Donnerstag, 23.05.2013

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Die Zeichnung "Der Mensch" von Leonardo da Vinci auf einem gelben Farbklima (Rechte: WDR)
Sendung vom 19.10.2012, 16:05 bis 16:50 Uhr
Bild: Buchcover; Rechte: Piper Verlag GmbH, München; Rechte: WDR

 Service Sachbuch

Service Sachbuch: Heißes Eisen Homöopathie

Klare Aussagen schon im Titel "Die Homöopathie-Lüge"

Moderation: Martin Winkelheide

Die Homöopathie Lüge – So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen
Von Christian Weymayr und Nicole Heißmann
Piper Verlag GmbH, München 2012, 332 Seiten, Taschenbuch
ISBN 978-3-492-05536-9
Euro 16,99


Sie helfen gegen Insektenstiche, Krebs und Inkontinenz – jedenfalls behaupten das die Verfechter der Homöopathie: Die kleinen weißen Kügelchen, in denen neben Zucker und Alkohol Wirkstoffe in astronomischen Verdünnungen enthalten sind, werden quasi gegen jedes Leiden eingesetzt – frei nach dem Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann.

Die beiden Wissenschaftsjournalisten Christian Weymayr und Nicole Heißmann argumentieren in ihrem Buch gegen die Lehre der Homöopathie, beschreiben sie als Hokuspokus und fordern ein deutliches „Nein“ zu einer Methode, die viel mit Glauben, aber wenig mit Vernunft zu tun hat.

Die Autoren

Beide Autoren sind erfahrene, kritische Wissenschaftsjournalisten: Christian Weymayr, promovierter Biologe, arbeitet als freier Journalist unter anderem für den IGeL-Monitor - eine Informationsplattform für Patienten zu Gesundheitsleistungen, die Patienten selber bezahlen.

Nicole Heißmann ist seit acht Jahren Redakteurin beim stern und bearbeitet dort u.a. die Themen „Medizin und Qualität im Gesundheitswesen“. 2011 erhielt sie den Journalistenpreis des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin.

Der Stil

Das Buch ist sehr verständlich, flüssig und anschaulich geschrieben – auch für Leser, die keinerlei medizinische Erfahrung haben. Manche Beispiele sind überspitzt, das ein oder andere Mal fällt eine bissige Bemerkung, aber insgesamt ist das Buch eher nüchtern, keinesfalls polemisch oder sarkastisch.

Was fehlt

Für ein Buch, das deutlich Stellung bezieht, Thesen aufstellt und Forderungen formuliert, gibt es viel zu wenig Quellenangaben. Am Ende des Buches finden sich mehrere Lektüre-Empfehlungen, u.a. aufgeteilt in „Bücher des Meisters“ und „Bücher des Widersachers“ – das lässt den Leser schmunzeln. Doch von all den Studien, die als Argumente ins Feld geführt werden, werden nur wenige so genau genannt, dass man sie auch selber finden und lesen könnte.

Der Anfang des Buches

Die ersten beiden Kapitel begründen, warum die Homöopathie nicht wirkt, also „Hokuspokus“ ist – und zwar umfassend. Aufgeführt werden zum einen Unstimmigkeiten in der Logik dieser „Glaubensrichtung“: je verdünnter, desto wirksamer das Kügelchen, aber je schlimmer, desto mehr Kügelchen soll man nehmen - wobei Hahnemann betonte: Nur ein einziger Wirkstoff soll gegeben werden! Aber heute wird oft genug zum Komplexmittel gegriffen.

Zum anderen werden auch Argumente aus der Naturwissenschaft (die Verdünnung) und der Forschung (keine positiven Studienergebnisse) angeführt. Das Problem: Wer an Homöopathie glaubt, den wird nichts umstimmen, wohl auch die ersten beiden Kapitel dieses Buches nicht. Wer nicht daran glaubt, der kennt viele der Argumente schon.
Aber: Für jemanden, der sich seine Meinung bilden will, der in das Thema einsteigen will, oder für jemanden, der kompakt alle Argumente zur Hand haben möchte, ist der Einstieg des Buchs sehr gut geeignet.

