s
Schwerpunkt: Abstumpfen am Fließband?
Mit kognitiven Trainings ältere Arbeitnehmer fit halten
Moderation: Franz-Josef Hansel
Jahrzehntelange Arbeit im Takt des Fließbandes – das ist die Lebenserfahrung vieler älterer Arbeiter bei Opel in Bochum. Ein wissenschaftliches Projekt hat jetzt gezeigt: Die gleichförmige Arbeit wirkt sich negativ auf die geistigen Fähigkeiten aus. Es gibt jedoch Programme, die versuchen, etwas gegen die intellektuelle Abstumpfung durch Bandarbeit zu unternehmen.
33 Jahre hat Andreas B. bei Opel in Bochum gearbeitet. Mit 59 ist er nun im Ruhestand. Er war unter anderem im Getriebebau tätig, teilweise auch am Fließband: „Das war anstrengend“, beschreibt er. „Man hatte immer die gleiche Bewegung gemacht, sehr monoton.“ Andreas B. hat nicht all die Jahre am Fließband gestanden – er hat Nachtschichten, Wechselschichten mitgemacht.
„Die Leute sagen, dass sie ihr Gehirn am Eingang abgeben“
Was passiert, wenn Menschen immer wieder monotone Arbeit verrichten – wie wirkt sich das auf ihre geistigen Fähigkeiten aus? Fest steht: Lernfähigkeiten verkümmern, wenn sie nicht in der Arbeit gefordert und gefördert werden. „Die Leute sagen sogar, dass sie ihr Gehirn am Eingang abgeben. Sie wissen das auch, das ist das Problem“, sagt Michael Falkenstein, Professor am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der Universität Dortmund. Er leitet dort eine Projektgruppe, die sich mit den Auswirkungen des Alterns auf das Zentralnervensystem beschäftigt.
Wie können Arbeitnehmer, wie können Betriebe diesem Verfall von Fähigkeiten entgegenwirken? Das haben die Arbeitswissenschaftler untersucht.
Monotone Arbeit beeinträchtigt Gehirnfunktionen
Ihre Testpersonen fanden die Wissenschaftler beim Opel-Werk in Bochum. 90 Teilnehmer wurden zu diesem Zweck geworben, ältere und jüngere. Jeweils die Hälfte von jeder Gruppe hat entweder flexibel Tätigkeiten verrichtet oder monotone Arbeit in der Produktion. „Man bekommt eine Maske auf, wo Elektroden drin waren. Das war ähnlich wie bei einem EKG“, beschreibt eine Testperson. „Man muss vor einem Bildschirm sitzen, viele Fragen beantworten und Spielchen machen.“ Mit ihren Messungen konnten die Forscher feststellen, dass die Arbeit am Fließband bei den älteren Arbeitnehmern, die die Arbeit schon länger machen, tatsächlich die Gehirnfunktionen beeinträchtigt. Die Arbeiter der Bandproduktion hätten mehr Fehler gemacht als die anderen, „besonders in schwierigen Aufgaben, wo das so genannte Gedächtnis eine wichtige Rolle spielt“, sagt Patrick Gajewski vom Dortmunder Leibniz-Institut, der die Messungen durchgeführt hat.
Bandmitarbeiter sind keine „abgestumpften Arbeitssklaven“
Dieter Welwei, Ergonom im Bochumer Opel-Werk, fordert jedoch, Bandarbeiter nicht für „abgestumpfte Arbeitssklaven“ zu halten. „Fakt ist: Viele Mitarbeiter, die dort arbeiten, verwirklichen sich selber über ihren privaten Bereich“, sagt er. „Die arbeiten vielleicht im Fußballverein, gehen bei einem Verein in den Vorstand, um ihre wirklichen Fähigkeiten einzubringen.“ Generell ließe sich, so Welwei, aber auch sagen, dass einige in eine gewisse Trägheit verfallen und Nachteile daraus ziehen.
Die Denkfähigkeit dieser Mitarbeiter müsste herausgefordert und entwickelt werden.
„Möglichst viel Abwechslung“
Kann man mit gezielten Programmen etwas gegen die Abstumpfung in der Bandarbeit tun? Vier Punkte hat Prof. Falkenstein herausgestellt: neben bestimmter Ernährung und körperlicher Aktivität auch Stressverarbeitung und geistige Fitness. Und genau die beiden letzteren wurden im Rahmen des Projektes trainiert. Das Ergebnis: „Es trat eine gewisse – ich will nicht sagen Heilung – aber Verbesserung der kognitiven Fitness und der mentalen Fitness, was Stress betrifft, ein“, bilanziert Falkenstein. Aber nicht alle geistigen Funktionen ließen sich durch das Training verbessern. „Logik lässt sich schlecht trainieren“, so ein Versuchsteilnehmer. Besser dagegen Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit oder Flexibilität.
Die Schlussfolgerungen, die die Arbeitswissenschaftler daraus ziehen, beschränken sich aber nicht darauf, mit Bandarbeitern geistige Fitnesstrainings mit Sudokus und Kreuzworträtseln durchzuführen. Die Arbeit selbst muss verändert werden: „Wenn derartige Arbeitsstrukturen vorhanden sind, ist es wichtig, dass die Leute möglichst viel Abwechslung bekommen“, so Ergonom Welwei. „Und dass Anreizsysteme geschaffen werden innerhalb der Organisation, dass die Leute diese Abwechslung auch annehmen.“
Aus dem Forschungsprogramm sollen nun auch praktische Konsequenzen gezogen werden: dass die Arbeiter nicht tagaus, tagein die gleiche Bewegung verrichten müssen – und dass Arbeitsplätze geschaffen werden, die der Linie am Band vorgelagert sind, wo man auch mal für ein paar Minuten etwas langsamer arbeiten kann, ohne den ganzen Ablauf aufzuhalten.
Autor/in:
Karl-Heinz Heinemann
Redaktion:
Rainer Marquardt
Abstumpfen am Fließband? Mit kognitiven Trainings ältere Arbeitnehmer fit halten










