s

Die Zeichnung "Der Mensch" von Leonardo da Vinci auf einem gelben Farbklima (Rechte: WDR)
Sendung vom 09.07.2012, 16:05 bis 17:00 Uhr
Bild: Frau bei Mammographie-Untersuchung; Rechte: dpa

 Chemotherapie oder nicht?

Bei Brustkrebs Chemo oder nicht?

Neue Tests sollen die Entscheidung erleichtern

Moderation: Franz-Josef Hansel

Er ist die häufigste Krebserkrankung der Frau: Jedes Jahr bekommen etwa 57.000 Frauen in Deutschland Brustkrebs – und dann häufig auch eine Chemotherapie. Aber in welchen Fällen ist diese Art der Behandlung wirklich nötig? Neue Tests sollen es möglich machen, diese Frage zu beantworten.

 

Häufig übertherapiert?

Seit vielen Jahren ist die Chemotherapie Standard bei der Behandlung von Brustkrebs. Aber inzwischen erkennen Experten, dass Tausende von Frauen diese aggressive Therapie möglicherweise überhaupt nicht benötigen. Diese Patientinnen sind mit dem zellschädigenden Giftcocktail überbehandelt. Ihnen wäre mit einer Antihormontherapie wahrscheinlich besser gedient als mit einer Chemotherapie.

 

Therapie mit Nebenwirkungen

Die Risiken und Nebenwirkungen der Antihormontherapie gelten als wesentlich geringer als die einer Chemotherapie. Zu den Nebenwirkungen der Antihormontherapie gehören Hitzewallungen und Wechseljahrsbeschwerden. Die Chemotherapie dagegen bringt Haarausfall mit sich, Erschöpfung, Übelkeit und Erbrechen. Außerdem unterdrückt sie die Immunabwehr. Dazu kommen Langzeitrisiken wie Herzschwäche, Gedächtnisstörungen, Nervenstörungen an Händen und Füßen oder sogar der mögliche Ausbruch einer weiteren Krebserkrankung.

 

Wer braucht die Chemo und wer nicht?

Ohne Chemotherapie kommen viele Frauen aus, die einen hormonempfindlichen Tumor haben, der als wenig aggressiv gilt. Für sie wäre der Verzicht auf eine Chemotherapie ein Gewinn. Auf der anderen Seite dürfen Frauen, deren Überlebenschance durch eine Chemotherapie steigt, nicht übersehen werden. Hier zu unterscheiden ist schwierig, so dass vermutlich häufig aus reiner Unsicherheit eine Chemotherapie durchgeführt wird.

 

Tests sollen Klarheit bringen

Mit vergleichsweise neuen Tests wollen Mediziner nun direkt nach der erste Diagnose herausfinden, welche Brustkrebs-Patientinnen ein geringes Rückfallrisiko haben, so dass sie auf eine Chemotherapie verzichten könnten. Vier Tests werden derzeit erprobt.

• Der uPA/PAI-1-Test ist bisher am besten erprobt. Die ärztliche Leitlinie zur  Behandlung von Brustkrebs empfiehlt ihn. Leitlinien beschreiben den Goldstandard einer Behandlung nach dem aktuelle Stand der wissenschaftlichen Forschung. Der uPA/PAI-1-Test kommt infrage für Frauen ohne Lymphknotenbefall. Der Test untersucht bestimmte Eiweiße - auch Biomarker genannt. Sie geben Auskunft über das Rückfallrisiko. Brustkrebspatientinnen mit niedrigen uPA und PAI-1 Werten haben ein geringes Rückfallrisiko und hohe Heilungschancen. Sie können in der Regel auf eine Chemotherapie verzichten. Einige Mediziner bemängeln die Nachteile des Tests: Während der OP entnommenes Gewebe muss sofort tiefgefroren und in ein Labor zur Analyse gefahren werden. Außerdem muss die Tumorprobe einen entsprechenden Mindestdurchmesser haben.

• Gen-Tests analysieren anhand von Genkonstellationen das Rückfallrisiko einer Patientin. Derzeit sind drei dieser Tests in der Erprobung. Während der Oncotype DX ® und der EndoPredict®-Test sich nur für Frauen mit hormon-empfindlichen Tumoren eignet, kommt der MammaPrint® für alle Tumorarten infrage. Oncotype DX ®und MammaPrint® können bei einem Befall von 1-3 Lymphknoten eingesetzt werden.

 

Klinische Studien laufen noch

Eine wissenschaftliche Studie (ADAPT-Studie) in 12 Brustzentren in NRW und Hamburg testet derzeit an 400 Patientinnen den Oncotype DX®-Test. Nach einer Pilotphase sollen bundesweit in 60-80 Zentren über 4000 Frauen an dem Test teilnehmen können. Erste Studienergebnisse werden im Jahr 2015 erwartet. Studienleiterin Ulrike Nitz vom Brustzentrum Niederrhein im Evangelischen Krankenhaus Bethesda betont: „Bis jetzt sind alle Tests medizinisches Neuland. Wir müssen deswegen vorerst auch verhindern, dass sie unkritisch bei jeder Patientin eingesetzt werden.“ Hochrisikopatientinnen mit einem aggressiven, schnell wachsenden Tumor beispielsweise bringe der Test keinen Nutzen, denn sie benötigten in jedem Fall eine Chemotherapie.

 

Wer kann die Tests schon nutzen?

Die Tests werden derzeit noch getestet. Nicht jede Klinik bietet sie deshalb an. Patientinnen, die wissen wollen, ob ein Test für sie infrage kommt, sollten ihre Ärzte gezielt darauf ansprechen.

 

Wer übernimmt die Kosten?

Die genannten Tests kosten zwischen 300 und 3000 Euro. Wer diese Kosten trägt, sei noch nicht grundsätzlich geregelt, sagt Ulrike Nitz. „Man sollte sich in jedem Fall vor der Behandlung bei seiner Krankenkasse informieren“. Einige gesetzliche Krankenkassen bieten eine telefonische Beratung für Brustkrebspatientinnen an. Ulrike Nitz rät Betroffenen, sich zur Behandlung an eines der 40 Brustzentren in NRW zu wenden. Dort gehöre zumindest der Biomarker-Test uPA/PAI-1 derzeit schon zum medizinischen Standard.

Autor/in:

Sigrun Damas

Redaktion:

Monika Kunze

Manuskript

Mehr zum Thema

nächster Beitrag nächster Beitrag




Küchenexperimente

Bild: Pfanne mit Atom; Rechte: interfoto/mauritius images/WDR[m]

Zur Übersicht [mehr]

Quarks & Co

Bild: Logo Quarks & Co; Rechte: WDR;

Unkaputtbar - die Magie neuer Materialien [mehr]

Leonardo

Bildergalerien [mehr]

Die Kleine Anfrage

Service - Die Kleine Anfrage. Symbolbild: Ein Straßenschild mit Fragezeichen und Pfeil nach oben unter hellblauem Himmel; Rechte: WDR

Hörer fragen, Leonardo antwortet [mehr]

Die Kleine Anfrage [Quiz]

Leonardo

Leonardo-Serien [mehr]

Radio zum Mitnehmen

Blaues Ohr mit Ohrstöpsel mit von ihm ausgehenden Sendewellen vor blauem Hintergrund (Rechte: WDR)

Leonardo als Podcast [mehr]

Podcast Leo 2 Go

Leo 2 Go

Lange & Winkelheide [mehr]

Die Durchblicker

Wissens-Reportagen von der Ostsee bis zum Bodensee [SWR.de]

WDR Wissen

WDR Wissen

Multimedial [mehr]