Donnerstag, 24.05.2012

Suche im gesamten WDR Web




s

Die Zeichnung "Der Mensch" von Leonardo da Vinci auf einem gelben Farbklima (Rechte: WDR)
Sendung vom 27.06.2011, 16:05 bis 17:00 Uhr
Bild: Buchcover; Rechte: Vandenhoeck & Ruprecht Verlag

 Service Sachbuch

Service Sachbuch: Gefühle machen Geschichte

Die Wirkung kollektiver Emotionen von Hitler bis Obama. Von Luc Ciompi und Elke Endert

Moderation: Marija Bakker

Gefühle machen Geschichte
Die Wirkung kollektiver Emotionen von Hitler bis Obama
Von Luc Ciompi und Elke Endert
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011; 272 Seiten
ISBN  978-3-525-40436-2
19,95 €


Bevor Luc Ciompi, erimitierter Professor für Sozialpsychiatrie und seine Ko-Autorin, die Soziologin Elke Endert, die kollektiven Gefühle unter die Lupe nehmen, fassen sie auf den ersten vierzig geben Seiten ihres Buches den Stand der Emotionsforschung zusammen. Bis vor rund zwei Jahrzehnten galten die Gefühle des Menschen in Wissenschaftskreisen als rein subjektiv. Und deshalb der objektiven Analyse nicht zugänglich. Ciompi zeigt, dass sich Gefühle auch wissenschaftlich erfassen lassen - und letztlich das Handeln des Menschen bestimmen. Reine Vernunftentscheidungen sind äußerst selten. Leider ist dieser Grundlagenteil des Buches in einer für den Laien nicht gerade lesefreundlichen Sprache geschrieben. Neu bei Ciompi ist: Er zeigt, dass die Macht der Emotionen sich nicht nur auf das Private beschränkt. Auch – und gerade in den Konflikten zwischen Volksgruppen oder Nationen ist der Einfluss sachlicher Argumente oft verschwindend gering. So kommt der Sozialpsychiater zu der einleuchtenden These: „Gefühle machen Geschichte“.

Luc Ciompi zeigt an vielen Beispielen, wie geschichtliche Umbrüche aus kleinen Veränderungen im Gefühlsleben der Massen hervorgehen. Oft werden sie von einzelnen charismatischen Leitfiguren angestoßen, Menschen wie Hitler oder Barak Obama. Sei es in eine menschenverachtende oder in eine demokratische Richtung. Immer mehr Menschen identifizieren sich mit den Ideen der Leitfiguren und empfinden - je nachdem: Wut, Stolz, Scham oder Freude. Diese Gefühle treiben die Menschen dann zum Handeln. Solche gewaltigen emotionalen Wellenbewegungen werden zuerst im Kleinen gezündet in einer explosiven Grundsituation. So entstanden im Dezember 2010 nach der Selbstverbrennung eines jungen Tunesiers in kürzester Zeit Massenproteste, die sich wellenartig von einem nordafrikanischen Land zum anderen ausbreiteten. 

Ganz so aktuell ist Ciompi mit den Beispielen in seinem Buch nicht. Er zeigt vor allem an drei anderen Fällen, von welchen Gefühlen diese emotionale Ansteckung gesteuert wird: Dem Nationalsozialismus, dem Israel-Palästina Konflikt sowie der Kluft zwischen dem Islam und dem sogenannten Westen. Es beeindruckt, wie der 82-jährige die Entstehungsgeschichte dieser Konflikte gut lesbar nachzeichnet und zeigt, wie politisch-ökonomische Faktoren und kollektive Gefühle brisant zusammen wirken. Allein diese Kapitel machen das Buch lesenswert. Ciompis Schlüsselbegriffe sind hier: "Identität" und "Eigenwelt: Jede Gruppe und Nation, braucht das Gefühl einer anerkannten Identität. Wird diese Identität in Frage gestellt, führt das zu Gefühlen von Wut oder Scham, die sich in gewalttätigen Aktionen Bahn brechen können. Darauf setzt sich dann eine Art subjektiver Brille, die Ciompi "Eigenwelt" nennt: "Diese Eigenwelten können sich zu völlig konträren Eigenwelten entwickeln, sodass schließlich das Gute des Einen das Böse des Anderen sein kann wie es im Israel-Palästina Konflikt oder auch im Westen-Islam Konflikt der Fall ist".

Der Sozialpsychiater zeigt bestechend, wie kollektive "Wir-Gefühle" Geschichte machen. Dünn wird es im Buch immer dann, wenn es um Auswege aus dem Dilemma zu geht. Seine Hoffnung, dass die Konfliktparteien ihre subjektive Brille ablegen und sich in den scheinbaren Gegner einfühlen, erscheint angesichts der Eskalation der analysierten Konflikte nicht gerade erfolgversprechend. Faszinierend bleibt, wie Ciompi und seine Ko-Autorin Elke Endert einen neuen Blick auf die Hintergründe politischer Massenbewegungen werfen. Einleuchtend zeigen sie: Neben politisch-ökonomischen Faktoren können sich Wut, Scham und Hassgefühle einzelner Menschen oder kleiner Gruppen zu gesellschaftlich brisanten Massenbewegungen verdichten.

Autor/in:

Burkhard Reinartz

Redaktion:

Anne Preger

vorheriger Beitrag vorheriger Beitrag




Heute im Studio

Marija Bakker

Küchenexperimente

Bild: Pfanne mit Atom; Rechte: interfoto/mauritius images/WDR[m]

Zur Übersicht [mehr]

Leonardo

Bildergalerien [mehr]

Die Kleine Anfrage

Service - Die Kleine Anfrage. Symbolbild: Ein Straßenschild mit Fragezeichen und Pfeil nach oben unter hellblauem Himmel; Rechte: WDR

Hörer fragen, Leonardo antwortet [mehr]

Die Kleine Anfrage [Quiz]

Leonardo

Leonardo-Serien [mehr]

Radio zum Mitnehmen

Blaues Ohr mit Ohrstöpsel mit von ihm ausgehenden Sendewellen vor blauem Hintergrund (Rechte: WDR)

Leonardo als Podcast [mehr]

Podcast Leo 2 Go

Leo 2 Go

Lange & Winkelheide [mehr]

Die Durchblicker

Wissens-Reportagen von der Ostsee bis zum Bodensee [SWR.de]

WDR Wissen

WDR Wissen

Multimedial [mehr]