Cyberwar

- Sendung vom 17.09.2012, 16:05 bis 17:00 Uhr
Cyberwar – Kriegsführung im Netz
Wirtschaftsspionage und Attacken auf Behörden
Von Insa Moog
Die Attacken kommen aus dem Hinterhalt, ausgeführt von einem unsichtbaren Gegner: Mit der Digitalisierung des Alltags, von Wirtschafts- und Regierungshandeln, ist die Zahl attraktiver Ziele für Angriffe aus dem Netz gestiegen. Strom- oder Behördennetze, Regierungs- und Verteidigungsysteme geraten ins Fadenkreuz von Hackern, die im Auftrag von Regierungen handeln.
Der Leonardo-Beitrag
Angriff aus dem Netz von Tobias Jobke

- Digitalisierung des Alltags
Gegen Angriffe aus dem Netz gewappnet zu sein, gehört längst zur Aufgabe von Verteidigungsbehörden. Durchschnittlich fünf mal am Tag werden Webseiten der Bundesregierung angegriffen, meldet das Bundesamt für Verfassungsschutz. In Deutschland nahm 2011 das Nationale Cyber-Abwehrzentrum in Bonn seine Arbeit auf. Bereits seit Oktober 2009 leitet ein Vier-Sterne-General den US Cyber Command, "eine militärische Einrichtung, deren Aufgabe darin besteht, die Informationstechnologie und das Internet als Waffen einzusetzen", schreibt Richard A. Clarke in dem 2011 erschienenen Buch "World Wide War". Der Terrorismusexperte wurde 2001 der erste Sonderberater des US-Präsidenten für Cyber-Security, in seinem Buch zeichnet er Parallelen zwischen Netzkrieg und Kaltem Krieg. Dieser, so Clarke, wirkt im Vergleich zur heutigen Situation allerdings "wie eine Epoche der Offenheit und Transparenz".
Das ist wenig überraschend, denn elektronische Kriegsführung ebenso wie Verteidigung dagegen setzt Geheimhaltung voraus. Vor der Cyberattacke steht deshalb die Cyberspionage: Ohne eine präzise Vorstellung von Angriffsziel und dessen Infrastruktur, lässt sich keine Strategie aushecken.
Von Falltüren bis zu logischen Bomben

