s
Service Sachbuch: Tschernobyl - Eine Geschichte der Katastrophen
Francesco M. Cataluccios Essay über "Die ausradierte Stadt"
Moderation: Martin Winkelheide
„Die ausradierte Stadt. Tschernobyls Katastrophen“
Von Francesco M. Cataluccio
Paul Zsolnay Verlag, 160 Seiten
Euro 16,90
ISBN 978-3-552-05581-0
Im April 1986 wurde die kleine ukrainische Stadt schlagartig bekannt. Tschernobyl wurde zum Inbegriff der Technik-Katastrophe. Radioaktive Teilchen breiteten sich von dem Unglück-Kernreaktor über halb Europa aus. Doch am schlimmsten betroffen war die unmittelbare Umgebung des Kernkraftwerks.
Fünfundzwanzig Jahre nach dem Unglück hat der italienische Essayist Francesco M. Cataluccio Tschernobyl besucht. Über seine Erlebnisse als Nuklear-Tourist und über seine Recherchen zur wechselvollen Geschichte Tschernobyls hat er anschließend ein lesenswertes Buch geschrieben.
Sightseeing in der radioaktiven Zone
Ein Kleinbus brachte Cataluccio und sechs weitere abenteuerlustige Touristen im November 2011 von der Hauptstadt Kiew in die „Zone“, wie die mit Schlagbäumen abgesperrte, von Wachposten kontrollierte Region um Tschernobyl heißt. Einen Tag durften sich die Gäste dort aufhalten. Etwas Essbares von dort zurückzubringen, war ihnen untersagt. Trotz der Strahlenbelastung leben und arbeiten heute in Tschernobyl und dem benachbarten Prypjat wieder ein paar hundert Menschen: Neben Heimatverbundenen, die sich lieber langsam verstrahlen als vertreiben lassen, zieht es für befristete Zeit Arbeiter oder Inspekteure zur Kraftwerksruine. Und dann gibt es noch den Keim einer Tourismusbranche: Busfahrer, Souvenirverkäufer, Köche und Kellnerinnen.
Tschernobyls frühere Katastrophen
In Reportagetexten erzählt Cataluccio von diesem Ausflug nach Tschernobyl. Doch er schildert zudem, was dem kleinen, bereits im Mittelalter gegründeten Ort zu früheren Zeiten widerfuhr. Insbesondere die jüdischen Einwohner litten unter wechselnden Machthabern. Als die ukrainische Provinz an Polen fiel, holten die polnischen Adligen viele Juden in die Gegend, gewährten ihnen Freiheiten und Rechte und ließen sie das Land kultivieren. Die alteingesessenen ukrainischen Leibeigenen hassten die Neuankömmlinge, und als die Region an das Russische Reich fiel, gewährten die Kosaken dem Volkszorn freien Lauf und ließen die Juden zu Tausenden vertreiben oder ermorden. In den 1930er Jahren lässt Stalin Bauern, die sich der Kollektivierung und Enteignung widersetzen, zu Zigtausenden nach Sibirien deportieren. In der folgenden Hungersnot sterben Millionen. Zehn Jahre später werden erneut Juden ermordet, vom deutschen Besatzerregime und ukrainischen Kollaborateuren.
Literatur mit Tempo und Temperament
Wie für einen Essay typisch, kombiniert Cataluccio unterschiedliche literarische Elemente. Geschichtsbücher und alte Romane durchstöbert er nach Zeugnissen und Anekdoten. Er kramt aber auch in seinem persönlichen Tagebuch von 1986, erinnert sich, welche Ängste er in Warschau vor der Atomwolke aus der nahen Ukraine durchlebte und wie er sie in Festessen im Freundeskreis mit jodreichem Dosenfisch und Wodka bekämpfte. Lebhaft wirkt Cataluccio, quirlig bis zur Nervosität – doch gerade dass er das eigentlich düstere Thema spielerisch erkundet, sorgt dafür, dass die Lektüre nicht schwermütig macht.
Autor/in:
Daniel Blum
Redaktion:
Anne Preger





![Bild: Pfanne mit Atom; Rechte: interfoto/mauritius images/WDR[m]](/fileadmin/user_upload/Sendungen/Leonardo/2012/Kuechenexperimente/Foto/KETeaserLogo_160x70.jpg)







