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Service Sachbuch: 5000 Jahre Schuld und Krise
Menschheitsgeschichte als Schuldengeschichte
Moderation: Franz-Josef Hansel
Schulden
Die ersten 5000 Jahre
Von David Graeber
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2012
ISBN 978-3-608-94767-0
EUR 26,95 EUR
Tagtäglich melden die Nachrichten, wie Portugal, Irland, Italien, Spanien und Griechenland gegen ihre hohen Schulden und für das Vertrauen der Finanzmärkte kämpfen. Eurokrise, Euro-Rettungsschirm, Sparkurs - diese Vokabeln prägen die Schlagzeilen. Über die Geschichte der Schulden ist soeben ein umfangreiches Buch erschienen, geschrieben von keinem Volkswirt und von keinem Betriebswirt, sondern von dem Anthropologen David Graeber: Der Titel lautet knapp "Schulden". Detlef Kutz hat es gelesen.
Von der Nachbarschaftshilfe zum Kredit-Geschäft
Auf 400 Seiten breitet der Autor eine Weltgeschichte der Schulden aus und unterwirft die Begriffe Kredit, Zinsen und Geld einer kritischen Prüfung. David Graeber ist einer der Vordenker der „Occupy-Bewegung“. Nach seiner umstrittenen Entlassung an der Yale Universität lehrt er heute Anthropologie am Londoner Goldsmiths College.
Er zeigt in seinem Buch, dass es Schuldenkrisen immer schon gegeben hat. Solche Krisen führten häufig zu Rebellion und Umsturz. Um das zu verhindern und um ihre Macht zu erhalten, verordneten sumerische und babylonische Könige in regelmäßigen Abständen Generalamnestien, durch die ausstehende Konsumentenschulden für null und nichtig erklärt wurden.
In der Antike – in Athen und in Rom – fanden die Herrscher einen neuen Weg, Revolutionen zu verhindern: Militärische Expansion unterjochte die Nachbarvölker und brachte Sklaven ins Land, Sklaven die auch den einfachen Bürgern zu Diensten waren und diesen Wohlstand brachten.
David Graeber zeigt, wie die Gesellschaften in der 5000-jährigen Geschichte jeweils mit Schulden umgingen.
Denn in ursprünglichen Gesellschaften war der Begriff der Schuld ein ganz anderer, als der, den wir heute damit verbinden: In einer dörflichen Gemeinschaft hilft man sich gegenseitig – man schuldet sich etwas, ohne miteinander abzurechnen. Wer einen Nachbarn unterstützt, ist sicher, dass auch ihm geholfen wird.
Der Charakter der Schuld ändert sich erst, als das Schuldverhältnis mathematisch berechenbar wird: Das ist die Geburtsstunde des Geldes. Nötig wurde das Geld, um große Städte zu organisieren und auch um Militärkräfte zu unterhalten. Diese kalkulierten Schulden wurden zum Machtinstrument der Herrschenden und trieben die Armen regelmäßig in die Schuldknechtschaft.
Die Zeche zahlt immer der einfache Bürger
Und heute? Nach Auffassung von David Graeber sind wir in eine neue Ära der Finanzgeschichte eingetreten, die niemand so richtig versteht. Diese neue Ära im Finanzkapitalismus begann 1971, als US-Präsident Richard Nixon die feste Bindung des Dollar an das Gold stoppte. Die von den Banken erzeugten Dollar ersetzten nun das Gold als globale Leitwährung. Der Dollar wurde so zum letzten Bezugspunkt, was den Vereinigten Staaten gewaltige wirtschaftliche Vorteile verschaffte. Durch Manipulation der Devisenkurse, so Graeber, konnten billige Konsumgüter importiert werden, die eine Quelle des Wohlstands für die Masse der US-Bevölkerung wurden. David Graeber kritisiert diese imperiale Politik, die dazu noch das heilige Prinzip hochhalte, man müsse seine Schulden immer zurückzahlen. Eine schamlose Lüge nennt der Autor diese Forderung, denn es stelle sich heraus, dass keineswegs jeder seine Schulden zurückzuzahlen habe. Denn die Zeche bezahlen am Ende immer die einfachen Bürger, wenn das Finanzsystem ins Schlingern kommt. Die gewaltige Schuldenmaschine und die Wachstumsökonomie stoßen heute an ihre Grenzen.
David Graeber gibt in seinem Buch allerdings keine konkreten Vorschläge, wie wir aus der Krise herauskommen. Er will erst einmal das Selbstverständliche infrage stellen und das Denken in eine neue Richtung bringen und kritisiert gängige ökonomische Theorien des Geldes und des Kredits: Er zeigt, dass es Kredite lange vor dem Bargeld gegeben hat und dass Staat und Markt sich immer gegenseitig bedingt haben.
David Graebers Beweisführung überzeugt, seine Thesen sind verständlich und nachvollziehbar. Das Buch beeindruckt durch seine Fülle an Information, aber das ist auch manchmal seine Schwäche, wenn der Autor zwischen den Epochen hin und her springt.
Autor/in:
Detlef Kutz
Redaktion:
Anne Preger




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