Donnerstag, 24.05.2012

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Die Zeichnung "Der Mensch" von Leonardo da Vinci auf einem gelben Farbklima (Rechte: WDR)
Sendung vom 16.07.2010, 16:05 bis 16:50 Uhr
Bild: Buchcover; Rechte: Sammlung Luchterhand; München

 Service Sachbuch

Service Sachbuch: Wie August Petermann den Nordpol erfand

Von Philipp Felsch

Moderation: Martin Winkelheide

Sammlung Luchterhand, München 2010

12,00 EUR

ISBN 978-3-630-62178-4

Virtuelle Realität ist keine Erfindung des Computer- und Internetzeitalters. Im 19. Jahrhundert übten die künstlichen Welten der geografischen Karten einen besonderen Reiz aus und hatten zumindest in einem Fall fatale Konsequenzen für seinen Schöpfer. Diesen Fall schildert Philipp Felsch in der Lebensgeschichte des Kartografen August Petermann.

Der deutsche Kartenzeichner macht im England des 19. Jahrhunderts Karriere und erntet hohes Lob von Persönlichkeiten wie Alexander von Humboldt. Expeditionen überall auf dem Globus streben danach, die weißen Flecken auf den Landkarten zu tilgen. So ist auch der Nordpol zum Ziel für viele Entdecker und Abenteurer geworden, ebenso für August Petermann. Er beteiligt sich jedoch nicht an Expeditionen und lässt sich nicht den rauen Wind der Polarregion um die Nase wehen. Seine Entdeckungsfahrten finden in seiner Londoner Studierstube statt: er entwirft Theorien und zeichnet Karten. So berechnet er, wo sich der britische Polarforscher John Franklin aufhalten muss, der zwischen Grönland und Kanada als verschollen gilt. Petermann findet jedoch kein Gehör für seine Spekulationen und übersiedelt schließlich 1854 enttäuscht nach Gotha.

Hier entwickelt er seine Theorie vom Nordpol weiter. Der Kartograf ist der festen Überzeugung, dass die Arktis aus einem eisfreien Ozean besteht, umgeben von einem Ring aus Packeis. Einem Forschungsschiff müsste es gelingen, den Packeisgürtel zu durchbrechen, dann könnte es das freie Nordpolarmeer befahren, so die These von August Petermann.

Begründet wird die Theorie mit Annahmen über Strömungs- und Temperaturverhältnisse in der Arktis. Petermann zeichnet aufgrund dieser Theorie Karten, die zahlreiche Expeditionen in die Irre leiten. So schön seine Theorie auch klingt, keine Expedition findet das behauptete eisfreie Polarmeer. Er wünscht sich, dass endlich ein Seefahrer zu seinem freien Polarmeer vorstößt und seine Theorie bestätigt, aber immer wieder gerät er dabei in Streit mit den Männern der Praxis, die sich auf den Weg machen, um seine Theorie in der wirklichen Welt zu überprüfen. Schließlich soll eine amerikanische Expedition über die Beringstraße ins Polarmeer vorstoßen, dann aber schießt sich August Petermann 1878 eine Kugel durch den Kopf, und erspart sich damit die letzte Widerlegung seiner Theorie vom offenen Polarmeer.

Das Buch von Philipp Felsch „Wie August Petermann den Nordpol erfand“ erzählt die Lebensgeschichte eines genialen Kartenzeichners, der sich in eine fixe Idee verrennt und zum Opfer seiner eigenen Schöpfung wird. Das Buch ist auch ein Lehrstück über ideologisches Denken, das so sehr in die Theorie verliebt ist, dass es alle Erfahrungen, die dieser Theorie entgegenstehen, abweist oder ignoriert.

Philipp Felsch zeichnet ein plastisches Bild des 19. Jahrhunderts als einer Zeit, in der Wissenschaft eine besondere gesellschaftliche Bedeutung gewinnt. „Wie August Petermann den Nordpol erfand“ ist eindrucksvoll geschrieben und spannend zu lesen.

Autor/in:

Detlef Kutz

Redaktion:

Klaus-Dieter Oetzel

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