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Schwerpunkt: Lass' uns zu Hause alt werden!
Schlaue Wohnungen - von der kommunizierenden Wand bis zum intelligenten Rollstuhl
Moderation: Martin Winkelheide
Bei Umfragen ist eines immer sofort klar: Niemand will ins Altenheim! Alle wollen am liebsten zu Hause oder bei ihren Kindern alt werden und wohnen. Die meisten Häuser sind allerdings nicht darauf eingerichtet. Überall lauern Probleme. Vom schwer zugänglichen Lichtschalter, über komplizierte Kücheneinrichtungen, bis hin zu Bädern ohne Haltehilfen.
Zahlreiche Institute, Universitäten und Firmen forschen deshalb an der Wohnung und Einrichtung von morgen.
Beispiel 1: das altersgerechte Musterhaus
Die Holzverkleidung ist dunkelrot gestrichen, das Dach angenehm geneigt. Die weißen Rahmen der riesigen Schiebetüren scheinen auf einen Blick zum Meer einzuladen. Für einen Moment könnte man vergessen, dass dieses Musterhaus auf einem Parkplatz in Iserlohn steht. Die Gesellschaft für Gerontotechnik entwickelt und bietet an, was Menschen aller Generationen das Leben leichter und angenehmer macht.
- Das Erdgeschoss ist komplett barrierefrei, eine zweite Ebene kann über einen Aufzug erschlossen werden.
- Die Haustür lässt sich nicht nur klassisch mit dem Schlüssel öffnen, sondern auch per Fingerprint oder mit einer Fernbedienung. Ein altersverwirrter Mensch, der sich aus Versehen ausgesperrt hat, kann die Tür mit seinem Fingerabdruck auf dem Scanner wieder öffnen.
- Mit nur einem einzigen Schalter lässt sich gleichzeitig der ganze Weg vom Bett bis zur Toilette beleuchten und alle entsprechenden Türen auf einmal öffnen
- Neben der Eingangstür ist ein computerbildschirmgroßer Monitor in die Wand eingelassen. Eine Berührung des Schirms reicht aus und schon kann man alle Elemente des Hauses bedienen: die Elektrik, die Heizung, die Lampen, die Türen, die Küche und alles weitere.
- Ein Wohnschlafraum ist direkt verbunden mit einem barrierefreien Bad – das Bad erreichbar über mehrere Zugangsmöglichkeiten – so dass man mit Rollstuhl und im Zweifelsfalls sogar mit einem Pflegebett ins Bad geschoben werden kann.
Nicht für die heute 70-Jährigen
Hightech überall – fest steht: Dieses Haus ist nicht für die heute 70-Jährigen gebaut. "Es ist für jemanden, der vielleicht 50+ ist, der jetzt noch mal investiert, noch mal umbaut und in dem Haus für die nächsten 30 Jahre leben möchte", beschreibt Markus Sauer, Berater der Gesellschaft für Gerontotechnik. Bis derjenige ins hohe Alter kommt, habe er sich an die neue Technik gewöhnt.
Beispiel 2: Die kommunizierende Wand und der intelligente Fußboden
Für die Zukunft entwickeln Techniker, Ingenieure, Psychologen und Mediziner sogar einen intelligenten Fußboden und eine kommunizierende Wand. Das humtec ist ein Forschungsprojekt der RWTH Aachen, das von Bund und Ländern gefördert wird. Die Aufgabe: Wie kann Elektronik die medizinische Versorgung Älterer in ihren Wohnungen unterstützen?
- Die kommunizierende Wand ist eine riesige Display-Wand, 4,80 mal 2,40 Meter groß, die aus mehreren Bildschirmen zusammengesetzt ist. Sie wirkt wie public viewing im Wohnzimmer. Auf diesem Bildschirm kann man eine Waldlandschaft sehen, einen See oder das normale Fernsehprogramm.
- Dank der kinekt box – einem System, das die Bewegungen eines Menschen erkennt – ist die Display-Wand mit Gesten oder mit Berührungen zu steuern.
- Auf der Wand kann man mit den Fingern Blasen aufsteigen und zerplatzen lassen. Es gibt Bewegungsspiele, die den Bewohner fit und mobil halten.
- Über die Wand kann aber auch live das Kinderzimmer der Enkel zugeschaltet werden, oder die Tochter in ihrem Esszimmer, so dass per Livestream ein gemeinsames Frühstück vor der Wand stattfindet.
- Unter dem intelligenten Fußboden befinden sich Drucksensoren, die bestimmen, wo der Mensch sich im Raum befindet. Sie sollen feststellen können, ob derjenige beispielsweise gestürzt ist.
Beispiel 3: Der intelligente Rollstuhl
Auch Rollstühle sollen wesentlich komfortabler und sicherer werden. Ein Rollstuhl hilft, wenn jemand nicht mehr laufen kann. Wenn dieser Mensch aber zusätzlich dement wird oder Wahrnehmungsstörungen hat, kann ein Rollstuhl auch gefährlich werden. Zum Beispiel dann, wenn der ältere Mensch nach rechts zur Treppe lenkt, obwohl er eigentlich zum Tisch will. Daher hat der Informatiker Christoph Mandel mit Kollegen an der Universität in Bremen einen intelligenten Rollstuhl entwickelt: mit Laserscannern. "Die Laserscanner sehen das Hindernis und tragen dieses Hindernis immer in eine Karte ein, die aktuell um den Rollstuhl drum herum liegt. So weiß das System Rollstuhl permanent, wo Hindernisse sind", erklärt Mandel.
"Sprechende Wände – was soll ich damit?"
Technik der Zukunft - fürs altersgerechte Wohnen zu Hause. Aber wollen die Älteren diesen Hightech überhaupt? Und was kostet das? In Aachen entwerfen Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen nicht nur Zukunftsvisionen. Sie testen sie auch und vor allem lassen sie testen. "Sprechende Wände, was soll ich damit?", würde wohl so manche 80-Jährige sagen. Tatsächlich seien die Probenutzer am Anfang wenig begeistert, sagt die Psychologin Martina Ziefle. Sie hätten Angst vor Kälte, vor Technik und vor Vertrauensverlust. Ziefle und ihre Kollegen haben die Folgen der Technik für den einzelnen und die Gesellschaft im Blick. Denn nicht alles, was technisch möglich ist, lässt sich auch außerhalb des Forschungslabors in der Welt älterer Menschen problemlos realisieren. "Wir sind momentan dabei, Geschäftsmodelle aufzubauen, um zu verstehen, ob das überhaupt alles bezahlbar ist", so Ziefle. "Tatsächlich müssen wir neu anfangen zu denken."
Auch wenn viele Forscher die Zukunft unserer Wohnungen und Häuser voller moderner Technik entwerfen, werden alle Menschen im Laufe ihres Lebens selbst entscheiden, was davon wirklich hilfreich und realisierbar ist, und auf welche technische Spielerei man verzichten kann. Und ob es wirklich immer besser ist, zu Hause alt zu werden.
Autor/in:
Marcus Schwandner
Redaktion:
Jan Friese










