Die "Pille danach" Expertengruppe empfiehlt Ende der Rezeptpflicht

Von Tobias Jobke

Nach ungeschütztem Sex drängt die Zeit, wenn die Frau nicht schwanger werden will. Die "Pille danach" muss innerhalb von 72 Stunden eingenommen werden – aufgrund der geltenden Verschreibungspflicht nicht unproblematisch.


Die "Pille danach"
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Ohne das Rezept vom Arzt wird es es einfacher...

Wenn beim Sex das Kondom gerissen ist, die Einnahme der Pille vergessen oder gar nicht verhütet wurde, ist die Panik groß. Die Frau muss schnell sein, um eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern. Je nach Präparat bleiben nur drei bis fünf Tage, um die "Pille danach" einzunehmen. Doch zuvor bedarf es einer Verschreibung durch den Arzt, denn in Deutschland ist die Tablette rezeptpflichtig. Geschah der ungeschützte Sex kurz vor dem Wochenende oder an Feiertagen, bleibt oft nur der Gang in die Notaufnahme eines Krankenhauses.

Katholische Kirche lehnt jede Form der Verhütung ab

Dass damit die letzte Hürde vor der Einnahme der Pille noch nicht überwunden ist, zeigt der Fall einer jungen Kölnerin aus dem Frühjahr 2013. Zwei katholische Krankenhäuser hatten ihr aus ethischen Gründen eine Untersuchung verweigert, bei der der Verdacht auf eine Vergewaltigung überprüft und gegebenenfalls die "Pille danach" verschrieben werden sollte. Die Empörung nach dem Fall war groß, doch noch immer herrscht keine politische Einigkeit in der Frage, ob die Rezeptpflicht aufgehoben wird. Dazu müsste die Arzneimittelverschreibungsverordnung geändert werden.

Experten plädieren für Freigabe

Ein Expertengremium bestehend aus Pharmakologen und Ärzten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn hat sich nun für eine Freigabe des Präparates ausgesprochen. Es gäbe keine medizinischen Argumente für eine andauernde Rezeptpflicht, so das Gremium. Das Votum wird nun als Empfehlung an das Bundesgesundheitsministerium weitergeleitet. Im vergangenen Herbst hatte sich bereits der Bundesrat für ein Ende der Rezeptpflicht ausgesprochen. Nach Auffassung der Länder hilft die "Pille danach" vor allem jungen Frauen, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte 2010 für einen Wegfall der Rezeptpflicht plädiert. Die Anwendung der "Pille danach" sei einfach, eine ärztliche Beratung verzichtbar.

Gynäkologen: Nur Ärzte können medizinische Notwendigkeit abwägen

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und der Berufsverband der Frauenärzte haben sich dagegen in der Vergangenheit für eine Rezeptpflicht ausgesprochen. Sie argumentieren, dass nur ein Frauenarzt entscheiden könne, ob die "Pille danach" medizinisch notwendig und welches Präparat geeignet ist. Eine Beratung der Patientin in der Apotheke sei der Situation nicht angemessen. Befürworter der Rezeptpflicht meinen jedoch auch, dass sie Frauen davon abhalte, die "Pille danach" als reguläres Verhütungsmittel zu verwenden. Denn die "Pille danach" wirkt nicht mit hundertprozentiger Sicherheit und muss so früh wie möglich eingenommen werden, damit sie wirkt. Gegner halten dagegen, dass die Tablette deutlich teurer sei als eine generelle "Verhütungspille", außerdem seien die Nebenwirkungen deutlich stärker.

„Pille danach“ verhindert Befruchtung der Eizelle

Die Notfall-Verhütung wirkt, indem der Eisprung hormonell gehemmt oder verzögert wird. Dadurch kann es nicht zu einer Befruchtung kommen, die in den Tagen während des Eisprungs sowie kurz davor und danach am wahrscheinlichsten ist. Nach streng katholischer Interpretation bedeutet das "kurz danach" aber bereits die Entstehung eines Menschen. Hat sich bereits eine befruchtete Eizelle in der Gebärmutter eingenistet, wirkt die "Pille danach" bisherigen Erkenntnissen zufolge nicht mehr. Damit unterscheidet sie sich von einer Abtreibungspille wie Mifegyne, die eine Schwangerschaft beendet.

Italien und Polen bestehen ebenfalls auf Rezeptpflicht

Die "Pille danach" mit dem Wirkstoff Levonorgestrel wurde erstmals im Jahr 2000 europaweit zugelassen. Sie muss spätestens drei Tage nach dem ungeschützten Sex eingenommen werden. Seit Herbst 2009 existiert ein zweites Präparat mit dem Wirktstoff Ulipristalacetat, das binnen fünf Tagen genommen werden muss. Im vergangenen Jahr wurden die Präparate laut Bundesgesundheitsministerium mehr als 368.000 Mal eingesetzt. Nach Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für das Jahr 2011 soll jede achte erwachsene Frau schon einmal die "Pille danach" angewendet haben. Europaweit ist der Notfallschutz neben Deutschland nur noch in Italien und Polen verschreibungspflichtig. In den USA ist die "Pille danach" für Frauen ab 17 Jahren rezeptfrei erhältlich.


Redaktion:
Peter Ehmer


Stand: 14.01.2014, 16.05 Uhr