Chemiecocktail für Fische

Die Zeichnung "Der Mensch" von Leonardo da Vinci auf einem gelben Farbklima, Rechte: WDR
Sendung vom 06.09.2012, 16:05 bis 17:00 Uhr

Das unsichtbare Gift in Flüssen

NRW-Klärwerke testen Pilotanlagen zur Reinigung

Von Beate Weides

In unseren Flüssen gibt es einen regelrechten Chemiecocktail: Östrogene, Schmerzmittel, Antibiotika, aber auch Pestizide, Bleichmittel und Kosmetika. Zwar sind die Konzentrationen sehr gering, dennoch bleiben die Spurenstoffe in unseren Gewässern offenbar biologisch aktiv. Viele Länder wollen etwas dagegen unternehmen, auch NRW.


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"Chemiecocktail für Fische" von Beate Weides


Blick von oben: Trübes Wasser steht in verschiedenen Filterkammern des Filterhauses; Rechte: WDR/ Weides
Filterhaus im Klärwerk Düren

Testfilter in Dürener Klärwerk

Die trübe Brühe sieht in jeder der haushohen Kammern im Filterhaus des Dürener Klärwerks gleich aus. Wäre das Wasser klar, könnte man sehen: Nur in einer der Kammern wird das Wasser nicht durch ein Sandbett gedrückt, sondern durch eine Schicht pechschwarzer Körner. Hier testet der Wasserverband Eifel-Rur einen Aktivkohlefilter. Er soll Östrogene und andere Rückstände von Arzneimitteln aus dem Wasser herausholen. 


Poröse Körner mit starker Anziehung

Ingenieur Frank Benstöm

Umwelttechnik-Ingenieur Frank Benstöm überprüft ständig, wie gut die Aktivkohle ihre Arbeit tut. An diesen Kohleteilchen docken die unerwünschten Östrogene und an. Das funktioniert solange, bis die Poren verstopft sind. Dann kann die granulierte Aktivkohle aber durch Erhitzen wieder reaktiviert werden, die Poren werden quasi freigepustet.


Stichwort: Ökotoxisch

Nach derzeitigem Wissensstand sind Arzneistoffe und viele andere Chemikalien in unseren Flüssen und Seen inzwischen weit verbreitet. Schätzungen zufolge gelangen 28.000 Tonnen pharmazeutische Wirkstoffe im Jahr bundesweit in die Gewässer. Weit über 100 Arzneistoffe sind nachgewiesen. Besonders gut sind die Wirkungen von Sexualhormonen belegt. Viele Studien aus Europa und den USA zeigen: Der Weibchenboom bei Fischen nimmt zu, besonders auffällig unterhalb von Klärwerken. Auch haben Fische und andere Wasserlebewesen oft deformierte Geschlechtsorgane. Bei Muscheln wurde ein gestörtes Paarungsverhalten festgestellt. 


Kleine Körner – Riesenoberfläche

Vor allem zwei Verfahren sind derzeit dafür geeignet, in Klärwerken mit Arzneirückständen fertig zu werden: Alternativ zum Reinigen mit Aktivkohle – granuliert oder in Pulverform – kann auch Ozongas eingesetzt werden. Sogenannte Ozonungsanlagen sind auf freiwilliger Basis in Duisburg-Vierlinden, in Bad Sassendorf und Schwerte gebaut worden. In Gütersloh, Wuppertal und eben Düren wird versuchsweise mit Aktivkohle gereinigt. Beide Verfahren sind in etwa gleich gut: Mehr als 80 Prozent der unerwünschten Chemikalien werden aus dem Abwasser herausgeholt.


Gefahrstoffliste der EU soll wachsen

Viktor Mertsch vom NRW-Umweltministerium; Rechte: WDR/ Weides
Viktor Mertsch

Die Schweiz berät gerade über ein ambitioniertes Programm: Rund 100 Klärwerke sollen für chemische Spurenstoffe fit gemacht werden. Die EU-Kommission will im Herbst wichtige Medikamente auf die Gefahrstoffliste für Gewässer setzen. In Deutschland scheinen bisher vor allem NRW und Baden-Württemberg zum Handeln entschlossen. Nicht weil sie grün oder rot-grün regiert werden, meint Viktor Mertsch vom NRW-Umweltministerium. Es sei vielmehr so, dass in beiden Ländern besonders viele Menschen mit Trinkwasser aus Flüssen oder Seen versorgt werden. Da müsse der Gewässerschutz besonders ernst genommen werden.


Höhere Gebühren für Abwasser

Die NRW-Regierung will bis Jahresende einen Masterplan Wasser vorlegen, in dem chemischen Spurenstoffen der Kampf angesagt werden soll. Der zusätzliche Gewässerschutz kostet Geld. Etliche Klärwerke in NRW besitzen wie Düren schon ein Sandfiltersystem für Phosphate, sie könnten immerhin bestehende Anlagen nutzen. Ersten Berechnungen zufolge dürften die Abwassergebühren aber um 10 bis 15 Cent pro Kubikmeter Frischwasser steigen, heißt es im NRW-Umweltministerium. 


Studierende entwickeln Biofilter

Die Schmetterlingstramete wächst an der Rinde eines Baumes; Rechte: WDR/ iGEM Team Bielefeld
Ein Pilz mit Power-Enzym

An der Universität Bielefeld versucht eine Gruppe Studierender, das Problem der Arzneimittelrückstände im Abwasser ganz anders zu lösen: Sie entwickeln gerade einen biologischen Filter. Dabei wollen sie sich die Eigenschaften eines Enzyms zunutze machen, das ein Baumpilz produziert - die Schmetterlingstramete. Die jungen Forscherinnen und Forscher haben schon die Erbinformationen des Enzyms isoliert. Sie wollen das Enzym nachbauen und damit Östrogene und andere Giftstoffe im Wasser abbauen. Sollte das gelingen, könnte eines Tages eine preiswerte Alternative zu den teuren Reinigungsverfahren mit Aktivkohle oder Ozon entstehen. Aber bis dahin ist es wohl noch ein sehr weiter Weg.



Stand: 06.09.2012



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