- Cyberattacken
Für Cyberattacken können verschiedene Schadprogramme als Waffe eingesetzt werden. Eine logische Bombe sorgt dafür, dass ein ganzes System zusammenbricht und/oder alle Daten (eines Programms) gelöscht werden. Dafür wird die Malware unerkannt eingeschleust, ihre verheerende Wirkung entfaltet sie allerdings erst später. Ihre Explosion ist zeitgesteuert oder gebunden an eine spezifische Bedingung: Etwa, wenn ein bestimmter Befehl im befallenen System ausgeführt wird. Über Falltüren, auch „Trojaner“, können Hacker nach einem ersten unerlaubten Zugriff auf ein fremdes System später noch leichter eindringen: Ist die Schadsoftware einmal eingeschleust, können die Cyberkriminellen die reguläre Zugriffssicherung wie etwa die Passwortabfrage zukünftig umgehen. Computerwürmer können über Netzwerke oder Wechseldatenträger wie USB-Sticks verbreiten. Einmal ausgeführt, vermehrt sich die Malware von selbst und kann Systeme beschädigen.
Sogenannte DDos-Attacken sind typisch für Cyberangriffe. "DDoS" steht dabei für "Distributed Denial of Service" (auf Deutsch: verteilte Dienstblockade). Website, Server oder Router werden dabei bis zur Überlastung mit Zugriffsanforderungen befeuert – meist über ein Netz miteinander verbundener, infizierter Rechner ("Botnetz"), die zentral von den Hackern gesteuert werden. Bei einem "Defacement" werden Inhalte von Webseiten abgewandelt oder etwa gegen Propaganda ausgetauscht.
Malware-Prominenz: Slammer, Stuxnet, Flame
Einige spektakuläre Cyberangriffe zeigen, welch verheerende Wirkung Malware im nicht-virtuellen Raum entfalten kann.
Russland 1982: Die Tscheljabinsk-Pipeline in Sibirien explodiert. Auslöser dafür war eine logische Bombe. Sie sorgte dafür, dass der Druck der Leitung über das zugelassene Höchstmaß stieg, während gleichzeitig das Ventil am anderen Ende des Pipeline-Abschnitts verschlossen blieb. Die logische Bombe war in diesem Fall ein Diebstahlschutz. Nach Installation der amerikanisch-kanadischen Pipeline-Betriebssoftware hätte innerhalb einer programmierten Frist ein Sicherheitscode eingegeben werden müssen, um das Explodieren der Bombe zu verhindern. Russland bestritt allerdings den Software-Diebstahl.
USA 2003 – 2009: 2003 unterbricht der Computerwurm Slammer einige US-amerikanische Internetdienste und beeinträchtigt die Steuerung von zwei Stromnetzeinheiten für mehrere Stunden. Ein ähnlicher Wurm dringt im selben Jahr in das System eines Atomkraftwerks im US-Bundesstaat Ohio ein. Zu diesem Zeitpunkt ist es abgeschaltet. In den Folgejahren kommt es an anderen US-Atomkraftwerken zu ähnlichen Vorfällen, sie werden abgeschaltet. 2009 gelingt es Cyberkriminellen, auf die Systeme des US-Stromnetzes zuzugreifen und dort Schadsoftware zu hinterlassen.
Syrien 2007: Israelische Cyberkrieger manipulieren die Radaranlagen der syrischen Luftabwehr so, dass diese eine andere Kontrollregion abbilden als sie eigentlich sollen. So gelingt es der israelischen Luftwaffe, unerkannt einen Angriff auf eine mutmaßliche syrische Atomanlage zu fliegen und diese zu zerstören. Die Cyberattacke machte in diesem Fall die kriegerische Maßnahme erst möglich.
Estland 2007: Internetseiten der estnischen Regierung, von Banken und Medien werden per DDoS-Attacken angegriffen und lahmgelegt. Hintergrund ist mutmaßlich der Streit um die Umstellung der Statue eines Rotarmisten in der Hauptstadt Talinn. 2008 wird ein estnischer Staatsbürger als Initiator der Attacke verurteilt, 2009 gibt sich dann aber ein Mitglied der Putin-nahen Jugendorganisation Naschi ("Die Unsrigen") als Drahtzieher aus.
Iran 2010: Der von den USA und Israel eingesetzte Wurm "Stuxnet" infiziert tausende Steuerungscomputer von Industrieanlagen im Iran, dabei werden auch Anlagen zur Urananreicherung einer Atomfabrik sabotiert und schließlich zerstört. Nur aufgrund eines Programmierfehlers verbreitet sich Stuxnet im Sommer 2010 über das Internet und wird so entdeckt. Aktiv war Stuxnet wohl bereits seit 2008.
"Stuxnet-Virus ist nur ein Vorgeschmack" [tagesschau.de, 14.10.2010]
Naher Osten 2012: Mitarbeiter von Kaspersky, einer russischen Firma für Anti-Virensoftware, identifizieren eine hochkomplexe Schadsoftware, von der Rechner in verschiedenen Ländern im Nahen Osten befallen sind. Der Trojaner "Flame" kombiniert verschiedene Malware-Eigenschaften, eignet sich nach Einschätzung der Kaspersky-Experten daher zur umfangreichen Spionage. Nach Berichten der Wissenschaftler ist Flame seit 2010 im Umlauf, wird aber nur über gezielte Angriffe weiterverbreitet. Der Code ähnelt dem von Stuxnet, hat aber einen um das 20-Fache größeren Umfang. Stuxnet und Flame sollen Teil eines umfangreichen Cyberangriffs auf das iranische Atomprogramm sein.
Fragen und Antworten zum Virus [WDR.de, 29.05.2012]
Computer-Virus Flame [Aktuelle Stunde, 08.06.2012]
Thementag: Staatsterror - im Westen ein Phantom? [WDR 5, 07.11.2011]
Die Militärs rüsten sich für den Krieg im Netz [Leonardo, 25.09.2009]
Keine Angst vor Duqu [Mediathek, 21.10.2011]
Stichtag: Computer-Virus "I Love You" [WDR.de, 04.10.2010]
Stand: 17.09.2012




![Bild: Pfanne mit Atom; Rechte: interfoto/mauritius images/WDR[m]](/fileadmin/user_upload/Sendungen/Leonardo/2012/Kuechenexperimente/Foto/kuechenexperimente_160x70.jpg)

