie, keine Entschuldigung für freie Bürger nichts zu tun“. Wenn der Druck groß genug ist, werden die Parlamente Gesetze gegen Nahrungsmittelspekulation, Exportsubventionen oder Biokraftstoffe verabschieden.
Autor/in:
Gespräch mit Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist
Redaktion:
Detlef Reepen




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