Wie es weiter geht

In den folgenden Kapiteln zeigen die beiden Autoren an verschiedenen Berufsgruppen, wie es kommt, dass Homöopathie immer noch eine große Rolle spielt: an den Universitäten, in den Arztpraxen, in den Apotheken, in den Medien. Sie beschreiben, dass auch die Hersteller der Kügelchen mit den Mitteln der Pharmafirmen arbeiten, um zu verkaufen: Referenten, Fortbildungen auf griechischen Inseln, Lobbyarbeit in der Politik. Und sie weisen daraufhin, dass viele Ärzte zwar nicht an Homöopathie glauben, aber trotzdem Kügelchen verschreiben: entweder, weil die Patienten es wünschen, oder weil es ein billiges Placebo ist, oder weil sie dann ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten besser abrechnen können. Apotheker können es sich nicht leisten, Kügelchen aus ihrem Sortiment zu verbannen, weil ihre Kunden sonst zur Konkurrenz gehen.

Die These – die Forderung

Und die Autoren gehen dann noch einen Schritt weiter und argumentieren: Da diese Verdünnung, die ganze Philosophie, unseren Naturgesetzen widerspricht, muss die Homöopathie auch nicht weiter erforscht werden. Das ist rausgeschmissenes Geld, denn es widerspricht der Logik.

Außerdem: Wenn eine Studie keine Erfolge zeigt, argumentieren Verfechter der Homöopathie, dass die Studie nicht die Realität abbildet, dass es andere Einflüsse gab, etc. Und - so behaupten die Autoren - wenn eine Studie Erfolge zeigen würde, dann nur, weil sie schlecht sei, oder weil der Placebo Effekt zum Tragen käme, oder weil es ein zufälliges positives Ergebnis sei. - Es kann aber nicht an der Wirkung der Kügelchen liegen, weil das nach unserem Verständnis der Naturgesetze schlicht unmöglich ist. Daher bringt es also nichts, weiter zu forschen, schreiben Weymayr und Heißmann.

Interessanter wäre es, zu erforschen, wie bedeutsam das lange Gespräch mit dem Arzt und dessen Anteilnahme für den Patienten sind. Explizit wenden sich die Autoren auch an die Wissenschaftler, die der evidenzbasierten Medizin folgen: Die testen alles in ausgefeilten Studien, um dann über die Wirksamkeit eines Medikaments, oder eines Kügelchens zu entscheiden. Es wird vorher keine Auswahl getroffen, ob etwas überhaupt getestet werden sollte – auch wenn viele evidenzbasierte Mediziner davon überzeugt sind, dass die Homöopathie nicht wirken kann. Trotzdem folgen sie dem Grundsatz: Alles testen, erst dann weiß man Bescheid. Die beiden Autoren halten das für überflüssig.

Radikale Forderung

Dieser Ansatz der Autoren ist interessant, da er recht radikal ist. Er steht im Gegensatz zu einem allgemeinen Trend: In den vergangenen Jahren hat sich in vielen Kreisen eine recht gleichgültige Haltung zur Homöopathie eingeschlichen: „Ich glaube nicht dran, aber wer weiß…“. Wer heute an der Wirksamkeit der Homöopathie zweifelt, der gilt als engstirnig.

Die Autoren machen deutlich, dass diese Haltung nicht tolerant, sondern gefährlich ist, denn sie widerspricht den Naturgesetzen: Wer das zulässt, der kann auch Vodoo zulassen. Das ist akzeptabel im Glauben, aber in der Forschung? In der Medizin?
Was vermitteln Ärzte ihren Patienten für ein Bild, wenn sie sich einerseits immer so rational, vernünftig und logisch denkend geben, aber dann „Zauberkügelchen“ verteilen?

Was für ein Bild vermittelt man einem Kind, wenn man es bei jedem blauen Fleck, bei jedem kleinen Stich gleich eine Pille schlucken lässt? Nach dem Motto: „Es schadet schon nix“.

Weymayer und Heißmann fordern: Lieber die „Mini-Pillen“ weglassen und den Selbstheilungskräften des Körpers vertrauen. Und wenn es schlimmer ist, dann geht man sowieso besser zum Arzt und lässt die Wunde nähen.

Autor/in:

Gespräch mit Christina Sartori, Wissenschaftsjournalistin

Redaktion:

Anne Preger

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